Von Leo Burghardt, Havanna
24.01.2009

Kuba will »Geste für Geste«

Obama weckt auch in Havanna Hoffnungen, doch Skepsis bleibt

Seit Dienstag hat es Kuba mit dem elften Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika seit dem Sieg der Revolution vor 50 Jahren zu tun. Anders als seine Vorgänger, mit Ausnahme Jimmy Carters, hatte er seinen Wahlkampf nicht mit der bitterernst gemeinten Drohung garniert, die Kubaner in die Knie zwingen zu wollen.

Zwar ignorierte Barack Obama das Thema Kuba im Wahlkampf nicht und kündigte einige Korrekturen der Blockade an. Auch scheint er bereit zu sein, einen Dialog mit Havanna einzuleiten, »wenn von dort stimulierende Gesten kommen«, aber in seiner Prioritätenordnung rangiert Kuba im Mittelfeld, obgleich er es sich zur Aufgabe gemacht hat, »das verunstaltete Bild der USA im Ausland zu reparieren«. Dazu würde eben nicht nur zweitrangig Kuba gehören.

Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva empfahl Obama, »ohne Vorurteile die perverse Blockade Kubas aufzuheben, für die es keinerlei einleuchtende Erklärung gibt, keine politische, keine soziologische, keine wissenschaftliche«. Kuba brauche weder Gefälligkeiten noch Gesten. Es genüge, die Blockade zu beenden, die eine normale Entwicklung der Revolution verhindert hat. Lula sprach im Namen Lateinamerikas und der Karibik. In den USA selbst ist die Phalanx der Befürworter einer »Tauglichkeitsprüfung« der gesamten Kuba-Politik Washingtons, so der demokratische Senator Christopher Dodd, ebenfalls unverkennbar erstarkt.

Die Kubaner auf der Straße sind erleichtert, dass der unberechenbare George W. Bush weg ist. Obwohl der Mehrheit die Überlegung Fidel Castros einleuchtet, man müsse immer auf die schlimmste Variante gefasst sein, erwarten sie ein Nachlassen der Spannungen zwischen Washington und Havanna, wieder mehr finanzielle Unterstützung von ihren Angehörigen in den USA und mehr Besuche. USA-Unternehmer glauben, dass die neue Regierung in Zukunft einfach nicht mehr so genau hinschauen, sie bespitzeln und abstrafen wird, wenn sie auf eigene Faust die Initiative gegenüber Kuba ergreifen.

Zu welchen Schlüssen man in Havannas Führungsetagen gelangt ist, tat Präsident Raúl Castro am 31. Dezember in einem Fernsehinterview kund: Der neue Präsident habe in aller Welt Hoffnungen erweckt, die nach seiner Meinung übersteigert sind. Denn selbst, wenn Obama redlich und ehrlich sei, was er – Castro – glaube, könne doch ein Mann allein in den USA die Gepflogenheit seines Landes nicht ändern. Er könne allerdings viel Gutes tun und gerechten Ideen zum Durchbruch verhelfen, und er könne die Tendenz bremsen, dass seit dem Entstehen der Vereinigten Staaten fast jeder Präsident seinen Krieg oder seine Kriege gehabt hat. Die Probleme dieser Welt seien durch Kriege nicht zu lösen. Weiter sagte Raúl Castro: »Unsere Politik ist definiert: Wenn er mit uns diskutieren will, werden wir mit ihm diskutieren, aber von Gleich zu Gleich, ohne dass der kleinste Schatten auf unsere Souveränität fällt. Geste für Geste. Und wir sind bereit, damit zu beginnen, wann sie es wollen, direkt, ohne Vermittler. Aber wir haben keine Eile, und Fidel sagt das seit Jahren: Wir werden nicht auf der Basis von Zuckerbrot und Peitsche diskutieren.« Diese Zeiten seien vorbei. »Hier sind wir, hier sind wir, weil wir seit einem halben Jahrhundert verstanden haben zu widerstehen.« Wohl selbstverständlich müsse man vorbereitet sein, ein weiteres halbes Jahrhundert zu widerstehen.

In der Parteizeitung »Granma« erschien ein emotionsfreier, kenntnisreicher Artikel von Ramón Sánchez-Parodí, der 12 Jahre Chef der kubanischen Interessenvertretung in den USA war, unter der Überschrift: »Die Tournee der Versprechungen ist beendet, ab jetzt geht es um Tatsachen.«

Fidel Castro selbst fragte in seiner jüngsten »Reflexion«, die am Donnerstag veröffentlicht wurde: »Ungeachtet aller durchstandenen Prüfungen ist Obama der wichtigsten von allen noch nicht unterzogen worden. Was wird er demnächst tun, wenn die unermessliche Macht, die er in seine Hände genommen hat, absolut nutzlos sein wird, um die unlösbaren antagonistischen Widersprüche des Systems zu überwinden?« Er, Fidel, erwarte, in vier Jahren, wenn die erste Amtszeit Obamas ausläuft, nicht mehr über das Privileg zu verfügen, die Ereignisse beobachten und »in aller Gelassenheit« Überlegungen anstellen« zu können. »Es geht mir gut«, schrieb der 82-Jährige, doch niemand solle sich durch seine eventuellen Kommentare, seinen erschwerten Gesundheitszustand oder seinen Tod verpflichtet fühlen.

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