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Von Nils Brock 21.01.2009 / Ausland

Die Siedler von Soacha

Der bewaffnete Konflikt Kolumbiens zwingt täglich viele Menschen in die Flucht und in die Städte, doch auch dort treffen sie auf Gewalt

Kolumbiens Bürgerkrieg wütet seit Jahrzehnten. Mehrere Millionen Menschen wurden vertrieben, viele davon flüchteten in die Städte. Doch das Leben dort ist beschwerlich und vor allem für die Jüngsten sehr gefährlich.
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Aus der Ferne sieht Soacha, quasi Kolumbiens größtes Flüchtlingslager ganz beschaulich aus

Bei Straßenbezeichnungen wie Carrera 25B No. 47A-70 verliert man in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá schnell mal den Überblick. Vor allem bei Erkundungen an den Rändern des städtischen Talkessels oder Fahrten mit einer der unzähligen Buslinien sucht man oft vergeblich die Häuserfassaden nach Orientierungspunkten ab. Taxifahrer kennen dieses Problem, leben davon. Besuchern geben sie dennoch gern eine grobe Orientierungshilfe. »Im Norden der Stadt wohnen die Reichen und im Süden die Armen. »Und wo liegt Soacha?«, wollen wir wissen. Ein Hüsteln: »Tja, ganz im Süden.«

Kolumbiens größtes Flüchtlingslager

Soacha ist faktisch Kolumbiens größtes »Flüchtlingslager«. Bis zu 20 Familien aus den verschiedenen Regionen des Landes kommen hier Woche für Woche an, oft auf der Flucht vor dem nicht enden wollenden militärischen Konflikt zwischen der kolumbianischen Armee, der FARC-Guerilla und paramilitärischen Gruppen. Andere, die hier ankommen, sind einfach auf der Suche nach einem besseren Leben in der großen Stadt. Soacha ist die erste Adresse aller, die mit nahezu leeren Händen in Bogotá landen.

Die Besiedlung beruhe seit mehr als zwei Jahrzehnten größtenteils auf einer prekären Selbstverwaltung, erzählt uns Edwin, der uns im Haus eines Jugendprojekts des Barrios willkommen heißt. »Soacha ist ein Ort, an dem kaum regiert wird. Kein Politiker lässt sich hier gern blicken, und so bleibt es den Bewohnern überlassen, die Grundversorgung zu sichern. Der Alltag ist für viele ein Kampf ums Nötigste«, sagt Edwin.

Die Zahl derer, die um die knappen Ressourcen und Arbeitsmöglichkeiten streiten, hat sich laut staatlichem Zensus von 1985 bis 2005 auf 400 000 Einwohner vervierfacht. Edwin schätzt dagegen, dass heute bereits mehr als eine Million Menschen in Soacha leben. Die Regierung Bogotás hat wenig Interesse, besser nachzuzählen. So spart sie am Sozialetat und an Infrastrukturprogrammen. Deshalb versorgt sich ein Großteil der Bewohner beispielsweise mit Wasser durch graue Plastikrohre, die sich etwa einen Meter unter den Stromleitungen von Mast zu Mast spannen. Einziger Haken: Die verästelten Röhren haben ihren Anfang allesamt auf dem Privatgrundstück eines selbsternannten »Brunnenwarts.« Und wenn nicht pünktlich Geld für den Service fließt, dreht der kurzum allen den Hahn ab.

»Dort, wo keine Wasserleitung ankommt, kaufen die Menschen Wasser in Plastikbeuteln oder schicken die Kinder mit Eimern zu den Bächen hinter den angrenzenden Sandgruben oder Industrieanlagen«, erzählt der 14-jährige Nelson, der im Jugendzentrum gerade aus einem der Unterrichtsräume kommt. Zusammen mit seiner Mutter und 14 Geschwistern folgte Nelson vor zwei Jahren dem Vater, der von einer ländlichen Provinz im Osten des Landes als Prediger nach Soacha gegangen war. »Die Guerilla und paramilitärische Gruppen bedrängten meine Mutter gleichermaßen, ihnen die älteren Kinder zu geben. Und im Dorf herrschte Gewalt, immer wieder wurde in unser Haus eingebrochen. Wir mussten einfach gehen.«

Schätzungen der Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch zufolge sind heute über 11 000 Kinder und Jugendliche in den bewaffneten Konflikt Kolumbiens verwickelt. Die Jungen und Mädchen überbringen als Boten Nachrichten und Drogen, werden als »Minensucher« in unbekanntem Gelände vorausgeschickt, arbeiten als Putzkräfte, Köche und Köchinnen in den Lagern der Kämpfer. »Seine Kinder vor einem solchen Schicksal zu bewahren, ist inzwischen einer der häufigsten Gründe, warum Eltern mit ihren Kindern nach Soacha kommen«, bestätigt auch Marta Elena Zapata aus dem Regionalbüro, das die deutsche Diakonie Katastrophenhilfe in Bogotá unterhält.

Betreuung für die Traumatisierten

Zusammen mit dem Amt für Humanitäre Hilfe der Europäischen Kommission (ECHO) unterstützt die Diakonie Katastrophenhilfe in Soacha deshalb zwei Projekthäuser, wo inzwischen mehrere Hundert Jugendliche die Schule nachholen, psychologische Betreuung erhalten und an Freizeitaktivitäten teilnehmen. Denn die staatlichen Schulen sind dem Zustrom neuer Schüler nicht gewachsen – weder in ihrer wachsenden Anzahl noch angesichts der Traumata, die sie oft mit in den Unterricht bringen. Jugendliche wie Nelson werden dann mitunter einfach abgelehnt.

Mittagszeit: Im Speisesaal herrscht ohrenbetäubender Lärm, gegen den die Projektpsychologin Viviana nur schwer ankommt. »Leider holt die Kinder und Jugendlichen, die nach Soacha kommen, der Krieg hier schnell wieder ein. Das Viertel ist fest im Griff paramilitärischer Gruppen, die hier Drogen verkaufen, Schutzgeld erpressen und andere Geschäfte abwickeln«, beschreibt Viviana die Lage. »Und klar versuchen die Paras auch Kinder anzuwerben. Nach Einbruch der Dunkelheit sind deshalb kaum Minderjährige auf der Straße anzutreffen.«

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Viele Flüchtlingskinder leiden unter Traumata, in Projekthäusern von karitativen Organisationen erhalten sie Unterstützung.

In einer ruhigeren Ecke stellt uns Viviana ein 16-jähriges Mädchen vor, das uns zögerlich ihre Geschichte erzählt. Sie beginnt in einer ländlichen Provinzstadt, wo das Mädchen vor drei Jahren einer paramilitärischen Gruppe beitrat. »Ich wurde nicht gezwungen, ich wollte einfach einen Job, etwas Geld verdienen. So erledigte ich eben Botengänge.« Was für Erledigungen das waren, fragen wir nach. Das Mädchen schluckt. »Nun ja, ich kassierte Schutzgelder und schmuggelte Drogen. Bei einer Auslieferung nahm mich dann die Polizei hops.«

Aus dem Jugendgefängnis wurde die damals 14-Jährige schnell entlassen, weil sie zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger war. Nach der Geburt ihrer Tochter ging sie nach Soacha, aus Angst vor Racheakten von Familien, die durch die Paramilitärs zu Schaden gekommen waren. »Auch heute gehe ich so gut wie nie aus dem Haus. Man trifft schneller Leute von früher wieder, als einem lieb ist.«

Vor allem nach Einbruch der Dunkelheit, suchen Gruppen wie die »Aguilas Negras« oder »Los Centauros« nach bekannten Gesichtern und neuen jugendlichen Mitstreitern, locken mit schönen Versprechen oder bedrohen ganze Familien. Der Staat kennt diese Problematik, greift jedoch kaum ein. Immerhin war Soacha einst Rückzugsgebiet der FARC-Guerilla, und die will man nicht wieder in größerer Zahl nur wenige Kilometer vom Präsidentenpalast entfernt wissen.

Präsenz haben staatliche Sicherheitskräfte in Soacha im vergangenen Jahr aus ganz anderen Gründen gezeigt. Der stete Zwang, im Kampf gegen die Guerilla militärische Erfolge zu vermelden, hat dazu geführt, dass Militär – allein oder mit paramilitärischer Unterstützungen – Kinder entführen, die dann später tot in Guerilla-Uniformen wieder auftauchen. Über tausend Kinder und Jugendliche sollen in den letzten fünf Jahren für entsprechende Beweisfotos gestorben sein. Und allein elf Opfer forderten diese perversen Statistikspielchen im vergangenen Jahr in Soacha.

Erfolgskonzepte für die staatlichen Instanzen

Um die jüngsten Bewohner Soachas zu schützen, geht die Psychologin Viviana bei den Freizeitaktivitäten behutsam auf die Kinder zu, warnt vor nächtlichen Ausflügen und der Versuchung, als Laufbursche für die Paras ein paar schnelle Pesos zu verdienen.

Die Kapazitäten der Projekthäuser sind begrenzt – eines von zehn Kindern aus dem Viertel kann hier betreut werden. Doch das Ziel sei nicht, die Arbeit der Hilfsorganisationen immer weiter auszudehnen, sondern Erfolgskonzepte an die staatlichen Instanzen weiterzugeben, sagt Marta von der Diakonie Katastrophenhilfe. »Die Weiterbildung von staatlichen Lehrern ist extrem wichtig. Inzwischen gibt es auch einige erfolgreiche Beispiele, wo Schulen unsere Modelle übernehmen, die über das kleine Einmaleins hinausgehen.«

Nelson verabschiedet sich, er wird den Rest des Nachmittags als Ausrufer in einem Linienbus mitfahren. Wir begleiten ihn ein Stück die Straße hinunter, während er seinen Arbeitsplan erklärt: »Von Montag bis Samstag und meistens bis Mitternacht.« Unsere nächste Frage errät er sofort. »Aber macht euch keine Sorgen. Der Fahrer setzt mich immer vor der Haustür ab.« Dann rennt er los, denn es fängt an zu regnen. Die Straßen verwandeln sich bereits in milchig-rote Bäche, als Nelson hinter der nächsten Hausecke verschwindet.

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