»Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Lichte der Evolution«, schrieb 1937 der aus Russland stammende US-Genetiker Theodosius Dobzhansky, der ein erklärter Gegner des Kreationismus war. Der Lehre also, dass man bereits in der Bibel nachlesen könne, wie das Leben auf der Erde entstanden sei.
Um es gleich vorweg zu sagen: In Deutschland ist der Zahl der Biologen und Biologielehrer, die dem Kreationismus anhängen, äußerst gering. Dennoch gibt es auch im akademischen Bereich hin und wieder Versuche, Schöpfungslehre und Evolutionstheorie als gleichrangig darzustellen. Ein Beispiel aus Hessen: Hier sollte im Mai 2007 eine Lehrerfortbildung stattfinden – Thema: »Warum Schöpfungsmythen im Biologieunterricht nicht zu suchen haben«. Doch dem Tübinger Wissenschaftshistoriker Thomas Junker, der darüber zu referieren beabsichtigte, wurde die zuvor erteilte Genehmigung wieder entzogen. Mit der Begründung, es könne bei dieser Veranstaltung zu »einer einseitigen Indoktrinierung der hessischen Lehrerschaft« kommen.
Im Oktober desselben Jahres verabschiedete der Europarat eine Resolution, in welcher die Regierungen der 47 Mitgliedstaaten aufgefordert werden, den Kreationismus nicht als gleichberechtigte Disziplin neben der Evolutionstheorie im Biologieunterricht zuzulassen. Allein die christdemokratische Fraktion hatte sich im Vorfeld gegen die Resolution ausgesprochen, da man meinte, sie sei »unausgewogen«. Oder, wie der deutsche CDU-Politiker Axel Fischer erklärte: »Sowohl die Evolutionstheorie als auch die Kreationismustheorie sind Theorien, die uns helfen können, die Welt zu verstehen.« Wie sich denken lässt, stimmte Fischer gegen die genannte Vereinbarung.
Dass Menschen häufig zu Vorstellungen neigen, die man gemeinhin als kreationistisch bezeichnet, hat indes nicht nur etwas mit versteckter Indoktrination zu tun. Es ist oft auch ein Resultat der individuellen Entwicklung. »Die meisten Kinder werden in unserem Kulturkreis schon in frühester Kindheit und immer wieder mit Geschichten über den Ursprung des Lebens konfrontiert«, sagt der Dortmunder Biologiedidaktiker Dittmar Graf. Diese Geschichten fußen zumeist auf dem biblischen Schöpfungsmythos, der dem kindlichen Bemühen, sich ein Bild von der Entstehung der Welt zu machen, in vielen Punkten entgegenkommt. Denn Kinder gewinnen ihre Erkenntnisse häufig durch Analogiebildungen. Und da in ihrer Erfahrungswelt viele Dinge hergestellt werden, liegt der Schluss nahe, dass auch die Welt von jemandem erschaffen wurde. Man könne mithin davon ausgehen, meint Graf, »dass viele Schülerinnen und Schüler mit verinnerlichten Schöpfungsvorstellungen in den Evolutionsunterricht kommen, der im Rahmen des Schulfaches Biologie meist erst gegen Ende der Sekundarstufe I einsetzt.«
In den USA haben Forscher detailliert untersucht, wie Kinder über die Entstehung und Entwicklung des Lebens denken. Ein 10-Jähriger erklärte zum Beispiel: »Gorillas sind die Vorfahren der Leute.« Solche naiv-evolutionären Erklärungen kommen allerdings nur selten vor. Die meisten Kinder gehen von einer Schöpfung aus, wie jener 9-Jährige, der kurz und bündig feststellte: »Menschen: Gott hat sie gemacht.« Verbreitet ist aber auch die Idee der Urzeugung, wonach Leben immer wieder spontan aus unbelebter Materie entsteht. Ein 7-jähriges Kind meinte etwa: »Höhlenmenschen: sie waren da, entstanden in der Höhle.«
Wie die Forscher weiter herausfanden, lassen die meisten Kinder nach der 2. Klasse die Idee der Urzeugung wieder fallen. Dafür häufen sich die naiv-evolutionären Erklärungen, die allerdings an der Dominanz der Schöpfungsvorstellungen nicht zu rütteln vermögen. Das heißt: Damit Schüler die Evolutionstheorie akzeptieren und verstehen, ist ein entsprechender Unterricht im Fach Biologie unerlässlich.
Gleichwohl stellt sich dabei der Erfolg nicht automatisch ein. Im Wintersemester 2006/07 befragte Graf an der Technischen Universität Dortmund 1228 Lehramtsstudenten zum Thema Evolution. Dass in der Natur überhaupt eine Evolution stattgefunden hat, daran zweifelten nur wenige. Wissenslücken zeigten sich vor allem beim Verständnis der Evolutionsmechanismen. In einem Fall sollten die Studenten bestimmen, welcher von vier beschriebenen Löwen der »fitteste« sei. Doch statt die Fitness, wie es richtig gewesen wäre, an der Zahl der erwachsenen Nachkommen zu messen, entschieden sich die meisten für einen Löwen, der fähig war, seine Fressgewohnheiten zu ändern. Viele Studenten neigten überdies dem Lamarckismus zu. Das heißt, sie gingen fälschlicherweise davon aus, dass Eigenschaften, die ein Individuum im Laufe seines Lebens erwirbt, an die Nachkommen vererbt werden. Eines ist dennoch augenfällig: Studierende, die in der Oberstufe einen Biologie-Leistungskurs besucht hatten, erzielten durchweg bessere Ergebnisse als jene, die nur einen Grundkurs absolvierten.
Graf zieht aus den Ergebnissen der Studie den Schluss, dass der Evolutionsunterricht in der Schule früher beginnen sollte, wenn möglich bereits in den unteren Klassen der Sekundarstufe I sowie vorbereitend im Sachkundeunterricht der Grundschule. Hierbei wäre es allerdings ratsam, unmittelbar an die lebensweltlichen Vorstellungen der Schüler anzuknüpfen. Das heißt, diese sollten selbst verstehen lernen, dass man im Rahmen der Evolutionstheorie die Genese des Lebens erklären kann, ohne dafür einen Schöpfer zu benötigen. Aber auch seine eigene Zunft ließ der Biologiedidaktiker nicht ungeschoren. Denn um einen erfolgreichen Unterricht durchführen zu können, müsse man den Lehrkräften zuvor fundierte Erkenntnisse über die Evolution vermitteln. Graf: »Diesbezüglich gibt es an vielen Universitäten erheblichen Nachholbedarf.«
Literaturempfehlung: C. Antweiler, C. Lammers, N. Thies (Hrsg.): Die unerschöpfte Theorie. Evolution und Kreationismus in Wissenschaft und Gesellschaft. Alibri Verlag, Aschaffenburg 2008, 224 Seiten, 15 Euro.
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