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Von Andreas Fritsche 08.01.2009 / Inland

Die Lebenden und die Toten von Treuenbrietzen

Potsdamer Staatsanwaltschaft ermittelt gegen sowjetische Soldaten wegen Erschießungen im April 1945

Freier Blick auf den Heldenhain nach der Umgestaltung des sowjet
Freier Blick auf den Heldenhain nach der Umgestaltung des sowjetischen Ehrenfriedhofs davor

Helmut Päpke zeigt auf die Namen der toten Soldaten. Der 74-Jährige steht auf dem Triftfriedhof von Treuenbrietzen. Hier sind Deutsche begraben, die im April 1945 ihr Leben verloren. Einmal im Jahr legt Päpke Blumen hin. »Ich habe sie noch gesehen.« Junge Männer – manche in Wehrmachtsuniformen, andere in der Kluft des Reichsarbeitsdienstes – marschierten durch einen Vorort der Stadt. »Ihr könnt bald in eure Wohnungen zurück«, behaupteten sie in dem unsinnigen Gefühl eines nahen Sieges. Doch wohin hätten Päpkes gesollt. Sie waren ausgebombt.

Auf dem Triftfriedhof liegen auch Zivilisten, erschossen am 23. April 1945 von sowjetischen Soldaten. Deswegen ermittelt jetzt die Potsdamer Staatsanwaltschaft. Ein »Forum zur Aufklärung und Erneuerung« hatte Anzeige erstattet. Die Staatsanwaltschaft bat russische Stellen um Hilfe. Eine Antwort ist bislang nicht eingetroffen, sagt Sprecher Christoph Lange.

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Auf dem Triftfriedhof

Das historische Ereignis passte in der DDR schlecht ins Bild vom Rotarmisten und wurde ungern verbreitet. In den 80er Jahren gab die SED-Kreisleitung Jüterbog eine Broschüre zur Befreiung vom Faschismus heraus. Geschichtslehrer Päpke verfasste einen großen Teil des Textes. Er schrieb auch einen Abschnitt über die Vergeltungsaktion. Doch der wurde gestrichen. Angeblich mangelte es an Papier.

Heute passen die Erschießungen in ein Geschichtsbild, in dem das Wort Befreiung nicht mehr vorkommen soll, und in eine Zeit, da der Obelisk auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof weichen musste, weil er die Sichtachse auf den sogenannten Heldenhain für die Toten des Deutsch-Französischen Kriegs und des Ersten Weltkriegs störte – und wo es seine Zeit dauerte, bis der ehemalige jüdische Friedhof endlich markiert wurde.

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Helmut Päpke

Suche nach Wahrheit

Über das Massaker von Treuenbrietzen berichten Fernsehsender und Zeitungen seit der Wende immer wieder. In den vergangenen Jahren stieg die genannte Zahl der Opfer stetig, registrierte Päpke, der bis zur Kommunalwahl im September der Linksfraktion in der Stadtverordnetenversammlung angehörte. Von 1000 und mehr zivilen Opfern ist die Rede – auch Frauen und Kinder sollen darunter gewesen sein. Es kursieren verschiedene Versionen über den Anlass und unterschiedliche Zeitangaben.

Päpke kennt keine genaue Zahl. In den Unterlagen des Standesamts fand er für den 23. April 1945 hinter 88 Namen den Vermerk »erschossen« – alles Männer. Das reicht ihm aber nicht. Sicher ist, dass es mehr Opfer gab. Aber wie viele? Päpke möchte weitere Quellen sichten. Wichtiger als die Zahl findet der Historiker, die Vergeltungsaktion richtig einzuordnen. »Man kann die Geschichte nicht so erzählen, als ob sie erst am 23. April 1945 anfängt.«

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Friedhof für zivile Opfer in Berliner Siedlung nahe der alten Munitionsfabrik

Schüsse des SS-Manns

Dabei braucht Päpke gar nicht den 1. September 1939 oder den 22. Juni 1941, die Überfälle auf Polen und die Sowjetunion, zu nennen. Es reicht ein Hinweis auf den 19. April 1945. Damals rasteten Rotarmisten der 10. Mechanisierten Gardebrigade auf dem Markt von Calau. Aus einem Haus wurden sie beschossen. Es gab Tote. Das rechtfertigt den Exzess vier Tage später nicht, aber es gehört zu seiner Erklärung. Am 21. April besetzte die Gardebrigade kampflos Treuenbrietzen. Schwache deutsche Verbände setzten sich ab. Am Rathaus wehte die weiße Fahne. Doch der Zweite Weltkrieg war für Treuenbrietzen damit noch nicht zu Ende.

Die faschistische 12. Armee unter General Wenck stieß in Richtung auf die heutige Bundesstraße 2 vor. Sie sollte sich mit den deutschen Truppen im Kessel von Halbe vereinigen und dann Hitler in Berlin heraushauen. Wencks Leute eroberten das schon befreite Zwangsarbeiterlager zurück, das zur Munitionsfabrik Sebaldushof gehörte, und ermordeten 127 italienische Kriegsgefangene. Das geschah am 23. April 1945.

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Gedenkstätte Sebaldushof unter freiem Himmel

SS-Mann Schröder muss das Herannahen der Armee Wenck mitbekommen haben. Etwa einen Kilometer entfernt hockte er auf einem Dachboden und eröffnete offenbar das Feuer auf die sowjetische Stabswache vor den gegenüberliegenden Gebäuden. Schröder tötete mehrere Soldaten und flüchtete. Vermutlich als Reaktion darauf ergriffen sowjetische Soldaten in den anliegenden Straßen und in der Berliner Siedlung, einer Art Werkssiedlung der Munitionsfabrik, deutsche Zivilisten und erschossen sie. Die Schlacht wogte hin und her. Die Armee Wenck drang mehrmals in Treuenbrietzen ein, konnte die Stadt jedoch nie ganz einnehmen. Im Handgemenge und im Häuserkampf starben ebenfalls Zivilisten. Außerdem töteten fanatische Nazis in Panik ihre Kinder oder begingen Selbstmord.

»Es gab durchaus 1000 deutsche Opfer, aber da sind solche Fälle und Soldaten mitgerechnet«, glaubt Päpke. Es heißt jetzt, in der DDR sei das Massaker vertuscht worden. Willibald Jacob sieht das anders. Er wirkte von 1959 bis 1966 als Pfarrer in Treuenbrietzen. Am Totensonntag 1959 habe er erstmals Witwen von Erschossenen gesprochen, die ihm »davon erzählt haben«, berichtet Jacob. Ab 1961 sei ihm offiziell gestattet gewesen, auf allen Friedhöfen öffentliche Andachten abzuhalten – auch auf dem Triftfriedhof, der übrigens 1947 auf Veranlassung des Kommunisten Herbert Heckel angelegt wurde.

Heckel war nach dem Krieg stellvertretender Bürgermeister. Jeder habe gewusst, an wen da erinnert wird, betont der Pfarrer. Und die Andachten erfolgten mit Billigung der sowjetischen Streitkräfte. Jacob wirbt um ein »gewisses Verständnis« für das Verhalten der Rotarmisten angesichts bestialischer Nazi-Verbrechen in ihrer Heimat. Das sei in seiner Gemeinde auch einigen Hinterbliebenen der erschossenen Deutschen klar gewesen, so schmerzlich der Verlust der Angehörigen auch sei.

Sieben Grad unter Null herrschen gerade in Treuenbrietzen. Hart gefroren ist die schwarze Erde auf dem Triftfriedhof und bedeckt mit weißem Raureif, aber die Farben Schwarz und Weiß reichen nicht aus, um ein Bild von den Ereignissen im April 1945 und danach zu zeichnen.

Päpke hörte inzwischen, dass Mitte der 50er Jahren die SED-Kreisleitung über das Thema diskutierte und dann anregte, Kränze auf dem Triftfriedhof abzulegen. Vertuschen wäre gar nicht möglich gewesen. Es gab genug Zeugen. Dem SS-Mann Schröder gelang 1945 die Flucht nach Westen. Er erlebte noch die deutsche Einheit. In Treuenbrietzen soll er sich allerdings nicht mehr blicken gelassen haben. Ihm war wohl bewusst, dass er die schreckliche Vergeltungsaktion ausgelöst hatte.

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