Laura-Marie und ihre Freundin Laura sind aus Frankfurt am Main zum Shoppen nach Hamburg gekommen. Erst zogen sie durch die Innenstadt, doch das Schanzenviertel sagt ihnen mehr zu. »Es ist hier nicht so Mainstream, sondern individueller und alternativer«, meint die blonde Laura. »Man wird geduzt in den Läden, alles ist viel lockerer.« In der City gebe es nur Geschäfte, die sie ebenso gut in anderen Städten finden könnte, ergänzt Laura-Marie. Hier in der Schanze dagegen sei das anders: »So was gibt’s sonst nicht.«
Junges, zahlungskräftiges Publikum fühlt sich von Szene-Stadtteilen angezogen. In Berlin ist es der Prenzlauer Berg, in Hamburg hat die »Schanze« die Reeperbahn als Szenekiez abgelöst. »Die multi-ethnischen Zusammenhänge und die Vielfalt üben einen besonderen Reiz aus«, sagt der in Kassel lehrende Professor für Makrosoziologie Heinz Bude. 112 Kneipen, 58 Restaurants und 275 Werbeagenturen unterstreichen die These des Soziologen – die Schanze ist hip.
Was Stadtplanern, Werbern, Touristen und Vergnügungssüchtigen als attraktiv erscheint, registrieren viele Schanzenbewohner mit gemischten Gefühlen. Birgit Ebsen hat den Veränderungsprozess erlebt. Sie kam 1986 »vom Dorf« ins bunte Viertel, absolvierte eine Ausbildung zur Schuhverkäuferin. »Damals hatte ich Angst, hierher zu kommen«, erinnert sich die 37-Jährige. »In der Schanze war es dreckig, es gab Punks und Ausländer. Das galt zu Hause als schlimm.« Sicher habe das Viertel einen tollen Aufschwung erlebt, doch inzwischen verschwinde der alternative Charme: »Tagesgäste fragen, wo der Michel ist – und die Rote Flora. Wir sind zur Touristenattraktion geworden.«
Am 1. März 2008 erklärte der Senat das ehemalige Arbeiterviertel, in dem auf einem halben Quadratkilometer 7447 Menschen leben, zusammen mit der ebenfalls boomenden Hafen-City zu neuen Stadtteilen. Begründung: Die Bewohner des »städtebaulich homogen gewachsenen Altbauviertels« hätten das Quartier schon lange als eigenständigen Teil der Stadt empfunden. Bis dato hatte sich die vom Volksmund so genannte »Schanze« auf drei Bezirke erstreckt. Die Ausrufung des neuen Stadtteils war der vorläufigen Endpunkt einer sozialen und städtebaulichen Entwicklung.
Den Startschuss hatte der Senat mit der vor knapp zwei Jahrzehnten begonnenen Sanierung des Viertels gegeben. Damals blätterte hier – einen Steinwurf vom Stadion des FC St. Pauli entfernt – der Putz von den Fassaden. Die Häuser waren marode, die Treppenhäuser heruntergekommen. In vielen Wohnungen gab es kein Bad. Der nahe Schanzenpark galt als Hochburg der Drogendealer.
Inzwischen ist der neue Szenekiez – nach jahrelanger »Schönheits-OP« (»Hamburger Morgenpost«) – fast drogenfrei. Interessenten, die eine der großen Altbauwohnungen mit hohen Wänden und stuckverzierten Decken ergattern wollen, stehen Schlange. Meist sind es Bewerber mit hervorragender Bonität. Wohngemeinschaften gelten hier mittlerweile als aussterbende Spezies.
»Der typische Schanzenbewohner ist zwischen 25 und 40«, sagt Tina Fritsche, »Single-Haushalte liegen im Trend, Alte gehen komplett raus.« Die 45-Jährige ist Sprecherin des Bürgerforums »Centro sociale«, das sich als Kontrapunkt zur Entwicklung in der Schanze definiert. Die 115 Mitglieder der kürzlich gegründeten Sozialgenossenschaft machen mobil gegen Yuppies und »Werbefritzen«, gegen die wie Pilze aus dem Boden schießenden Filialen großer Ketten und die Verteuerung des Wohnraums.
Die Klientel auf der Sternschanze verändert sich. Sauberkeit, Lärm und Mietpreise werden plötzlich zum Thema«, sagt Thorsten Kausch. Während sich der Geschäftsführer der Hamburg Marketing GmbH über den neuen Touristenmagneten Sternschanze freut, ist der Betreiber eines Geschäfts auf der »Piazza« genannten Flaniermeile gegenüber dem autonomen Zentrum Rote Flora weniger begeistert: »Viele kleine Läden mussten schließen, die Inhaber wollten nicht allein für die Miete arbeiten«, meint der Mittdreißiger. Das alternative Flair, das Zusammengewürfelte, Bunte verschwinde langsam, sagt der Geschäftsmann und fürchtet: »Die Schanze könnte ein zweites Eppendorf werden, so’n geleckter Stadtteil.«
Für diese Entwicklung hat die Soziologie den Begriff Gentrifizierung erfunden. Er geht zurück auf das englische Wort »gentry« (niederer Adel) und benennt Veränderungsprozesse in den Innenstädten westlicher Großstädte: Stadtviertel mit hohem Altbaubestand und niedrigen Mieten werden von Studenten und Künstlern entdeckt und so auch zunehmend für besser gestellte Schichten attraktiv. Schicke Cafés, Designerläden und Boutiquen verdrängen alteingesessene Läden. Die Mieten steigen.
Die Anarchie auf der Schanze lebt nur noch als Zitat in Werbebotschaften. Ein lokaler Cola-Produzent wirbt mit dem Slogan »Nur Wasserwerfer machen wacher« im Viertel. »Vor 20 Jahren hieß es: ›Was, da wohnst Du?‹ Heute sagen die Leute: ›Echt cool, da wohnst du!‹«, erzählt Tina Fritsche. Für viele sei die Schanze ein Vergnügungsviertel wie St. Pauli geworden: »Die kommen aus Pinneberg und dem Speckgürtel, feiern hier ihren Junggesellenabschied und lassen sich auf der Treppe der Roten Flora fotografieren.«
»Was als Sanierung verkauft wird, ist tatsächlich Vertreibungspolitik«, meint Oshra aus dem St. Pauli-Archiv. Seit 1978 wohnt sie in der Gegend. Als sie damals in ihre Zweizimmerwohnung – Kohleofen, kein Bad – einzog, zahlte sie 220 Mark. Heute sind 350 Euro fällig. Die Sanierung war an eine relativ geringe Staffelmiete für die Bewohner gekoppelt. »Aber 2011 laufen die ersten dieser Verträge aus«, sagt Oshra, »und die Wohnungen sind so saniert worden, dass sie am oberen Ende des Mietenspiegels liegen.« Das könnten sich Hartz-IV-Betroffene und Studenten nicht mehr leisten.
Willi Lehmpfuhl vom Hamburger Mieterverein beobachtet die Entwicklung mit Sorge: »Im Prinzip sind wir froh darüber, dass das Viertel aufgepeppt wird – es muss aber alles im Rahmen bleiben.« Die Alteingesessenen sollten auf die Barrikaden gehen wie einst die Aktivisten der Roten Flora, Kontakt zu den Mietervereinen aufnehmen und sich gegen Luxusmodernisierungen, Zweckentfremdungen und unangemessene Mieterhöhungen wehren. »Ein Vermieter wird nichts machen, wenn sich die Mehrheit der Mieter quer legt.«
Derweil bewerben Immobilienmakler das Schanzenviertel als »absolute Trendlage«. Die Deutsche Immobilien Chancen (DIC) hat sich mit dem Montblanc-Haus, in dem das alternative Kino »3001« untergebracht ist, ein Sahnestück gesichert. Insgesamt hat das Unternehmen 52 Immobilien für knapp 200 Millionen Euro im Viertel erworben. Kein Einzelfall: »Spekulanten entdecken die Schanze«, titelte ein Boulevardblatt bereits vor einem Jahr.
Stimmt so nicht, sagt Rüdiger Dohrendorf von der Stadtentwicklungsgesellschaft, die das Viertel seit rund zwei Jahrzehnten mit Hamburger Steuergeldern aufwertet. Es gebe auch heute reichlich erschwinglichen Wohnraum. Von den 4057 Wohnungen wurden 265 mit öffentlichen Mitteln modernisiert, 50 Sozialwohnungen neu gebaut. Es sei doch »deutlich, dass die Sanierung ein voller Erfolg war«, lobt sich die Gesellschaft in ihrem Periodikum »Quartiersnachrichten«. »Die Mieten steigen überall, in jedem Quartier, in jeder Stadt«, meint Dohrendorf, »moderat in Hamburg, dramatischer beispielsweise in München.«
Uwe Wetzner lebt seit 1988 im Schanzenviertel. Der 51-Jährige kickt bei den Senioren des SC Sternschanze, dessen Präsident er ist. Als Wetzner ins Viertel kam, brannten die Barrikaden, Brandsätze flogen, um die Umwidmung des damals leerstehenden Theaters Flora in einen Musical-Tempel zu verhindern. Mit Erfolg – heute ist das heruntergekommene Gebäude das letzte besetze Haus in der Hansestadt. Wetzner findet »nicht schlecht«, dass viele Brachflächen verschwunden sind. Es komme aber darauf an, was daraus gemacht wird: »Die neuen Eigentumswohnungen können sich normale Leute jedenfalls nicht leisten.« Bis 2011 ist die Schanze noch Sanierungsgebiet, dann werden 46 Millionen Euro öffentliche und private Investitionen in das aufpolierte Areal geflossen sein. Wenn die Stadt das Viertel dem freien Spiel der Kräfte überlasse, »dann drehen die Spekulanten richtig am Rad«, befürchtet Wetzner.
Für Tina Fritsche vom Bürgerforum ist der »Endpunkt« bereits erreicht: »Wenn McDonald’s kommt, haben wir ein touristisch komplett erschlossenes Viertel.« Der Burger-Brater wartet nur noch auf das »Go«.
Aktuelle Ausgabe: 22.05.2012
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Berlin befindet sich im Wandel. Die damit einhergehenden Veränderungen sehen die einen als unvermeidliche und positive Stadtentwicklung. Andere verstehen diesen Prozess als Bedrohung. Investoren, die vom Berliner Charme profitieren möchten, werten ganze Viertel auf: Die Mieten steigen, Clubs werden rausgeklagt und am Ende steht eine ausgetauschte Mieterschaft.
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