Im Münchener Flughafenbus stehe ich zufällig neben Sebastian Koch. Er kommt gerade von der Filmpreisverleihung. Jemand fragt ihn, wie er denn die »Operation Walküre« finde. »Schöner Film« sagt er, mehr sagt er nicht. Klingt wie: schöne Bescherung. Koch war schließlich selbst – vor fünf Jahren in Jo Baiers »Stauffenberg«-Film – der Hitler-Attentäter, was soll er da schon sagen? Und er war besser als Tom Cruise. Auch Harald Schrott spielte ihn fürs ZDF schon mal. Und er war auch besser. Aber was heißt hier besser? Das klingt ja fast schon nach dieser Scientologie-Logik, diesem öden: Auch in Dir steckt ein Gewinner, nutze dein – aggressives – Potenzial (lebenslange ruinöse Sektenabhängigkeit inklusive)!
Nun ja, soviel lässt sich schon mal sagen: Zum Gewinner ist Tom Cruise mit dem von ihm produzierten Film, mit sich selbst in der Hauptrolle, nicht geworden. Ist eben schwierig mit den deutschen Helden des »Geheimen Deutschland«, noch dazu, wenn sie Tyrannenmörder sein wollen und sich mit dem Ruf »Es lebe unser heiliges Deutschland« erschießen lassen. Man kann gegen Stefan George und seinen Kreis (zu dem Claus Graf Schenk und sein Bruder Bertold von Stauffenberg gehörten), diese prätentiös-sakrale Selbstinszenierung viel einwenden, aber gut gegen jeden flachen Scientologie-Geist (der im Grunde nur aus dem Kapitalismus eine Religion machen will) ist er schon. So unnahbar, so aristokratisch, so fremd. Auch Stauffenberg wollte als Soldat zugleich ein Ritter sein, das mag man zu Recht für weltfremd halten, aber gerade dieser Geist ist es, der ihn zum Hitler-Attentäter macht.
Solch Zugleich von Tiefen und Untiefen ist zuviel für einen vom US-Studio United Artists (dem Tom Cruise vorsteht) produzierten deutschen Geschichtsfilm. Das konnte man von Anfang an wissen – und nun ist es auch so gekommen. Der von Cruise ausgesuchte Regisseur Bryan Singer ist ein handwerkliche routinierter Actionfilmer, mehr nicht. Da mutet die Aufregung um »Operation Walküre« reichlich bizarr an: Er ist nicht einmal ärgerlich, er ist nicht aufregend falsch – er ist bloß auf durchdringend geistlose (also harmlose!) Art und Weise gewöhnlich. Wenn die Welt einen Film nicht gebraucht hat, dann diesen. Nun ist er da, samt Mediengetöse, sagen wir also einige Worte zu seiner schnellen Grablegung.
Tom Cruise ist mit diesem Film als Schauspieler restlos entzaubert. Vielleicht hatte er einfach Angst Falsches zu tun, also tat er lieber gar nichts. Mit leerem unbewegten Gesicht, dem nicht einmal die Augenklappe einen Anflug von Verwegenheit gibt, spult er sein Programm lustlos herunter. Sieht man das, versteht man nicht, warum er unbedingt Stauffenberg spielen wollte. Keine Leidenschaft, keine Emotion, keine Intelligenz – nichts, nur große synthetische Leere. So, als wolle er nur schnell in Uniform zum Kostümball gehen.
Das Strickmuster ist das übliche: einzelner Held gegen übermächtigen Feind. Das stimmt so natürlich nicht, denn Stauffenberg war nicht der Kopf des Widerstandkreises, sondern nur der, der mit der Bombe dicht an Hitler heran kam. Die anderen aber: Beck und Goerdeler etwa, sie stören hier nur das Actionkino-Konzept. Dabei ist doch gerade interessant, was diese für ein Deutschland nach Hitlers Tod wollten. Ein demokratisches? Oder eher ein Bündnis von Wehrmacht mit nationalkonservativen Kreisen, das im Westen schnell Frieden macht, damit man im Osten weiterkämpfen kann? Über dieser Frage hätten sich die Verschwörer vermutlich schnell entzweit. Für Stauffenberg jedoch waren es gerade die Gräuel der Ostfront, die ihn, den Nazi, zum Nazi-Gegner machten. Aber solche politischen Linienverläufe blendet »Operation Walküre« völlig aus. Da geht es nur um den Mann mit der Bombe. Leider hat die Bombe in diesem Film eine stärkere Ausdruckskraft als der Mann, der sie trägt. Darum funktioniert »Operation Walküre« nicht einmal als Thriller.
Die Ironie des versuchten Staatsstreichs in der Version von Tom Cruise: Nebenfiguren erlangen – ungewollt – eine viel stärkere Präsenz als Stauffenberg, auf den der Film doch zu hundert Prozent zugeschnitten ist. Ein dramaturgischer k.o.-Schlag. Vor allem der hervorragende Bill Nighy als General Olbricht zeigt, dass man gar nicht viel tun muss, will man auf der Leinwand präsent sein. Aber dieses Wenige muss eben eine Stärke erlangen, von der Tom Cruise keine Vorstellung besitzt. »Operation Walküre« versucht durchaus, den Ereignissen des 20. Juli gerecht zu werden – aber er versucht es mit dem Mitteln des Popcorn-Kinos. Jedes Bild ein Klischee, zugedröhnt mit Wagner. Aber Goebbels besaß Barlach-Plastiken und stellte sich keine röhrenden Hirsche, die hier alles und nichts dekorieren, auf den Schreibtisch – da eben beginnt es so furchtbar schwierig zu werden.
Wer sich statt mit Tom Cruise oder Guido Knopp ein Bild des 20. Juli machen will, das ihm nicht schon in medialer Schleife tausendfach auf die gleiche unergiebige Weise hinterhergetragen wurde, der lese darüber in Ernst Jüngers Tagebüchern »Strahlungen I/II« nach. Denn in Paris war die »Operation Walküre« erfolgreich gewesen, SS und SD bereits entwaffnet - und dann doch wieder freigelassen worden. »Die Riesenschlange im Sack gehabt und wieder frei gelassen«, kommentiert Jünger, der mit »Der Friede« die außenpolitische Programmschrift für eine Regierung nach dem Staatsstreich schrieb – in deren Machtzentrum Rommel stehen sollte, der aber wie fast die ganze Generalität unentschlossen blieb. Liest man diese Schrift, dann ahnt man, dass auch nach einem geglückten Attentat auf Hitler ein wirklicher Friede noch weit entfernt gewesen wäre. Denn solch ein Frieden führte eben nur über die totale und bedingungslose Niederlage des Nazi-Reichs.
Stauffenberg und die hitlerskeptischen Generäle (seit sie mit ihm nicht mehr siegten) wollten zu diesem Zeitpunkt jedoch immer noch einen respektablen Frieden, eine ehrenvolle Kapitulation für Nazi-Deutschland – und das war im Sommer 1944 gewiss bereits eine gefährliche Illusion. Folge eines zu langen Zögerns, oder wie Ernst Jünger notiert: »Ich glaube, es war Gambetta, der fragte: ›Haben Sie jemals einen General gesehen, der mutig ist?‹ Jeder kleine Journalist, jede Arbeiterfrau bringt mehr Courage auf. Die Auslese geschieht eben nach der Fähigkeit, den Mund zu halten und Befehle auszuführen; dazu kommt dann Senilität.«
Man weiß nicht, ob man Tom Cruise nun darum beneiden soll oder nicht, dass er genauso ahnungslos vor dem Charakter deutscher Generäle wie vor dem Auserwähltheitspathos des George-Kreises steht (den er lieber gleich ganz weglässt). Stauffenberg, der von der Ostfront an seine Frau über den »unglaublichen Pöbel« im Osten schrieb – »sehr viel Juden und Mischvolk« seien darunter –, war wohl kein Demokrat und auch kein toleranter Mensch. Er ist von einer höheren Idee befreit und in ihr gefangen zugleich! Da stecken wir plötzlich tief im deutschen Idealismus.
Vielleicht müsste man Stauffenberg spielen wie Schillers »Wilhelm Tell«. Aber wir wollen Tom Cruise, in seiner infantilen Affinität zu deutschen Heldenfiguren, nicht auf den nächsten falschen Gedanken bringen.
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