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Ungewisse Zukunft: So wie Stephan aus Hamburg geht es vielen Jugendlichen ohne Schulabschluss in Deutschland.
Foto: Sprügel
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Wenn der 18-jährige Stephan im Hamburger Stadtteil Wellingsbüttel nach Hause kommt, wartet eine Menge Arbeit auf ihn. Zunächst kümmert er sich in seiner Souterrain-Wohnung, die er mit seinem Bruder teilt, um die Katzen und den Haushalt. Dann zieht er sich in sein Zimmer zurück, um für den Hauptschulabschluss zu pauken. »Leicht fällt es mir nicht, vor allem in Englisch habe ich Probleme«, berichtet der junge Mann. Stephan fiel das schulische Lernen nie besonders leicht. In der siebten Klasse kam er von der Gesamtschule auf die Förderschule – dort fühlte er sich sozial sofort gut aufgehoben. Keiner hänselte ihn wegen seiner Probleme in Mathe und Deutsch.
Nach der Förderschule besuchte er ein Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) in der Handelschule H 13 im Bereich der Bürotechnik. »Da hab ich den Hauptschulabschluss nicht gepackt und eine Lehrstelle habe ich auch nicht gefunden«, erzählt Stephan. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als ein zweites BVJ zu absolvieren, diesmal im Bereich der Gastronomie. Es endet im Sommer und was danach kommt, steht in den Sternen. »Die Lage ist schon recht schwer, ich finde im Augenblick noch nicht mal ein Praktikum«, drückt Stephan seine Sorgen aus.
So oder ähnlich wie Stephan geht es knapp einer halben Millionen Jugendlichen in Deutschland. Die Maßnahmen wie z.B. das BVJ stehen Jugendlichen offen, die von der Förderschule kommen oder aber den Hauptschulabschluss nicht erreicht haben. Sie sollen, so der Gedanke, durch das BVJ »fit« gemacht werden für die Ausbildung. Durch die Verzahnung von Theorie und Praxis und verschiedene Praktika in der freien Wirtschaft versucht das BVJ, den Jugendlichen den Übergang in eine Ausbildung zu ermöglichen. Soweit die Theorie. In der Praxis mehren sich die Stimmen, die kritisch auf die Erfolgsergebnisse des BVJ verweisen.
Wilhelm Leeker ist eine dieser Stimmen. Der 77-Jährige hat gerade mit einer Aufsehen erregenden Studie an der Universität Oldenburg promoviert. In seiner Promotion beschäftigte Leeker sich mit den Maßnahmen zur Verbesserung des beruflichen Einstiegs für benachteiligte Jugendliche in Niedersachsen. Und er weiß wovon er spricht, leitete er doch selbst 26 Jahre lang die Berufsbildenden Schulen in Emden. »Die Ergebnisse sind bestürzend! Kurz und bündig zusammengefasst – die Maßnahmen wie das BVJ bringen wenig«, so Leeker gegenüber ND. Über 2000 Beteiligte an den berufsvorbereitenden Maßnahmen, wie z.B. Lehrer im Ruhestand, Schulleiter, Lehrer und Schüler, hat Leeker für seine Arbeit angeschrieben, über 1200 haben geantwortet.
Fazit: Nur rund 12 Prozent der ehemaligen Förderschüler erhalten nach dem BVJ einen Ausbildungsplatz, weitere 20 Prozent arbeiten in Werkerberufen oder Helferberufen. Den restlichen Jugendlichen gelingt der Übergang in das Berufsleben nicht, sie melden sich arbeitslos bzw. beantragen Hartz IV. Gründe für die Misere gibt es viele. Für Leeker ist ein wichtiger Grund die Veränderung der Arbeitswelt. »Die Ansprüche an die Ausbildungsberufe sind seit den 1990er Jahren enorm gestiegen. Sie können von immer weniger ehemaligen Förderschülern erfüllt werden«, so Leeker. Aber auch das bundesdeutsche Schulsystem hält er für verantwortlich. »Hier wird viel zu viel und zu früh aussortiert. In meiner Arbeit kann ich aufzeigen, dass Schüler, die in den ersten Jahren auf die Förderschule kommen, dauerhaft keine Chance haben, in Arbeit zu kommen!«, zieht Wilhelm Leeker nüchtern Bilanz.
Die Ergebnisse lassen sich fast eins zu eins auf die restliche Bundesrepublik übertragen. Im Bundesdurchschnitt verlassen 8 bis 10 Prozent der Schüler die Schule ohne Abschluss. Der Nationale Bildungsbericht kam schon 2006 zu dem Ergebnis, dass die BVJ überwiegend eine Warteschleifenfunktion erfüllen. Aus der Arbeitslosen- oder Ausbildungsplatzstatistik sind die Jugendlichen zunächst raus – es gibt sie aber! So wie den 18-jährigen Tayfun aus dem Hamburger Stadtteil Steilshoop. Er hat nach der Förderschule drei BVJ absolviert – ohne Erfolg bei der Arbeitssuche. Das dritte BVJ hat er dann auch vorzeitig abgebrochen. Er wohnt zu Hause und will sich jetzt beim Arbeitsamt melden. »Vielleicht haben die ja was für mich, nur ohne Hauptabschluss wird’s wohl schwierig«, erzählt Tayfun. Seit einem halben Jahr hängt er zu Hause ab, schläft lange und geht ab und an auf den Kiez zum Feiern.
Jessica hat direkt ihr zweites BVJ im Bereich Friseurin geschmissen, obwohl der Beruf immer ein Traum von ihr war. »Es war da so langweilig und außerdem bringt es nichts«, berichtet die 19-Jährige. Sie hat direkt nach der Förderschule für sich erkennen müssen, dass die Gesellschaft nicht auf sie gewartet hat. Sie hat jetzt Hartz IV beantragt, weiß aber nicht, wie es weitergehen soll.
Die hoffnungslose Lage der jugendlichen Absolventen der Förderschulen hat auch Wilhelm Leeker oft mitbekommen. Und plädiert deshalb in seiner Arbeit für die Einführung der Gemeinschaftsschule in Deutschland. »Wenn man sieht, dass in Finnland knapp 99 Prozent der Jugendlichen die Schule mit einem Abschluss verlassen, läuft in Deutschland doch was falsch«, resümiert er. In Finnland gehen die Schüler neun Jahre gemeinsam zur Schule. Allerdings sind die Lerngruppen bedeutend kleiner als in Deutschland und auch der Personalschlüssel ist besser. Eine Förderschule gibt es in Finnland nicht. »Nur – gute Bildung kostet! Und das wird in Deutschland oft vergessen, wenn man neidisch nach Finnland schielt«, so Leeker. Knapp 6,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verwenden die Finnen auf die Bildung, die Deutschen nur 4,8 Prozent. Bedenkt man jedoch, dass die Maßnahmen wie das BVJ jährlich ca. fünf Milliarden Euro kosten, könnte man einiges ändern.
Stephan hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. »Jetzt muss ich erstmal meinen Hauptschulabschluss packen!«, und das sei eben nicht einfach. Aber aus seiner ehemaligen Förderschulklasse hat eine Mitschülerin immerhin auf Anhieb eine Lehrstelle als Friseurin gefunden. Für Stephan ein Anreiz, es zu probieren. Ohne Arbeit kann er sich sein Leben nicht vorstellen. »Nur von Hartz IV zu leben, da hab ich Angst vor. Und es wird ja auch schnell langweilig zu Hause«, schildert Stephan seine Zukunftsängste. Ein guter Kumpel hat im BVJ sogar seinen Hauptschulabschluss geschafft, eine Lehrstelle sucht er seit einem Jahr jedoch vergeblich. »Er trinkt jetzt mehr«, erzählt Stephan resigniert.
Forderungen nach Veränderungen im Bereich der Berufsvorbereitung werden auch immer stärker in der Politik laut. Die Grünen und auch die Linkspartei im Bundestag fordern ein Umdenken und verlangen strukturelle Veränderungen. Die SPD und die Grünen im niedersächsischen Landtag verlangen aufgrund von Leekers Studie ebenfalls eine deutliche Verbesserung der Situation im Bereich der BVJ.
Wilhelm Leeker fordert, solange es in Deutschland keine Gemeinschaftsschule gibt, ebenfalls ein Umdenken. »Das BVJ muss durch begleitete Praktika Brücken in die Wirtschaft bauen und darf nicht als überbetriebliche Ausbildung fernab der Realität angesehen werden«, so Leeker. Zudem müsse es den Jugendlichen ermöglicht werden, sich wie im europäischen Ausland ihre erworbenen Qualifikationen in Form von Zertifikaten bestätigen zu lassen.
Für Stephan, Tayfun und Jessica kommen diese Diskussionen zu spät. Sie haben bereits am eigenen Leib erlebt, dass ihnen weder ein noch mehrere BVJ alleine helfen.
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