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Die Tatort Kolumne

Von Matthias Dell
15.02.2016

Ein Zufall ist das bestimmt nicht

Seit wann werden Qualität und Komplexität in Asozialität gemessen? Matthias Dell über den Tatort »Du gehörst mir«

Wahrscheinlich ist das Journalismus, dass man immer nach der Geschichte sucht, die sich erzählen lässt völlig unabhängig von den Geschichten, die man schon erzählt hat. In der vergangenen Woche erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Portrait des Drehbuchautors Jürgen Werner. Es trug den Titel »Schreibmaschine«, was vermutlich ironisch gemeint war, denn das Portrait war natürlich nicht dazu da, die Arbeit von Jürgen Werner nicht gutzufinden. Dabei trifft es »Schreibmaschine« ganz gut.

Den Anlass bot eine neue Folge der beliebten MDR-Nonnen-und-Bürgermeister-Serie »Um Himmels Willen«, zu der Jürgen Werner das Drehbuch verfasst hat. Auch, muss man sagen, denn Jürgen Werner verfasst sehr viele Drehbücher. »Jürgen Werner hat in manchen Jahren 20 bis 30 Drehbücher geschrieben: Routine statt Genie«, heißt es in dem Text, der sich gegen die bitteren Erkenntnis, die er gerade ausspricht, rasch etwas Trost einwirft: »Sein Dortmund-Tatort jedenfalls war im vergangenen Jahr für den Grimme-Preis nominiert.«

In solchen Momenten merkt man, wozu die Branchenpreise gut sind oder auch nur die Nominierung dafür: Man kann sie an die Stelle heften, wo ein Qualitätsnachweis gebraucht wird, sie ersetzen Argumente. Denn der »Tatort«, und speziell der aus Dortmund, fungiert in der SZ-Geschichte von Katharina Riehl als unhinterfragt besseres Anderes gegenüber der Nonnen-Bürgermeister-Förster-Serien-»Traumschiff«-Welt, die Jürgen Werner mit seinen Drehbüchern bedient und die im Text auch »schlicht« genannt wird. Aber dann ist von dem »von Leben ramponierten Kommissar Faber« die Rede und der Schluss lautet: »Weiter weg vom Forsthaus kann eine Fernsehfigur kaum sein.«

Das kann man so sehen, aber wenn man das tut: Seit wann wird Qualität und Komplexität in Asozialität gemessen? Oder anders gefragt: Könnte nicht der Kommissar in seiner Ramponiertheit immer noch genauso schlicht sein wie der Förster aus Falkenau in seiner Heileweltgottgleichheit? »Tatort« ist nicht automatisch der bessere Fernsehfilm, nur weil so viele gucken, worüber die ARD sich dann freut.

Das lehrt gerade diese Woche mit dem »Tatort: Du gehörst mir« (SWR-Redaktion: Ulrich Herrmann) aus Ludwigshafen nach einem Drehbuch von Jürgen Werner. Die Geschichte ist so stereotyp, dass man sich gut vorstellen kann, wie neben dieser noch 20 weitere im gleichen Jahr rausgehauen worden sind. Im Grunde funktioniert der Film wie ein Spiel, in dem alle Figuren nur Aufträge haben und keine ein Leben. Um die Toten herum gibt es drei verschiedene Verdächtige: Bodybuilderdrogendealer, eine potentiell rachsüchtige Mutter, eine wahnhaft liebende Freundin, die am Ende ihr Motiv der Videofunktion im Mobiltelefon erklärt, damit die Zuschauerin versteht, was sie vorher nicht sehen konnte.

Weder ist die Dramaturgie raffiniert, noch ein Milieu zu erkennen, noch interessiert man sich für eine der Figuren: Auf 45 Minuten runtergedampft könnte der Plot genauso gut bei »Notruf Hafenkante« oder »Soko Wismar« verwurstet werden, für die Jürgen Werner noch kein Drehbuch geschrieben hat. Das hätte den großen Vorteil, dass einem die permanent wechselnden, ziel- und sinnlosen Anzickereien zwischen Lena Ödenthal (Ulrike Folkerts), Kopper (Andreas Hoppe) und Johanna Stern (Lisa Bitter) erspart blieben. Die gröbsten Charakterisierungen folgen den untauglichen Fiktionen, mit denen man auf ARD-Drehbuchsitzungen vermutlich Eindruck machen kann: Dass Lena Odenthal eher bauchgesteuert sei (wegen der Erfahrung) und die junge Kollegin Stern eher kopfgesteuert (wegen der fehlenden Erfahrung) und der überflüssige Kopper irgendwas dazwischen. Das führt dann dazu, dass die Hauptkommissarin sagt: »Fakten reichen mir nicht.« Eine Ermittlerin. Im Land der Aufklärung.

Es macht wohl am meisten Sinn, die radikal uncharmante und sozial komplett dysfunktionale Figur der Johanna Stern als Projektionsfläche jener westdeutschen Rabenmutterverdammung zu sehen, die ihr Problem mit der Gleichstellung nicht gebacken kriegt: Seht her, das ist der Preis von Vereinbarkeit von Beruf und Familie – ein völlig unsympathische Person. Kopper: »Manchmal frag ich mich, wie Ihr Mann und ihre Kinder es auf Dauer mit Ihnen aushalten.«

Im SZ-Text über Jürgen Werner stand auch, dass er den neuen SWR-»Tatort« in Freiburg schreibt (mit Eva Löbau, Hans-Jochen Wagner und Harald Schmidt). Nach allem, was man wissen kann: Das ist keine gute Nachricht.

Eine Erkenntnis, die in Zukunft häufiger geäußert werden sollte:
»Es gibt kein schlechtes Karma mehr.«

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht:
»Alles Anzeichen für erhöhten Alkoholkonsum.«

Etwas für den Grabstein:
»Sie wollte die Welt zu einem besseren Ort machen.«

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Über diesen Blog

Die Tatort Kolumne

Matthias Dell schaut Fernsehen: alles über die öffentlich-rechtliche Sonntagabendkrimi-Saison.

BloggerInnen

  • Matthias Dell

    Matthias Dell ist Deutschlands Tatort-Kulturkommissar der Herzen – seine Kolumnen über den öffentlich-rechtlichen Sonntagabendkrimi sind schon in mehreren deutschsprachigen Zeitungen gelaufen. Der Filmexperte der Wochenzeitung »Freitag« ist auch Mitarbeiter bei der Zeitschrift »Theater der Zeit«. Matthias Dell hat Theaterwissenschaft und Komparatistik in Berlin und Paris studiert. Von ihm erschien unter anderem: »Herrlich inkorrekt«. Die Thiel-Boerne-Tatorte (Bertz+Fischer, 2012).

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