Von Volkmar Draeger
12.01.2009

Das Schweigen der Welt

Das Hebbel am Ufer zeigt »Ruanda revisited«

Es gehört, neben den Verbrechen der Nazis, dem Mord der Türken an den Armeniern und dem Wüten der Roten Khmer in Kambodscha, zu den schrecklichsten Genoziden des 20. Jahrhunderts: das Massaker der Hutu an den Tutsi 1994. Was mit rund einer Million Toten in nur 100 Tagen endete und die Welt eher mählich schreckte, hat Hans-Werner Kroesinger in seiner Uraufführung »Ruanda revisited« fürs HAU akribisch aufgearbeitet.

Grauen lässt sich nicht dramatisieren, und so greift der Autor als sein eigener Regisseur nüchtern auf offizielle Dokumente zurück. Fast zwei Stunden lang prasseln sie in Deutsch und Englisch, je nach Amtssprache, auf den Zuschauer herab, entlassen ihn in ohnmächtigem Zorn auf das, was sich Politik nennt, und von denen gemacht wird, die ihren Hintern in Sicherheit wissen. Fünf Schauspieler stemmen einen Wust aus winkelzügigen Verlautbarungen, die auswendig zu lernen allein Meisterstück ist. Kroesinger beschreibt den Bürgerkrieg tiefschürfend als Folge der Kolonialgeschichte eines Staates im Herzen Afrikas – dort, wo auch Dian Fossey 1985 ihren Einsatz für Berggorillas mit dem Leben bezahlte. Auf engem Podest informieren die Akteure mit Wort, Karte, Dia, Zeichnung über das dicht besiedelte, fruchtbare Ruanda, das als die Schweiz Afrikas gilt. Hutu als Ackerbauern, Tutsi als Land besitzende, die Hutu belehnende Viehzüchter sowie eine Minderheit bewohnten es, ohne sprachliche oder kulturelle Unterschiede.

Nachdem das Königreich 1890 unter deutsche, dann belgische Herrschaft gerät, setzt eine perfide Trennung der Ethnien ein. Arme sind fortan Hutu, Reiche Tutsi, die als Verwalter von der Kolonialmacht gefördert werden. Der Personalausweis vermerkt jene Zugehörigkeit. Auch die Rassenlehre greift: Man vermisst die Menschen, erklärt Tutsi für europäischer, christliche Missionare spalten eifrig mit. Als Ruanda 1962 unabhängig wird, unterdrückt der neue Hutu-Präsident widerum die Tutsi, die daraufhin zu hunderttausenden in Nachbarländer fliehen und dort eine Rebellenarmee aufstellen, die ab 1990 den bewaffneten Kampf aufnimmt.

Ein Friedensabkommen will 1993 den Konflikt durch demokratische Wahlen lösen, wird aber von radikalen Hutu abgelehnt. Ihre Milizen legen Waffenlager an, deren Aushebung die UNO ihren Blauhelmen verbietet. Als im April 1994 die Maschine des Präsidenten abgeschossen wird, hat die vom Militär geschürte Gewalt endlich ihren Auslöser. Zu diesem Zeitpunkt sind 85 Tonnen Waffen und über eine halbe Million Macheten chinesischer Produktion im Land verteilt, illegal finanziert mit Hunderten Millionen Dollar von Weltbank und Währungsfonds. Ruanda, eines der weltärmsten Länder, wird Afrikas drittgrößter Waffenimporteur. Der Hutu-Mob startet den Tutsi-Mord.

Winzige Dias zu beiden Seiten des Gangs neben der Bühne zeigen das und geleiten die Zuschauer in ein UNO-Zelt. Dort erleben sie wieder in Textcollage und Spielszene die Tatenlosigkeit der Blauhelme, das diplomatische Gezerre ihrer Auftraggeber: Ruanda ist für niemanden von Interesse, im Gegensatz zum Irak dieser Tage; eine aufgestockte UNO-Truppe hätte das Schlachten stoppen können. Der Terminus »Völkermord« wird vermieden, weil er zur Intervention verpflichtet hätte; Clinton und Annan werden sich später entschuldigen, Mitterrand nicht. Um bedrohte Gorillas, so die zynische Schlusssequenz, wäre der internationale Aufschrei größer gewesen. Ein beklemmendes, ein wichtiges Stück über politisches Kalkül.

Bis 13.1., 20 Uhr, Hebbel am Ufer, Tempelhofer Ufer 10, Infos unter www.hebbel-am-ufer.de

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken