Von Eva Völpel und Nils Brock
23.01.2009

Wohin soll denn die Reise gehn?

Das Weltsozialforum kehrt nach Brasilien zurück und diskutiert seine Zukunft

2001 fand im brasilianischen Porto Alegre das erste Weltsozialforum (WSF) statt. Acht Jahre später kehrt es nach Brasilien zurück. Nicht Porto Alegre ist dieses Mal das Ziel, sondern das ungleich schwerer zugängliche Belém an der Amazonasmündung. Dort werden sich, zwischen dem 27. Januar und dem 1. Februar, die sozialen Bewegungen des Erdballs in mehr als 2000 Veranstaltungen über die Lage der Welt und in ihren Regionen, alternative Politiken, Perspektiven und Widerstandsformen austauschen. Dabei soll das Thema Klimawandel im Vordergrund stehen, hat der Internationale Rat des WSF entschieden.

Nicht nur die Rückkehr nach Brasilien spricht dafür, dass das WSF dieses Mal sehr viel stärker von Debatten um die eigene Identität und Perspektiven geprägt sein könnte, denn jede Rückkehr bietet sich dafür an, Bilanz zu ziehen. Spätestens seit 2007, nachdem das WSF in Nairobi, und damit erstmals in einem afrikanischen Land Station machte, wird heftig diskutiert: Über die Stärken und Schwächen des Bewegungstreffens, seine Daseinsberechtigung und mögliche Alternativen zur Veranstaltungsform.

Am Scheideweg

Das Weltsozialforum versteht sich als Kontrapunkt zum alljährlich stattfindenden Weltwirtschaftsforum in Davos. Dem Treffen der ökonomischen und politischen Eliten in den Schweizer Bergen und ihren Weichenstellungen in der kapitalistischen Ökonomie wollte man entgegensetzen: »Eine andere Welt ist möglich!«

Seit dem Auftakt im Jahr 2001 sind viele tausend AktivistInnen und NGO-VertreterInnen zu Welt-sozialforen gepilgert, dem Ort der »Bewegung der Bewegungen«, so u.a. nach Mumbai und nach Carácas, Karachi und Bamako – wo 2006 zum ersten Mal drei dezentrale Foren abgehalten wurden. Regionale Ableger wie das Europäische oder Afrikanische Sozialforum haben sich gebildet und im Jahr 2008 fand statt eines zentralen Großereignisses eine global ausgerufene Aktionswoche statt. Etliche WSF-Urgesteine, so u.a. Walden Bello, der Direktor des Forschungszentrums »Focus on the Global South« aus Bangkok, fragen sich mittlerweile, ob das Forum am Scheideweg steht.

Dafür gibt es zahlreiche Gründe. Einer, der für viele im Vordergrund steht, ist die Frage nach den Impulsen, die vom WSF ausgehen. Hier scheint sich das WSF – wenn auch gewollt – zuweilen selbst im Weg zu stehen. Dass es bisher so viele unterschiedliche Gruppen und Bewegungen zusammenbrachte, hat mit der in der »Charta der Prinzipien« niedergelegten Offenheit des Forums zu tun: Man begreift sich als Ort der Begegnung und des Austauschs, die Treffen haben jedoch keinen Beschlusscharakter und das WSF unterstützt keine Gruppe oder Initiative direkt. Auch finden während eines WSF keine politischen Aktionen jenseits der Konferenzräume statt. Nicht zuletzt Hugo Chávez übte daran 2006 Kritik: Das WSF laufe Gefahr, zu einem Forum für Ideen ohne Handlungsplan zu werden, sagte er in Carácas.

Mehr Verbindlichkeit

Ein neuer Konsens deutet sich an. Dieser lautet, das Treffen müsse sich seine Offenheit bewahren, gleichzeitig jedoch den Mut aufbringen, Strategien zu entwickeln und Positionen zu beziehen, will es tatsächlich die globale Agenda beeinflussen. Wie das aussehen kann, darüber gehen die Meinungen naturgemäß auseinander. Nicht zuletzt das Verhältnis zu progressiven Regierungen wie in Bolivien oder Venezuela bietet Stoff für Diskussionen. Wie viel Abstand wahrt man und wie weit ist der Verzicht auf politische Macht sinnvoll?

Daneben bringen die Größe und die Form des Forums weitere Debatten aufs Tapet: Wie sehr macht sich das WSF von nationalen oder regionalen Regierungen sowie großen NGOs als Geldgeber abhängig? Ohne deren Hilfe wären Veranstaltungen, zu denen schon mal 100 000 Menschen zusammenkommen, gar nicht zu bewerkstelligen. Und: Wer kommt überhaupt zusammen? So warnt François Houtart, Mitglied im Rat des Sozialforums, dass sich auf den Foren eine »Mentalität der Mittelklasse« durchsetzen könne, denn naturgemäß würden nicht die Ärmsten an ihnen teilnehmen.

Die Möglichkeit zur Teilnahme stand auch bei den Diskussionen um den diesjährigen Austragungsort im Vordergrund. Die rund 1,5 Millionen Einwohner zählende Stadt Belém ist durch ihre Lage im Amazonas nicht nur vergleichsweise schwierig zu erreichen, sie bietet eventuell auch nicht die Infrastruktur, um Tausende von globalisierungskritischen AktivistInnen zur tropischen Regenzeit aufzunehmen.

Begrenzte Reichweite

Das Veranstaltungsprogramm bestätigt solche Befürchtungen. Bewegungen aus Afrika sind nur spärlich vertreten. Indes werden zahlreiche indigene Gruppen aus der gesamten Amazonasregion erwartet. Man darf gespannt sein, welche Ergebnisse die Konfrontation von globalen Klimawandeldiskursen und lokalen Realitäten hervorbringen. Vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise wird das WSF darüber hinaus von der Analyse der veränderten geo- und wirtschaftspolitischen Konstellationen seit 2001 geprägt sein.

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