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Von Fabian Lambeck 23.01.2009 / Wirtschaft

Fressen und gefressen werden

Die Grüne Woche kann sich den Problemen der globalen Landwirtschaft nicht entziehen

Durch die riesige Halle 22 zieht der Duft frisch gebratener Würste und mischt sich mit dem unverwechselbaren Aromen von Bier und Wein. Hier präsentiert sich der Freistaat Thüringen mit einer breiten Auswahl an kulinarischen Spezialitäten. Eine Band hält das vorwiegend ältere Publikum mit Volksmusik bei Laune. Überall wohl genährte Menschen, die hierher gekommen sind, um »mal nach Herzenslust zu schlemmen«, wie eine ältere Dame gesteht, während sie ihre Thüringer Rostbratwurst in den Senf tunkt. Deutschland ist und bleibt ein Wurstland. Sogar Joschka Fischer, den ehemaligen Bürgerschreck und Außenminister, beschlich während seiner Gastprofessur in den USA die Sehnsucht »nach dem deutschen Lebensgefühl, nach dem Brot, nach der Wurst«, wie er der »Zeit« in einem Interview anvertraute.

Die Sehnsucht nach der Wurst

Im Jahre 2007 kostete diese Sehnsucht nach der Wurst etwa 53 Millionen Schweine in Deutschland das Leben. Hinzu kamen noch einmal 3,3 Millionen Rinder und weit mehr als 400 Millionen Stück Geflügel. Kritiker warnen seit längerem vor den negativen Folgen dieses maßlosen Fleischkonsums und seiner Vorbildfunktion für aufstrebende Schwellenländer. Dort ahmt eine wachsende Mittelschicht die Essgewohnheiten der Europäer und Amerikaner nach. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird der zunehmende Fleischverbrauch in China und Indien zum Gesundheitsproblem: Fettleibigkeit, Herzgefäßerkrankungen und Venenleiden sind die Folgen.

Wirklich gefährlich wird die zunehmende Fleischproduktion aber vor allem für unser Ökosystem. In den letzten 40 Jahren hat sich die globale Fleischproduktion vervierfacht – auf mittlerweile mehr als 240 Millionen Tonnen pro Jahr. Sterbende Regenwälder in Brasilien und eine Belastung unseres Klimas sind nur die offensichtlichsten Folgen der wachsenden Viehbestände. Die Globalisierung der Landwirtschaft macht auch vor der Thüringer Rostbratwurst nicht Halt.

Bei einem Gang durch die Ausstellungshallen der Grünen Woche bekommt man eine ungefähre Vorstellung von den Dimensionen des deutschen Fleischverbrauches. Wurst und Schinken in allen Formen und Farben. Vorbeiziehende Besucher werden mit liebevoll zubereiteten Probierhäppchen an die Verkaufsstände gelockt. Neben vielen kleinen Anbietern nutzen vor allem große Nahrungsmittelkonzerne die Grüne Woche als Absatz- und Testmarkt.

Die Messe dient auch der »Imagefestigung«. Schließlich will der Konsument keine anonyme Massenware aus industrieller Produktion, sondern Marken, die ihm eine kleinbäuerliche Idylle vorgaukeln. So inszenieren die großen Lebensmittelkonzerne wie Nestle und Unilever ihre umsatzstarken Marken als Produkte von nebenan. Außerdem gibt man sich als der hilfsbereite Dienstleister. Dem übergewichtigen Besucher stehen in Halle 1.2. freundliche Nestle-Ernährungswissenschaftler mit Rat und Tat zur Seite. Interessierte können gar an einem »Zehn-Tage-Beratungsmarathon« teilnehmen. Wohlweislich verschweigt der Schweizer Konzern, dass es gerade die Süßwaren aus dem eigenen Sortiment sind, deren regelmäßiger Verzehr zu Übergewicht und Diabetes führen kann.

Angesichts des überall zur Schau gestellten Überflusses könnte man der schönen Illusion erliegen, dass der Hunger längst besiegt sei. Ein Zeitalter ständig verfügbarer Lebensmittel scheint angebrochen: Es stapeln sich Schinken, Käselaibe und Brote. Das Schlaraffenland ist keine ferne Utopie.

Doch ein paar Hallen weiter präsentiert sich das schlechte Gewissen der globalen Landwirtschaft. Das afrikanische Burkina Faso unterhält hier einen der größten Informationsstände, obwohl das ehemalige Obervolta als eines der ärmsten Länder dieser Welt gilt. Die Lebenserwartung liegt bei nicht einmal 42 Jahren. Jedes fünfte Kind stirbt vor Erreichen seines vierten Geburtstages an Unterernährung.

Das schlechte Gewissen

Irgendwie wirkt der Stand deplatziert, man fühlt sich unangenehm berührt und beim gedankenlosen Schlemmen ertappt. Viele Besucher schleichen schnell vorbei. Die in traditionelle Stammesgewänder gekleideten Mitarbeiter nehmen es mit afrikanischer Gelassenheit.

Nur, was hat das arme Burkina Faso auf der Grünen Messe zu suchen? Das Rätsel ist schnell gelöst. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der Messeauftritt als professionelle Showeinlage, finanziert von der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) und dem Entwicklungshilfeministerium.

Burkina Faso gilt unter kritischen Ökonomen als das Sinnbild der rücksichtslosen Agrarpolitik des Westens gegenüber der Dritten Welt. Von der Kolonialmacht Frankreich einst zum Baumwollanbau gezwungen, drängten später Internationaler Währungsfonds (IWF) und Weltbank auf einen Ausbau der Monokultur. Die Förderpolitik der US-amerikanisch geführten Weltbank, zerstörte vorsätzlich die Selbstversorgung der Entwicklungsländer und machte sie zu Nahrungsmittelimporteuren. Die armen Länder sollten sich auf den Export von im Westen benötigten Pflanzen wie Kakao, Bananen oder eben Baumwolle konzentrieren. Mit den Exporterlösen sollten die Lebensmitteleinfuhren finanziert werden.

Dieses System funktionierte in Burkina Faso mehr schlecht als recht, solange die Weltmarktpreise für Baumwolle stabil waren. Doch seit ein Jahren sind die Preise im Keller. Und eine Besserung ist nicht in Sicht, denn sowohl die EU als auch die USA subventionieren die eigenen Baumwollproduzenten mit fast vier Milliarden Euro pro Jahr.

So wie Burkina Faso erging es unzähligen anderen Staaten. Sie öffneten auf Druck des Westens ihre Märkte und bauten Zollschranken ab. Im Gegenzug stellte man ihnen bereits 1990 die baldige Marktöffnung in Aussicht und versprach, die eigenen Agrarsubventionen abzubauen. Doch bis heute zahlt die EU jährlich 42 Milliarden Euro an Beihilfen für die eigenen Landwirte. Diese Subventionen wirken nicht nur als Marktsperren. In Form von »Exporthilfen« überschwemmen sie die Märkte im Rest der Welt mit verbilligtem Geflügel, Milchpulver und Gemüse. In den betroffenen Staaten leben mehr als zwei Milliarden Menschen von der Landwirtschaft. Diese Kleinbauern sind den Exporten der westlichen Agrarindustrie schutzlos ausgeliefert. Aufgrund der globalen Konsequenzen setzte man die Subventionspraxis auch auf die Agenda des »1. Berliner Agrarministertreffens« am Rande der diesjährigen Grünen Woche. Im Abschlusskommuniqué dieses Diskussionsforums hieß es am Sonntag, dass »handelsverzerrende Subventionen« vermindert werden müssten, »um einen fairen landwirtschaftlichen Handel zu gewährleisten«. Konkrete Zusagen oder gar Aktionspläne enthielt das Papier jedoch nicht.

Trotz Rekordernte wächst der Hunger

Was die Absichtserklärung wert ist, zeigte sich bereits einen Tag später. Denn am Montag begrüßten die EU-Agrarminister unisono die jüngst beschlossene Wiedereinführung der seit Sommer 2007 ausgesetzten Exportbeihilfen für Milchprodukte. Insbesondere die deutsche Agrarlobby hatte sich für deren Wiederaufnahme eingesetzt. Mit aller Macht wollen die Bauern ihre Überproduktion auf internationalen Märkten verscherbeln. Entwicklungshilfeorganisationen laufen Sturm gegen diese Pläne. Zumal das Bundeslandwirtschaftsministerium die »Ausfuhrbeihilfen« auch auf Hühner- und Schweinefleisch ausdehnen will. Vertreter verschiedener Entwicklungshilfeorganisationen nutzten die Medienöffentlichkeit der Grünen Woche, um Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) den druckfrischen Weltagrarbericht zu überreichen. Sie beschworen die sichtlich überraschte Ministerin, dass ein »radikales Umdenken in der Landwirtschaft« dringend und unvermeidlich sei. Nach Prognosen der Welternährungsorganisation FAO werden in diesem Jahr beinahe eine Milliarde Menschen Hunger leiden – mehr als je zuvor. Während gleichzeitig die wahrscheinlich größte Ernte aller Zeiten eingefahren wird.

Doch die Warnungen stoßen bei den Messegästen auf taube Ohren. Zwar betreiben einige kritische Organisationen Informationsstände auf der Grünen Woche, doch die meisten Besucher gehen achtlos an ihnen vorbei. In der Nachbarhalle lockt das große Russland mit billigem Wodka und Fischspezialitäten. »Die Leute kommen halt her, um zu fressen und nicht, um sich über Probleme zu informieren«, meint ein Umweltaktivist resig-niert.

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