Susanne Wilkening mit einem Klienten bei der Beratung
Foto: ND/Burkhard Lange
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Einmal durchs vollgepackte Wartezimmer des Bezirksamts, den langen Gang hinunter und durch eine bunt beklebte Glastür – die Schuldner- und Insolvenzberatung Friedrichshain-Kreuzberg liegt im hintersten Eckchen des Rathauses Kreuzberg an der Yorckstraße. Doch wer knietief in der Schuldenfalle sitzt, tut gut daran, sich zu Susanne Wilkening und ihrem Team durchzufragen. Denn seit zehn Jahren beraten die Mitarbeiter der AWO hier verschuldete Privatpersonen und setzen alles daran, ihnen aus der Klemme zu helfen.
Vor den Türen der Beratungszimmer liegen bunte Flyer und Broschüren, eine Mitarbeiterin telefoniert bei offener Tür. Die unbürokratische Atmosphäre ist genau das, was Susanne Wilkening, von Anfang an dabei und seit 2003 Leiterin der Stelle, ihren Besuchern vermitteln möchte. Denn um neben den finanziellen auch die persönlichen Probleme der Klienten anzugehen, braucht es Vertrauen.
Eine »bunt gemischte Klientel« suche hier Hilfe, berichtet die 46-Jährige: »Wir hatten schon Apotheker, Rechtsanwälte, Zahnärzte und sogar Politiker.« Trotzdem: Die meisten Ratsuchenden kommen aus den klassischen Risikogruppen. Über die Hälfte ist arbeitslos, 55 Prozent haben keine Berufsausbildung, geschätzte 20 bis 30 Prozent keinen Schulabschluss, viele einen Migrationshintergrund.
»Ich fing hier mit dem Vorurteil an, dass die meisten sich verschulden, weil sie mit ihrem Geld einfach nicht umgehen können«, meint Wilkening. Aber meist sei es nicht teurer Schnickschnack, der in die Verschuldung führe, sondern alltägliche, unerwartete Kosten, eine hohe Stromrechnung oder die Klassenfahrt der Kinder. Dann kämen Kredite ins Spiel, die bei den Banken nur allzu leicht zu haben seien – die Förderung des schuldenbasierten Konsums ist für die Leiterin der Schuldnerberatungsstelle ein gesellschaftliches Problem.
Es sind dann häufig Brüche in der Biographie, die von der Ver- in die Überschuldung führen – plötzliche Arbeitslosigkeit, Scheidung oder Tod des Lebenspartners. Damit beginnt die Abwärtsspirale sich zu drehen, aus kleinen Schulden werden große Krisen: »Nehmen Sie ein normales Einkommen, drei Kinder und eine Scheidung, schon sind Sie da.« So auswegslos die Situation zunächst erscheinen mag – der Gang zur Schuldnerberatung lohnt.
Das interdisziplinär und international besetzte Team, zu dem auch ein türkischstämmiger Mitarbeiter gehört, kann in der Mehrzahl der Fälle helfen: »Wenn die Leute kooperieren, dann findet sich eigentlich immer eine Lösung.« Häufig müssen dabei auch persönliche Probleme wie familiäre Gewalt, Alkoholismus oder Spielsucht angegangen werden. Denn nur, wenn man »den Menschen mit seinem ganzen Leben wahrnimmt«, lasse sich nachhaltig helfen, betont die Beraterin.
Die Schuldnerberatung informiert über Auswege, unterstützt bei der Kommunikation mit Behörden und vermittelt je nach spezieller Problematik an weitere Einrichtungen. Sie kümmert sich um Vergleiche und hilft bei der Durchführung des Privatinsolvenzverfahrens, das über 56 Prozent der Ratsuchenden zu einem Neuanfang verhilft.
Mitunter kann das dauern – wie im Fall von Ernst W. (Name von der Redaktion geändert), der Anfang der 80er einen Kredit von 18 000 Mark für ein neues Auto und ein paar Möbel aufnahm, dann krank wurde und den Job verlor. 2008 war seine Kreditschuld auf stolze 45 000 Euro angewachsen. Zehn Jahre arbeitete die Schuldnerberatung an einem Ausgleich, bis sich der Inkassodienst endlich mit einer Stiftungsspende von 500 Euro zufrieden gab und den Fall des mehrfach chronisch Kranken schloss – auch für die Gläubiger besser als nichts.
Von der Finanzkrise, meint Susanne Wilkening, spüre man bisher noch wenig. Doch auch sie erwartet, dass sich das bald ändern wird. Dann werden wohl noch mehr Menschen Rat suchend in ihr Büro hinter dem Bezirksamt kommen.
Am 26.Januar ab 14.30 Uhr feiert die Beratungsstelle, Yorkstraße 4-11, Zi.3089–3093 Zehnjähriges.
Onlineberatung des DSGV unter:
www.meine-schuldnerberatung.de
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