Intensivstation im Krankenhaus Tourcoing (Nordfrankreich)
Foto: AFP/Huguen
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Ein 57-jähriger Mann wurde in der Nacht zum vergangenen Sonntag von einem Notarztwagen auf der Suche nach einem freien Platz auf einer Intensivstation in der Pariser Region sechs Stunden lang herumgefahren. 27 Krankenhäuser wiesen den Patienten ab, bis dieser schließlich noch auf dem Transport verstarb.
Die Witwe will gegen den Staat wegen »unterlassener Hilfeleistung« klagen. Und der Präsident des Notärzteverbandes, Patrick Pelloux, forderte den Rücktritt von Gesundheitsministerin Roselyne Bachelot. Wegen der fortgesetzten Streichung von Mitteln und Stellen bis hin zur Schließung ganzer Stationen und Krankenhäuser sei die Lage im öffentlichen Gesundheitswesen mittlerweile »katastrophal«. Marc Giroud, der Präsident des landesweiten Netzwerks der Notarztstationen, SAMU France, machte darauf aufmerksam, dass an den Wochenenden, in Ferienzeiten und über die Feiertage vor allem Plätze auf den personalintensiven und teuren Intensivstationen geschlossen werden, um so massiv zu sparen. »Das ist eine gefährliche und unverantwortliche Entwicklung«, betonte der Mediziner. Und schließlich fragte der stellvertretende Verwaltungsratsvorsitzende der Öffentlichen Krankenhäuser von Paris, Jean-Marie Le Guen, »wie weit die Verschlechterung des Angebots im Gesundheitswesen angesichts der Sparzwänge noch gehen soll«.
Gesundheitsministerin Bachelot wies die Kritik der Mediziner zurück und bezichtigte sie der »politischen Instrumentalisierung« des bedauerlichen Einzelfalls, dessen Untersuchung sie angeordnet hat. Es gebe keine Lücken im Gesundheitswesen, höchstens Mängel bei der Organisation. Da jedes Krankenhaus für sich entscheide, wie viele Betten und Posten über Wochenenden und Feiertage eingespart werden, fehle es an Koordinierung und Übersicht über die vorhandenen Kapazitäten. Für die nächsten Monate kündigte die Ministerin ein Reformgesetz an, das zur Gründung »Regionaler Gesundheitszentralen« führen soll, die das Angebot »koordinieren und optimieren« sollen.
Die linken Oppositionsparteien bezichtigen die Rechtsregierung dagegen, das öffentliche Gesundheitswesen »wie ein profitorientiertes Wirtschaftsunternehmen führen« zu wollen. Damit würden die bereits bestehenden Ungerechtigkeiten noch vertieft.
Frankreich verfügt zwar über eines der leistungsfähigsten Gesundheitswesen der Welt, und die durchschnittliche Lebenserwartung – 75 Jahre für Männer und 83 Jahre für Frauen – ist höher als in den meisten anderen EU-Ländern. Doch es gibt auch ein krasses soziales Gefälle. Da die gesetzlichen Krankenkassen nur einen nach der Schwere der Krankheit gestaffelten Teil der Behandlungs- und Medikamentenkosten erstatten, sind die Patienten für den Rest auf Zusatzkassen angewiesen, die sich aber nur vier von fünf Franzosen leisten können. Allzu viele verzichten aus Kostengründen auf den Gang zum Doktor. Für Sozialhilfeempfänger gibt es zwar eine kostenlose Gesundheitsversorgung, doch da diese den Ärzten nur den Regelsatz erstattet, werden solche Patienten von den meisten niedergelassenen Medizinern nicht behandelt, die – völlig legal – über den Regelsatz hinausgehende Honorare verlangen. In der Praxis hat dies zur Folge, dass die Ärmsten der Armen bei Krankheiten zur Notaufnahme der Kliniken gehen, die jedermann kostenlos behandeln müssen. Dieser massenweise, aber systembedingte Missbrauch blockiert die Notaufnahmen für wirklich ernste Fälle.
Darüber hinaus gibt es ein tiefes regionales Gefälle im französischen Gesundheitswesen. Die sozialen Problemregionen im Norden sind medizinisch viel schlechter versorgt als Südfrankreich, wo eher bessergestellte Familien leben. Entsprechend entscheiden sich viele Ärzte bei ihrer Niederlassung: Zählt man in Nordfrankreich nur 58 Fachärzte pro 100 000 Einwohner, so sind es im Süden 136. Zu den Folgen gehört, dass die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern im Norden nur 69 Jahre beträgt.
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