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Von André Anwar 02.01.2009 / Europa

Der »baltische Tiger« springt nach Europa

Vilnius und Linz sind Kulturhauptstädte 2009

Vilnius ist – neben dem österreichischen Linz – Europäische Kulturhauptstadt 2009. Die Finanzkrise in Litauen gefährdet jedoch das ambitionierte Programm, in dem auch die blutige Geschichte der Stadt nicht verschwiegen wird.
Vilnius
Sanierte Kathedrale am Rande der Altstadt von Vilnius

Eigentlich hat Europa keine offizielle Hauptstadt. Auch wenn einige meinen, dass es Brüssel sei. Allerdings wird seit 25 Jahren jährlich der Titel der »Europäischen Kulturhauptstadt« vergeben. Für 2009 wurde neben dem österreichischen Linz erstmals eine Stadt im Baltikum und in einer früheren Sowjetrepublik gekürt – Vilnius.

Für die 544 000 Einwohner zählende Hauptstadt Litauens ist der Zeitpunkt für das mit dem griffigen Namen »Vilnius09« bezeichnete Kulturjahrprojekt allerdings etwas ungünstig. Denn die Finanzkrise hat den noch vor Kurzem als »baltischer Tiger« bezeichneten Staat hart getroffen. So melden litauische Zeitungen, dass die Regierung rund die Hälfte des bereits bewilligten Kulturhauptstadtbudgets zurückziehen könnte.

Aber vielleicht, so hoffen die Litauer, bringt's der Tourismus wieder rein. Schließlich feiert Litauen parallel ein Jubiläum – und zwar ein tausendjähriges. Denn der Name des 1991 unabhängig gewordenen Landes wurde 1009 erstmals in den Quedlinburger Annalen schriftlich erwähnt. Heute ist Litauen, das 2004 der EU und der NATO beitrat, mit insgesamt 3,4 Millionen Einwohnern der größte der baltischen Staaten.

Ursprünglich sollten für »Vilnius09« 30 Millionen Euro für Kulturprogramme und 55 Millionen Euro für die Verbesserung der Infrastruktur ausgegeben werden. Insgesamt geht es um 120 Kulturprojekte mit 900 Veranstaltungen, die laut Programm einen Bogen zwischen nationaler und internationaler, zwischen traditioneller und moderner Kultur spannen sollen. Der deutsche »Lichtarchitekt« Gert Hof inszenierte für die Jahreswende eine 20 Minuten lange Licht- und Lasershow, in der die tausendjährige Geschichte Litauens aufleuchtete. Auch eine Kulturnacht, ein Straßenmusikfest, Opern- und Ballettaufführungen stehen auf dem Programm. Für die jüngere Generation ist das alternative Rockfestival »Be2gether« geplant. Es soll nach 2009 jährlich fortgeführt werden, wie auch viele der anderen Veranstaltungen.

Trotz Finanzkrise und drohendem Rotstift sind einige der zahlreichen baulichen Sanierungsvorhaben schon fertiggestellt. Die alte Universität und der als Symbol der Unabhängigkeit des Landes geltende Präsidentenpalast in der barocken, von der UNESCO als Weltkulturerbe eingestuften Altstadt sind schon renoviert. Vieles allerdings ist noch in Baugerüste gekleidet.

Daran, dass Vilnius noch vor 100 Jahren zur Hälfte eine jüdische Stadt war und dass sich hier gar die größte jüdische Bibliothek der Welt befand, will der jüdische Komponist Anatolijus Senderovas mit der Aufführung seines Werkes für »Vilnius09« erinnern. Zwar waren es vor allem die Deutschen, die für die Ermordung der jüdischen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg Verantwortung trugen. Aber etliche Einheimische unterstützten die 1941 ins Land gekommenen SS-Verbände eifrig.

»Es ist wichtig, Europa und die Welt an unsere Vergangenheit zu erinnern. Und es ist nicht weniger wichtig, unsere Gegenwart zu präsentieren, so dass alle an Litauen interessierten Europäer uns in ihrer Nachbarschaft wiederentdecken«, unterstrich Staatspräsident Valdas Adamkus.

Vilnius und Linz folgen als Europäische Kulturhauptstädte den Hafenstädten Liverpool in Grußbritannien und Stavanger in Norwegen, die den Ehrentitel im vergangenen Jahr trugen. Im Jahr 2010 wird sich dann das deutsche Essen die Würde mit Istanbul in der Türkei und Pécs in Ungarn teilen.

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