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Von Karlen Vesper 19.01.2009 / Inland

Die Hutfrage der Revolution

Internationale Konferenz in Berlin bewies: Rosa Luxemburg ist sexy und aktuell

»Mit einem Worte, die Demokratie ist unentbehrlich.« Mit diesem Ausspruch von Rosa Luxemburg war eine internationale Konferenz am Wochenende in Berlin überschrieben, die am Sonntag mit einer historischen Stadtrundfahrt endete. Geladen hatten die Rosa Luxemburg Stiftung und die Internationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft.
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Narihiko Ito, die Künstlerin Miyazaki Iunko und eine Rosa Luxemburg aus.

»She is sexy«, bemerkt der ND-Fotograf. Miyazaki Iunko schlägt die Hände vors Gesicht und kichert wie ein junges Mädchen. Auch ihr Landsmann Narihiko Ito, Präsident der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft, muss schmunzeln. Dabei hat Ulli Winkler doch nur die kleine Porzellanfigur gemeint: Rosa Luxemburg mit geballten Fäusten und offenem Mund. »Sie ruft zum Kampf«, erklärt die Künstlerin. Ein wahrlich gelungenes Werk. Nur der Hut wirkt etwas exotisch. Vielleicht macht aber gerade das diese Skulptur so sympathisch. Auf Rosas weit gebauschtem Rock ist (in Deutsch) zu lesen: »Ich war, ich bin, ich werde sein.«

Auch rückseitig gibt es etwas zu entdecken: Die rechte Pobacke ziert ein blauer Schmetterling, linkseitig ranken sich Blumen, Blätter, Gräser. »Sie liebte die Natur und zeichnete gern«, begründet Miyazaki Iunko den aquarellgleichen Schmuck auf ihrer Kreation. Es ist angenehm, mit der zierlichen Frau aus dem Fernen Osten zu plaudern. »In Japan ist Rosa Luxemburg gut bekannt«, sagt sie. »In Deutschland ist sie nicht mehr so beliebt?« Nun, jene, die zu dieser dreitägigen Konferenz gekommen sind, lieben sie alle. Möchte man meinen. Denn gestritten haben sie sich teils heftig. Sergej Kretinin aus Woronesch, wo es wie in allen russischen Städten und Dörfern eine Lenin-, aber auch eine Rosa-Luxemburg-Straße gibt (»die sich bei uns aber nicht kreuzen, was ich symbolisch finde«), hob zwar Luxemburgs Demokratieverständnis gegenüber »Lenins Antidemokratismus« hervor, meinte aber auch: »Die Frau selbst kann ich nicht als eine ›große Demokratin‹ bezeichnen.« Streitpunkt unter den Professoren und Doktoren war, ob das berühmteste Zitat der Rosa L., »Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden« nur auf innerparteiliche oder gesamtgesellschaftliche Demokratie gemünzt war. Annelies Laschitza bekräftigte, die Luxemburg habe hier ihr Ideal einer sozialistischen Demokratie beschrieben. Zugleich räumte ihre Biografin ein: »Ja, sie konnte ungeduldig und auch intolerant gegenüber anderen Meinungen sein, stritt nicht nur mit Bebel, sondern sogar mit Jogiches und auch Radek«.

Über das Verhältnis der Rosa L. zu Letzterem referierte der Schweizer Jean-Francois Fayet. »Wir brauchen keinen Kommissar für Bolschewismus, die Bolschewisten mögen mit ihrer Taktik zu Hause bleiben«, soll die Luxemburg bei Radeks Ankunft in Berlin im Dezember 1918 gesagt haben. Über leidenschaftliche Differenzen mit dem leidenschaftlich Geliebten Jogiches sprach Feliks Tych aus Warschau. Jakow Drabkin aus Moskau wiederum meinte: »Paradoxerweise übernahm die Rolle des Agent-provokateurs kein anderer als Rosas ehemaliger Rechtsanwalt und engster Freund Paul Levi, dem sie ihr Gefängnis-Manuskript ›Zur russischen Revolution‹ anvertraut hatte. 1921 hat er dieses als Waffe im Tageskampf gegen die deutschen Linken missbraucht.« Dahingegen würdigte Jörn Schütrumpf, Geschäftsführer des Karl Dietz Verlages, Levi, mit dem die Luxemburg 1914 eine Affäre hatte, als vehementen Verteidiger ihres demokratischen Sozialismus. Im Gegensatz zu Lenin habe sie die Ansicht vertreten, »Sozialismus entsteht aus der Gesellschaft und den Kämpfen der arbeitenden Massen heraus und nicht auf den Parteitagen der Avantgarde«. Divergierende Auffassungen in der Frage Freiheit und Disziplin und im Verhältnis von Masse und Führern respektive Kadern im Parteiverständnis der Luxemburg und Mao Tse-tungs skizzierte Wang Xuedong, Direktor des Zentrums für Parteistudien beim ZK der KP Chinas. Er ließ zudem wissen, dass seit der 3. Plenarsitzung des 11. Parteitages seiner Partei 1978 »sprunghafte Fortschritte im Aufbau des demokratischen Systems in Partei und Staat erzielt« worden seien, dank der »nützlichen Aufklärungen«, die man bei Rosa fand.

Heinz Vietze, Chef der Rosa Luxemburg Stiftung Berlin, hatte zur Eröffnung der Konferenz gefordert, das Erbe der streitbaren Frau, »die von Freund und Feind bewundert, gehasst und geliebt worden war, aufzuheben und zu nutzen für unsere Zeit«. Wie dies möglich ist, bewiesen die Referate von Michael Krätke von der Universität Lancaster und Sobhanlal Datta Gupta aus Kalkutta. Für Sahra Wagenknecht bleiben die Akkumulationstheorie der Rosa L. und ihre Warnung vor der Sogwirkung des Parlamentarismus, vor der Gefahr, sich anzupassen, im System einzurichten, gültig. Und das von ihr angeprangerte Expansionstreben des Kapitals. Von Moderator Alfred Eichhorn gefragt, ob sie mit der Luxemburg, so es möglich wäre, nur über Politik und nicht auch über Hüte oder Männer reden würde, antwortete Wagenknecht: »Die Hüte von Rosa sind vielleicht das einzige, was nicht mehr mehr aktuell ist.«

Siehe auch: Dossier »Rosa und Karl«

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