12.01.2009
20 Jahre nach '89 - 52 Geschichten

Was etwas taugte, wirkt wie Hefe

Gespräch mit Gregor Gysi über zwei Drittel DDR und ein Drittel BRD

ND blickt zurück: auf Ereignisse, Erlebnisse und Erwartungen aus dem »Wendejahr« 1989, wie es zu ihnen kam, und was aus ihnen wurde. Die neue ND-Serie erscheint das ganze Jahr über in der Montagausgabe. In der zweiten Folge publizieren wir ein Gespräch mit Gregor Gysi, das Wolfgang Hübner und Jürgen Reents geführt haben. Der heutige Fraktionschef der LINKEN im Bundestag wurde am 9. Dezember 1989 zum Vorsitzenden der SED gewählt, die sich kurz darauf in SED-PDS, am 4. Februar 1990 dann in PDS umbenannte.
Bei der Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz
Bei der Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz

ND: Wenn Sie an Anfang 1989 zurückdenken, was fällt Ihnen da als erstes ein?
Gysi: Eine beachtliche Unruhe in der Gesellschaft. Die SED reagierte auf bestimmte Dinge gar nicht mehr. Wo sie früher ganze Kommissionen geschickt hätte, wirkte sie irgendwie schon ohnmächtig. Man konnte Dinge sagen und machen und alles blieb ohne Reaktion. Aber ich hatte keine Ahnung, dass das Ganze zu Ende gehen würde.

Sie hatten aber den Eindruck, dass es ein besonderes Jahr wird, auch wegen des 40. Jahrestages?
Nein, das wäre übertrieben. Jahrestage der DDR waren für mich als Anwalt vor allem wichtig wegen Amnestien, ansonsten habe ich in solchen Kategorien nicht gedacht. Für mich persönlich war 1988 ein besonderes Jahr, weil ich das erste Mal in den Westen reisen durfte. Das war eine gravierende Veränderung für mich. Und da ich von dieser Reise zurückkam, war das fortan auch keine Schwierigkeit mehr für mich. Ich durfte mich nun sogar zu rechtlichen Fragen im Westfernsehen äußern, mein erster und einziger Auftritt war Anfang 1989 in »Kennzeichen D«.

Worum ging es dabei?
Es ging um völlig neues Recht in der DDR, nach dem bestimmte verwaltungsrechtliche Entscheidungen gerichtlich nachprüfbar wurden. Dazu gehörten auch Ablehnungen von Demonstrationen und von Ausreiseanträgen. Der Reporter, Schmitz hieß er, fragte akribisch alle Instanzen ab, die eine solche Beschwerde durchlaufen konnte, und am Schluss: Was kann ein Betroffener machen, wenn seine Beschwerde von der höchsten dafür zuständigen Instanz abgelehnt wird. Ich antwortete: Dann hat er die Möglichkeit, entweder eine Ordnungswidrigkeit zu begehen, indem er die Demonstration dennoch durchführt, oder er lässt es bleiben, weil der die Genehmigung nicht bekommen hat.

Hatten Sie eine Genehmigung für das Interview?
Ja klar, vom Justizministerium. Nach der Wende erzählte mir jener Schmitz, er habe festgestellt, dass dieser Sendebeitrag der verbreitetste im Ministerium für Staatssicherheit war. Viele MfS-Mitarbeiter wurden beauftragt, sich das anzusehen. Und Egon Krenz erzählte mir nach der Wende, auch Honecker habe es sich angesehen und zu ihm gesagt, das ginge doch zu weit.

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Auf der ersten Pressekonferenz als Parteivorsitzender am 12.01.1989 (links Bisky, rechts Berghofer)

Im März 1989 machte dann der »Spiegel« ein Interview mit Ihnen. Sie waren damals Vorsitzender der Rechtsanwalts-Kollegien in der DDR, hatten u. a. Rudolf Bahro und Robert Havemann verteidigt.
Ja, auch da ging es um die rechtliche Entwicklung in der DDR. Und interessant bei diesem Interview war folgendes: Ich wollte mit der Fassung, die der Redakteur mir zur Autorisierung gegeben hatte, zur Abteilung Staat und Recht des ZK der SED gehen – ein solches Interview war für mich doch nicht ganz ohne; ich wollte sicher sein, dass mir niemand hinterher einen Strick daraus dreht. Aber keiner der Zuständigen hatte Zeit, sich das anzusehen.

Keiner, in dem großen Apparat?
Die Wahrheit wird sein, dass niemand eine Mitverantwortung übernehmen wollte. Alle werden gedacht haben: Ich bin doch nicht verrückt, nur damit Gysi hinterher sagen kann, er habe es mir vorher gezeigt. Also machte ich es alleine.

Was war für Sie persönlich das schönste Ereignis von 1989 und was das ärgerlichste?
Die Begriffe passen nicht, es gab erstaunliche Ereignisse. Das erstaunlichste Ereignis für mich war, dass die Schauspielerin Johanna Schall – eine Enkelin von Brecht – mich bat, im Deutschen Theater Fragen zu den Demonstrationen in Leipzig zu beantworten. Ich dachte, da sitzen so acht Leute auf der Bühne und dann komme ich zwei Mal mit irgendeiner Rechtsfrage dran. Aber ich war völlig allein auf der Bühne und der Saal gerammelt voll. Auf ein solches Solo war ich nicht vorbereitet. Es wurde ein tolles Erlebnis, mit einer Bemerkung von mir am Schluss, die Folgen hatte: Ich sagte, alle diese Demos in Leipzig seien formalrechtlich illegal, denn sie wurden nie angemeldet. Mich würde mal interessieren, was passierte, wenn man jetzt eine Kundgebung anmeldete, ob das gelänge. Anschließend kam Johanna Schall zu mir und sagte: Du hast da eine Idee entwickelt, in die haben wir uns verliebt. Wie machen wir das jetzt? So ist der 4. November entstanden, die Demonstration von einer Million Menschen auf dem Alexanderplatz, auf der grundlegende Reformen gefordert wurden.

Bei Ihrer Rede am 4. November ahnten Sie dann aber, was noch auf Sie zukommen könnte?
Nein. Allerdings entwickelte sich bei mir ab Mitte 1988 eine Unruhe und der Wunsch, die Gesellschaft zu verändern. Es reichte mir nicht mehr, als Anwalt eine Einzelne oder einen Einzelnen zu vertreten. Ich war angeregt durch die Veränderungen, die Gorbatschow in der UdSSR einleitete, und erregt über meine Parteiführung, die alles tat, um Vergleichbares in der DDR zu verhindern. Das führte zu grotesken Situationen: Zum ersten Mal kam ein Mandant zu mir, dem eine Ordnungsstrafe aufgebrummt worden war, weil er an die Fernsehantenne seines Hauses den Spruch »Von der Sowjetunion lernen, heißt Siegen lernen« angebracht hatte. Die Begründung war, dass man an Antennen nichts anbringen dürfe.

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In der Volkskammer, 10. Juli 1990

Wo waren Sie, als die Mauer geöffnet wurde?
Im Bett, ich schlief schon, weil ich am nächsten Morgen in einem Prozess verteidigen musste. Meine Lebensgefährtin rief mich nach Mitternacht an und sagte, die Mauer sei auf. Sie fragte mich, ob wir nicht rübergehen wollen. Ich antwortete ihr, das sei jetzt nicht die Uhrzeit für Scherze. Aber dann schaltete ich den Fernseher ein und sagte ihr, das ist der Anfang vom Ende der DDR, darüber muss ich erst mal nachdenken. Daraufhin sagte sie, dass das Quatsch sei, die gehen alle bloß einen Kaffee trinken und kommen dann wieder. Ich blieb trotzdem zu Hause. Ich kannte ja unsere Gerichte und dachte mir, die werden die Verhandlung nicht ausfallen lassen. Dafür wollte ich fit sein.

Bei der Vereinigung hätte vieles anders gemacht werden müssen, haben Sie immer gesagt. Auch anders gemacht werden können?
Davon bin ich überzeugt. Es gab keinen Zwang, so Hals über Kopf und mit so wenig Garantien in die Vereinigung zu gehen. Aber das Entscheidende ist: Die Vereinigung war so organisiert, wie Menschen strukturiert sind – sie wollen siegen. Und das ist etwas anderes, als den Weg der besseren Lösung für alle zu suchen. Die Bundesregierung war nicht bereit, über eine neue Verfassung nachzudenken, die die Vorzüge des Grundgesetzes mit den am Runden Tisch geborenen Ideen verknüpft hätte. Wohl auch deswegen nicht, weil der neue deutsche Staat damit die Rechtsnachfolge für beide untergegangenen deutschen Staaten angetreten hätte. Juristisch hätte dies ganz andere Konsequenzen gehabt, vor allem hätte es einen gleichberechtigteren Prozess bedeutet. So sind wir Ostdeutschen bloß beigetreten und werden auch so behandelt.

Sie sehen den Osten nach wie vor gedemütigt?
Das lässt sich, trotz auch positiver Entwicklungen, immer noch spüren. Man hat sich im Westen doch gar nicht angesehen, was es im Osten gab, weil es innerlich per se abgelehnt wurde. Hätte man wenigstens acht bis zehn positive Strukturen, Einrichtungen oder Regelungen aus dem Osten in ganz Deutschland eingeführt, dann hätte dies das Selbstbewusstsein der Menschen im Osten gestärkt und den Menschen im Westen wäre das Erlebnis gegönnt worden, dass auch ihre Lebensqualität durch die Vereinigung gestiegen wäre. Die Westdeutschen haben keine Erinnerung an die Vereinigung, die ihr eigenes Leben positiv beeinflusst hat; sie haben ein Glas Sekt getrunken und seitdem sehen sie es so, dass der Osten ein Fass ohne Boden ist, dass die Ossis rumnörgeln, komisch wählen usw.

Nun gibt es z.B. Bemühungen, medizinische Versorgungszentren nach dem Muster der Polikliniken in der DDR aufzubauen.
Sehr schön, aber genau damit ist das Problem beschrieben: Die Polikliniken wurden vor 18 Jahren im Osten abgewickelt. Nun finden sie viele gut, aber niemand zwischen Kiel und Passau verbindet das noch mit dem Osten. Wären solche Einrichtungen gleich mit der Vereinigung in ganz Deutschland übernommen worden, dann hätten wir einen ganz anderen mentalen »Vereinigungsstand«.

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Gysi und Bisky 1999: Einer trage des anderen Last

Ab wann etwa haben Sie geahnt, dass der schnell rasende Einheitszug nicht mehr aufzuhalten ist?
Nachdem ich zunächst mit Gorbatschow telefoniert hatte und ihn dann in Moskau traf. Er hatte seine Auffassung in den gut sieben Wochen dazwischen erheblich gewandelt.

Das Telefonat fand am 11. Dezember statt, das Treffen in Moskau am 2. Februar 1990.
Richtig. Und am Telefon sagte er zu mir, wenn ich die SED aufgebe, gebe ich die DDR auf; wenn ich die DDR aufgebe, gebe ich die Sowjetunion auf. Das war ein bisschen viel auf den Schultern eines kleinen Berliner Advokaten. Aber abgesehen davon: Als ich dann in Moskau war, waren das gar nicht mehr die Fragen, die ihn interessierten, da ging es schon um die Währungsunion. Sein Positionswandel hatte wohl mit seiner Erkenntnis zu tun, dass die Sowjetunion zwar noch eine formalrechtliche Stellung gegenüber der DDR hatte, aber nicht mehr so mächtig war, Politik darauf aufzubauen. Meine Vorstellung, dass die Sowjetunion souverän entscheidet, hatte sich damit erledigt. Und dass die Bevölkerung der DDR die DDR nicht hielt, war deutlich zu spüren.

Gibt es rückblickend etwas im Vereinigungsprozess, von dem Sie sagen würden: Da haben wir, da habe ich einen Fehler gemacht bzw. das haben wir nicht genügend angepackt?
Ja. Ich hätte mir unbedingt im Juni 1990 noch einen weiteren Termin bei Gorbatschow organisieren müssen, um ihm zu sagen, auf welche Dinge er meines Erachtens bestehen müsse. Zwar weiß ich nicht, ob er es dann gemacht hätte, aber vielleicht hätte er ein paar Gedanken doch übernommen. Immerhin hat Kohl alle Wünsche erfüllt, die Gorbatschow geäußert hat. Gorbatschow hat sich z. B. später auf unser Drängen hin für das Parteiarchiv der SED eingesetzt. Erst nach einem Brief von ihm an Kohl war die Bundesregierung zu Verhandlungen mit uns bereit, das Archiv wurde 1992 als unser Eigentum in das Bundesarchiv überführt und so für die Forschung gerettet. Da habe ich mir gesagt: Das hättest Du auch bei anderen Dingen erreichen können. Aber dafür war es dann zu spät.

Hatten Sie im Nachhinein mal den Gedanken, es wäre besser gewesen, die SED aufzulösen?
Nein, das wäre – zumindest unmittelbar nach dem Rücktritt des Zentralkomitees im Dezember 1989 – unverantwortlich gewesen. Die Prozesse wären unbeherrschbar geworden. Man darf nicht vergessen, dass der Fortbestand der transformierten SED als PDS auch wesentlich dazu beigetragen hat, dass die Auflösung der DDR so friedlich erfolgte. Theoretisch wäre es ab Frühsommer 1990 möglich gewesen, nachdem die Volkskammer gewählt war und die Regierung de Maizière stabil existierte. Aber da waren wir nun schon durch so viele Schwierigkeiten gegangen, da wäre ein Aufgeben aus anderen Gründen falsch gewesen.

Haben Sie mal gezweifelt, ob die PDS über den Berg kommt?
Ja, aber erst später, als wir – auch in Folge der Finanzkrise der PDS – bei der Bundestagswahl im Dezember 1990 weiter einbrachen. Nach 16 Prozent zur Volkskammer im März und 14 Prozent bei den Kommunalwahlen im Mai kamen wir nun nur noch auf rund 11 Prozent im Osten, im Westen auf 0,3 Prozent – bundesweit waren das 2,4 Prozent. Damals wusste ich nicht, ob sich das noch drehen lässt. Zwar blieb ich optimistisch, weil wir die einzige Partei mit Bezug auf den Osten waren, aber vor allem unsere Chancen im Westen hatte ich hinsichtlich einer Entwicklung falsch eingeschätzt. Da dachte ich, irgendwann läuft die Interessenvertretung Ost aus, und dann hat diese Partei keinen Bestand mehr. Aber wir behaupteten uns bis 2002. Viele, die im Westen mit Rot-Grün und Schröders Entsozialdemokratisierung der SPD unzufrieden wurden, bildeten dann eine eigene Partei, die WASG. Und wenn es Oskar Lafontaine nicht gegeben hätte, hätte der ganze Prozess einer Vereinigung mit uns so nicht stattgefunden.

Sie haben als Anwalt in der DDR das Neue Forum bei seiner Legalisierung vertreten. Hatten Sie Sympathie mit dieser Bewegung?
Ich denke als Anwalt, habe immer Sympathie für Leute, denen es schlecht geht, weil sie ohnmächtig sind. Deshalb hatten auch das Neue Forum und andere Gruppen meine Sympathien, natürlich von Person zu Person unterschiedlich. Rudolf Bahro zum Beispiel habe ich richtig gemocht, andere habe ich zumindest respektiert.

Hatten Sie den Gedanken, dass diese Bewegung auch für Sie eine Alternative sein könnte?
Im November 1989 suchten mich zwei Mitglieder des Neuen Forum auf und fragten, ob ich bei ihnen eintreten und eine gewisse Führungsrolle übernehmen will. Ich habe geantwortet: Ich weiß zwar, wogegen ihr seid, aber nicht, wofür – und habe es deswegen abgelehnt. Darauf sagten sie: Aber wenn du mitmachst, kannst du mitentscheiden, wofür wir sind. Das war durchaus logisch, aber es entsprach nicht meinem Gefühl. Und deswegen habe ich gesagt: Ich gehöre seit 1967 der SED an. Sie braucht mich jetzt mehr. Euch wird nun nichts mehr passieren, aber ich glaube, dass vielen in der SED bald Unrecht geschehen kann.

Können Sie inzwischen unbefangener mit dem Begriff Deutschland umgehen?
Ich habe mich lange über die Alten gewundert. Honecker hat, als er nach der Wende in Moskau war, von Deutschland gesprochen, als ob er in seinem ganzen Leben nie Deutsche Demokratische Republik gesagt hätte. Auch mein Vater redete irgendwann über den Odenwald, als ob er gestern dort gewesen wäre, dabei war es vor 1945. Sie waren plötzlich wieder in ihrer Jugend. Das ist wohl eine Generationenfrage. Ich bin in der DDR bzw. damals noch der Sowjetischen Besatzungszone geboren, dort aufgewachsen und deshalb völlig anders geprägt worden. Aber interessant ist: Die SED hieß Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, nicht Sozialistische Einheitspartei der Deutschen Demokratischen Republik, und ihr Zentralorgan hieß Neues Deutschland. Es gab diesen Begriff also auch in der DDR, aber er hatte einen anderen, einen leiseren Klang.

Man spürt Schwierigkeiten.
Es gab sie, natürlich, und vorsichtig bin ich geblieben. Aber ich bin seit 1990 im Bundestag und kann dort nur sein, wenn ich für mich das Land akzeptiere, für dessen Parlament ich kandidiere. Und das meint Bayern ebenso wie Brandenburg. Ich habe den Eindruck, manch politischer Gegner hat mehr Schwierigkeiten, mich als Deutschen zu akzeptieren, sieht mich als Ex-DDRler. Das ist bemerkenswert, weil dieselben früher nie eine zweite deutsche Staatsbürgerschaft anerkennen wollten.

Als Abgeordneter und Fraktionschef sind Sie nicht selten auf Veranstaltungen oder Feierlichkeiten, bei denen die Nationalhymne gespielt wird.
Selten, sehr selten.

Dabei wird in der Regel aufgestanden, macht Ihnen das Mühe?
Ich bin zum Glück in einem Alter, in dem Aufstehen mir überhaupt noch keine Mühe macht. Aber im Ernst: Ich bin auch bei der Europameisterschaft im Boxen in der DDR aufgestanden, als die Hymne der Bundesrepublik Deutschland gespielt wurde – weil einer von ihr in der untersten Gewichtsklasse gewonnen hatte. Aber ich singe die Hymne nicht mit.

Ihre Biografie besteht jetzt aus zwei Drittel Leben in der DDR und einem Drittel in der Bundesrepublik. Entspricht das auch Ihren Empfindungen – zwei zu eins?
Ich kann das nicht so aufteilen. Die DDR spielt eine wichtige Rolle in meiner Erinnerung. Aber man darf die Vergangenheit nicht verklären. Bei länger zurückliegenden Erlebnissen vergisst man leicht, wie verzweifelt man zu bestimmten Zeiten auch war. Ich erinnere mich gerne an das, was ich als sinnvoll und wohltuend empfand, zum Beispiel an eine andere soziale Struktur des Zusammenlebens. Aber niemand kann sich um die Erkenntnis herummogeln, dass die DDR gescheitert ist, so wie sie war, zu Recht.

Was unterscheidet den Bundesbürger von dem DDR-Bürger Gregor Gysi, den es bis 1989 gab?
Manches, was an mir in der DDR besonders war, ist es heute nicht mehr, umgekehrt haben Dinge, die damals nicht sonderlich auffielen, jetzt vielleicht einen anderen Wert. Für die Verhältnisse der DDR hatte ich – auch wegen familiärer Kontakte etwa durch Besuche aus Südafrika oder den USA – einen relativ weiten Horizont, heute bin ich diesbezüglich bloß normal. Andererseits zählt für mich jetzt meine Art von öffentlichem Wirken, das ich in der DDR nie hatte.

Ist es für Sie ein Gewinn an Freiheit?
Natürlich ist es das. Die Opposition, mit der wir als Linke gegen die Bundesregierung agieren, war in der DDR nicht möglich, niemandem. Aber ich will hinzufügen: Ich bin in einer privilegierten Situation. Jemand, der 1990 in Folge des Umbruchs arbeitslos wurde und nie mehr eine Chance hatte, wird die Realität anders beurteilen. Wir haben eine Gesellschaft, in der die freie Entfaltung theoretisch gegeben ist, praktisch kann aber nur ein Teil sie verwirklichen. Wir haben in der Bundesrepublik unabhängige Gerichte, dennoch unterliegen auch Richterinnen und Richter häufig dem Zeitgeist. Zum Beispiel wurde mit Menschen aus der DDR zum Teil in einer Art und Weise umgegangen, die ich für falsch und ungerecht halte, da war ihnen die Verurteilung wichtiger als die Rechtskultur. Ich bemühe mich, nicht einseitig zu sehen.

Sie akzeptieren damit aber auch, dass jemand heute rebellischer sein kann, als sie es sind?
Sicher, und es ist zudem ein Recht der Jüngeren, um deren Zukunft es geht. Wenn die Jugend herrschende Strukturen nicht infrage stellt – die Älteren machen das seltener, die sind über Jahrzehnte daran gewöhnt. Ich erwarte auch von jemandem, der 55 oder 58 und arbeitslos ist, dass er die Phantasie hat sich vorzustellen, dass eine junge Frau, die vielleicht 22 Jahre alt ist und studiert, das Recht hat, anders zu denken und noch anderes zu wollen als er. Er muss das andere Denken nicht teilen, aber respektieren.

Gilt das auch für Rebellentum in der eigenen Partei?
Ich habe nichts gegen unterschiedliche Ansätze in unserer Partei, aber ich möchte Toleranz und Verständigung. Mich stört, wenn hemmungslos um Sieg gekämpft wird, wenn es bei Flügelkämpfen nur darum geht: Wer besiegt wen? Viele Leute haben leider die Eigenschaft, sich im Siegen nicht begrenzen, nicht beherrschen zu können. Das ist unerträglich.

Wie steht es um die innere deutsche Einheit in der Linkspartei?
Ich habe auf dem letzten Parteitag gesagt, dass wir uns zwar zusammengefunden haben, aber noch nicht vereinigt sind. Wir haben z. B. einen Parteivorstand gewählt, der besteht aus ehemaligen WASG-Mitgliedern und aus ehemaligen PDS-Mitgliedern. Von den 7000 Neuen ist kein einziger im Vorstand. Weil sie zuvor weder bei der linken Ost- noch bei der linken Westpartei waren, sondern erst durch die gemeinsame Existenz der LINKEN zum Eintritt veranlasst wurden, könnten sie neues Denken auch in die Parteiführung tragen. Daran sollten alle, denen es um eine gute Zukunft der LINKEN geht, ein Interesse haben.

Also bis zur nächsten Vorstandswahl 2010 kein Fortschritt?
Unsinn! Wir sind auch im letzten Jahr weitergekommen. Es gärt und es zieht Vernunft ein. Die Spreu trennt sich vom Weizen. Und wir haben ein Jahr mit vielen Wahlen vor uns, das uns weiter voranbringen kann. Nach den Ergebnissen letztes Jahr in Hamburg, Niedersachsen und Hessen wächst im Osten das Bewusstsein, dass die LINKE auch im Westen jetzt eine nennenswerte Größe ist. Und im Westen wächst die Einsicht, dass es nicht genügt, Thesen in die Welt zu rufen, sondern dass man hart und real für politische Veränderungen arbeiten und dafür auch die mediale Auseinandersetzung mit den anderen Parteien suchen muss. Wir schaffen das schon.

Was können Westdeutsche immer noch von den Erfahrungen, vom Leben in Ostdeutschland, also auch der DDR, lernen und was können Ostdeutsche immer noch von Westdeutschen lernen?
Ich will nicht von Lernen in dieser oder anderer Richtung sprechen. Für beide gilt es vor allem zu erkennen, dass wir unsere Gesellschaft gemeinsam gerechter gestalten müssen. Das, was in der DDR etwas taugte, wirkt wie Hefe weiter: Kindertagesstätten, Polikliniken, jetzt wird wieder über Kulturhäuser geredet. Ich könnte mich amüsieren über die List der Geschichte ... Und was nichts taugte, ist weg.

Ist es Genugtuung oder auch Schadenfreude?
Na, vor allem ein bisschen Genugtuung.

Selbst für Altpapier gibt es wieder Geld.
Ja, bestimmte Sache waren einfach sinnvoll, davon bin ich überzeugt. Und im Westen gab es eine Geschichte, die Strukturen und Einstellungen verändert hat, die 68er Bewegung, die vor allem von Linken im Osten völlig neu zur Kenntnis genommen werden und hinterfragt werden muss. Die bundesdeutsche Gesellschaft setzt sich deshalb längst anders mit der Nazi-Geschichte auseinander. Das hat auch das Bildungssystem verändert. Andererseits gehört zur Erbschaft der 68er Bewegung im Westen auch ein linker Dogmatismus, und ich möchte nicht, dass eine neue Linke erneut solche Erbschaft hinterlässt. Wir müssen unser gegenseitiges, kritisches Interesse an unserer unterschiedlichen Geschichte stärken, aber der Gedanke muss sein: es ist ein gemeinsames Projekt.

Ihre Tochter wurde 1996 geboren, hat sie Sie schon mal gefragt, was das eigentlich war, die DDR?
Ja, und mir ist gerade bei meiner Tochter klar geworden, wie schwer das zu erklären ist, sehr schwer.

Vielleicht ist es familiär ohnehin am schwierigsten. Wenn Sie ein Schüler als Zeitzeuge befragen würde, was sagen Sie dann?
Dann würde ich sagen: Die DDR war auch eine Antwort darauf, dass Deutschland von 1933 bis 1945 die schlimmsten Verbrechen in der Geschichte begangen hat. Die erste Strafe, die wir dafür bekamen, war, dass wir einen Teil unseres Territoriums verloren. Das, finde ich, war auszuhalten. Die zweite Strafe war eine 40-jährige Teilung. Die eine Besatzungsmacht hat ihre Ordnung in dem einen Teil durchgesetzt, die anderen drei haben es im anderen Teil getan. Nun sind wir noch dabei, uns das gegenseitig vorzuwerfen. In dem Teil, in dem die Sowjetunion vorherrschte, die DDR, gab es Strukturen, die diktatorisch und undemokratisch waren. Es gab zugleich soziale, kulturelle und andere Momente, die schon über das hinausgingen, was man in der Bundesrepublik kannte. Vielleicht kann erst die nächste Generation damit vernünftig umgehen.

Wir baten ...
... Gregor Gysi, Satzanfänge zu vervollständigen:


F Lothar Bisky ist für mich ...
... ein richtig guter Freund, der zur Zeit mehr als erträglich zu verkraften hat.

F Wenn ich Angela Merkel heute als Kanzlerin erlebe ...
... dann staune ich, wie sie die arrogante Männerriege ihrer Partei im Griff hat, und zugleich, wie wenig Vorstellung sie hat, wohin sie mit diesem Land eigentlich politisch will.

F Als ich Oskar Lafontaine das erste Mal traf, ...
... war ich noch Anwalt in der DDR, 1987 oder 1988, und es spielte sich folgendes ab: Der Ostberliner »Spiegel«-Korrespondent Schwarz fragte mich auf einem Empfang, ob ich Oskar Lafontaine vorgestellt werden möchte. Ich war leicht neugierig und sagte: Ja. Daraufhin sagte Herr Schwarz zu Oskar Lafontaine: Darf ich vorstellen, Herr Ministerpräsident, das ist Herr Rechtsanwalt Dr. Gregor Gysi. Oskar Lafontaine sagte leicht abschätzig: Angenehm, guten Tag. – Das war unsere erste Begegnung, an die Oskar natürlich keine Erinnerung hat, aber ich.

F Wenn ich heute mit Lothar de Maizière telefoniere, geht es um ...
... Privates oder um Rechtsfragen.

F An Gerhard Schröder hat mich fasziniert, ...
... wie intensiv er arbeiten konnte. Das habe ich in einer Arbeitssitzung erlebt. Aber entsetzt hat mich, wie wenig sozialdemokratisch er geprägt war.

F Wenn Willy Brandt noch leben würde, dann würde er …
… mich hoffentlich mal zum Essen einladen, einen sehr guten Wein mit mir trinken, und dann könnten wir darüber herziehen, wie gut wir beide eigentlich sind und warum einige andere so wenig taugen.

F Von Helmut Kohl wird bleiben, ...
... dass er in die Rolle eines Kanzlers hineingewachsen ist und zwei politische Ziele hatte: die deutsche Einheit und die europäische Einigung. Seine Politik war damit berechenbar.

Nächsten Montag (19.01.):
Streifzüge durch die Erinnerungskultur


Rückschau 1989

1. Januar: Eine neue Reiseverordnung der DDR erweitert die Möglichkeiten zu Privatreisen in den Westen sowie auf ständige Ausreise. Da sie jedoch keine uneingeschränkte Reisefreiheit gewährt, stößt sie auf heftige Kritik.

4. Januar: Die polnische Wochenzeitung »Polityka« veröffentlicht erstmals ein Interview mit dem Vorsitzenden der noch verbotenen Gewerkschaft Solidarnocz, Lech Walensa.

8. Januar: Oppositionsgruppen fordern in einem »Brief an Christen in der DDR«, eigene Kandidaten zur Kommunalwahl aufzustellen.

9. Januar: Neun DDR-Bürger flüchten in die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin, um ihre Ausreise zu erzwingen.

13. Januar: In Ungarn wird eine Sozialdemokratische Partei gegründet.

14. Januar: Im Vorfeld des Besuchs des polnischen Premiers Mieczyslaw Rakowski in der Bundesrepublik fordert Warschau von Bonn eine Garantie seiner Westgrenze – und zwar explizit auch im Falle einer Wiedervereinigung Deutschlands.

15. Januar: In Prag gehen Polizisten gegen Demonstranten vor, die an den Studenten Jan Palach erinnern, der sich 20 Jahre zuvor aus Protest gegen den Einmarsch der Warschauer Vertragsstaaten selbst verbrannte.

15. Januar: In Leipzig versammeln sich einige hundert Menschen, die als Gegendemonstration zur offiziellen Liebknecht-Luxemburg-Ehrung in Berlin das Recht auf freie Meinungsäußerung, Versammlungs- und Pressefreiheit fordern; 80 werden verhaftet.

16. Januar: Die PVAP beschließt die Zulassung der Solidarnocz.

18. Januar: DDR-Außenminister Oskar Fischer betont bei einem Treffen mit seinem Bonner Pendent Hans-Dietrich Genscher: »Die Mauer in Berlin wird so lange bleiben, wie die Gründe, die zu ihrer Errichtung geführt haben, existieren.«