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Von Gunnar Decker 08.01.2009 / Medien / Film
Film

Das Gespenst im Spiegel

»Jerichow« – Christian Petzold lässt uns in Abgründe blicken

Nina Hoss, Benno Fürmann (l) und Hilmi Sözer in Jerich
Nina Hoss, Benno Fürmann (l) und Hilmi Sözer in Jerichow

Christian Petzolds Filmfiguren sind gefährlich. Mehr muss man eigentlich nicht über »Jerichow« sagen. Sie provozieren mit Leerstellen; die müssen wir Zuschauer mit uns füllen. Was wir bekommen, ist nicht angenehm – ein Abgrund, einer, den wir in uns tragen und gewöhnlich selten zu Gesicht bekommen. Es ist die Dimension der Sprachlosigkeit, die anderes meint als bloßes Verschweigen.

Christian Petzold lässt in seinen Filmen Raum für die mythische Dimension der Worte – das erkennen wir paradoxerweise gerade dann, wenn niemand etwas sagt. Worüber die Menschen sprechen, zeigt uns »Jerichow«, ist nicht das, worüber sie eigentlich sprechen wollen. Es ist der Lärm um die eigene Sprachlosigkeit herum. Der Gestus, mit dem Christian Petzold seine Filme macht, kommt uns in einer pausenlos redenden Zeit sehr fremd vor. Das will er auch – das Altvertraute soll uns fremd werden. Ein Exerzitium. Ein magischer Minimalismus. Denn Worte lassen sich zuletzt auf Zaubersprüche zurückführen – dann, wenn sie etwas bewirken wollen. Insofern geht in jedem seiner großartigen Filme (»Die innere Sicherheit«, »Toter Mann«, »Yella«, »Gespenster«) etwas mit, das nicht filmkompatibel ist. Es kommt uns da-rum unheimlich, gespenstisch vor. Und plötzlich merken wir: Das ist die Wirklichkeit selber! Die schon lange in Deutschland lebende katalanische Malerin Nuria Quevedo schrieb kürzlich, es komme ihr so vor, als ob den Deutschen fast immer vor dem Gespenstischen schaudert, »die Lateiner aber im Gespenst das vertraute Spiegelbild der eigenen Seele erkennen«. Nein, Petzold muss nicht erst ausziehen, das Fürchten zu lernen. Er hat sie, die Angst vor dem Unbekannten, der unsichtbaren Drohung in allem Alltag, dem Dämonischen der Normalität – und gleichzeitig fasziniert sie ihn. Ein Spiel an Grenzen und mit Grenzen.

»Jerichow« ist ein Ort in der Prignitz und ein biblischer Name, der nichts Gutes verheißt. Wer hier lebt, muss starke Gründe dafür haben, glaubt man. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die meisten leben in solchen Orten in der Provinz, weil sie den Antrieb verloren haben fortzugehen. Oder sie haben auch das schon hinter sich und kommen zurück wie der ehemalige Zeitsoldat Thomas (ohne sichtbare Regung: Benno Fürmann) aus Afghanistan. In Unehren entlassen, mehr wissen wir nicht. Er kommt zurück zur Beerdigung seiner Mutter. Petzold beschreibt die Atmosphäre der Figuren in »Jerichow« so: »Sie kriechen wie verwundete Tiere in die Häuser der Eltern zurück.« Gäste gibt es keine zur Beerdigung, nur zwei Männer, denen schuldet er Geld. Dann bekommt Thomas einen Schlag auf den Kopf, liegt lange im Garten, bis sogar die Rehe keine Scheu mehr vor ihm haben – und dann geht der Film weiter, mit Thomas, der nie sein unbeteiligtes Gesicht verliert, bei all der sich langsam andeutenden Dramatik seines Lebens. Lebt er überhaupt, oder ist dies – wie schon in »Yella« – eine Art Todestraum? Es bleibt in der Schwebe, wie alles in diesem hochkonzentrierten Film, der sich mit der Präzision eines gelungenen Essays im Bereich der ungenauen Dinge bewegt.

Heimat ist nirgends, Traum ist Albtraum. Das ist der Realismus Petzolds. Ein Drei-Personen-Stück mitten im Unbehagen der Existenz. Thomas trifft Ali, einen türkischen Imbissbudenkettenbesitzer, der, weil er trinkt, seinen Führerschein verloren hat und einen Chauffeur braucht. Dieser Ali (eindrucksvoll: Hilmi Sözer) ist ein Phänomen – der fremdeste unter den Fremden in »Jerichow« und zugleich derjenige, der den stärksten Widerstand gegen die Apathie der Verhältnisse leistet. Klein, dick, nicht gesund, hat er sich doch ein Haus gebaut und eine Frau an sich gebunden. Einer, der sich in Leben verkrallt. Allerdings, Laura liebt Ali nicht, und der leidet darunter. Nina Hoss ist Laura, diese nicht mehr ganz junge Frau mit Vorleben, die gerade dabei ist, ihre Schönheit zu verlieren. Eine verlorene Seele, eine Unerlöste – eine Untote gar? Nina Hoss kann das spielen, indem sie nicht spielt, sondern gleichsam sie selbst in der Erstarrung ist. Zurückgestautes Leben, von dem man nicht weiß, ob und wie es nochmals hervorbrechen wird. Ja, der Filmmagier Petzold experimentiert erfolgreich mit festen und flüssigen Aggregatzuständen.

In Laura beginnt es tatsächlich zu fließen, sie erwacht zum Leben, zur Jugend. Das liegt an Thomas. Was jetzt folgt, ist keine gewöhnliche Dreiecksgeschichte, sondern ein Traktat über Vertrauen und Verrat – und über das, was Liebe anzurichten vermag, im Guten wie im Bösen. Sie macht uns mit uns selbst vertraut und fremd zugleich. Sie verstrickt, schafft Abhängigkeiten, kappt Bindungen, bleibt ein Geheimnis, das hinterher, in der Ernüchterung, immer wirkt wie ein simples Rätsel, zu dem die Lösung von Anfang an offen lag.

Das ist das Unheimliche, wovon »Jerichow« handelt, ohne eigentlich zu handeln. Das gewöhnliche Leben von seiner Nachtseite gesehen, um die Traumdimension (die auch den Tod einschließt) erweitert. Petzold, der Regisseur dieser zwischen den Wirklichkeitsebenen oszillierenden Bilder, ist ein moderner Romantiker, ein E.T.A. Hoffmann des deutschen Kinos. Er hat den Mut zur Vollendung im Fragment. Das ist ebenso einmalig wie auf unheimliche Weise schön.

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