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Von Veiko Kunkis 24.01.2009 / Berlin / Brandenburg

Das Wandern ist Bernd Müllers Lust

Wie ein Schwerbehinderter eine ganze Region in Bewegung bringt

Immer voran: Bernd Müller
Immer voran: Bernd Müller

Bernd Müller ist nicht gerade ein Athlet. Er hat einen stolzen Bauch, und beim Laufen zieht er ein Bein etwas nach – ein Hüftleiden. Und doch hat der 37jährige Schwerbehinderte aus Bad Freienwalde es geschafft, in einer ganzen Region das Wandern wieder zum Volkssport zu machen. Vor sieben Jahren gründete er den Verein »Die Wanderfalken«, der inzwischen als Regionalgruppe Oberbarnim-Oderland unter das Dach der NaturFreunde geschlüpft ist. Jedes Jahr wandern mit ihm oder seinen Mitstreitern rund 2000 Teilnehmer an gut 90 Terminen.

»Wir wandern besonnen und genießen die Natur«, sagt Bernd Müller. Keine Kritik an Sportwanderern, für die fünf Kilometer in der Stunde und Touren ab zwölf Kilometer aufwärts die Norm sind, sondern Ergebnis eigener Erfahrungen. »Krankheitsbedingt bin ich nicht mehr so flott, wollte trotzdem wandern. Meine erste Tour mit Profis war eine Hatz. Ich schaffte es nie, die Erklärungen des Wanderleiters zu hören; wenn ich ankam, rüstete die Gruppe sich zum Weitermarsch.« Das geht auch anders, sagte er sich: Entspannende Zwei-Stunden-Touren im normalen Schritt, also gut sechs Kilometer.

Zur ersten Tour im April 2002 kam ein einziger Mitwanderer. Später wurden es immer mehr, heute muss er manchmal die Teilnehmerzahl begrenzen, damit es überhaupt noch beherrschbar ist. Wer einmal mit ihm gewandert ist, weiß, was das Besondere an seinen Touren ausmacht: Sie sind gespickt mit Heimatgeschichte und vor allem zahlreichen Sagen, die er zu seinen Touren inzwischen gesammelt hat.

Müllers Stammtouren führen rund um Bad Freienwalde. »Hier gibt es viel in der Natur zu entdecken, wenn man nur mit offenen Augen wandert«, sagt er. Auf dem Weg zum Baasee zum Beispiel den Wald der tausend Augen: »Buchen haben immer Augen«, weiß Müller. Es gibt den Baum, der aussieht wie ein Koboldpo, und einen anderen, auf dem man ein Wildschwein in einer Astgabel erkennen kann. Landschaftsnamen wie Kesselmoor, Teufelssee oder Brandfichte lassen die Fantasie spielen. Doch ausgerechnet Müllers Lieblingswandergebiet droht die Zerstörung: Die geplante Ortsumgehung von Bad Freienwalde wird viele Wanderwege zerschneiden. Daher engagiert sich Müller, zuletzt auch Stadtverordneter für die LINKE in Bad Freienwalde, in der Bürgerinitiative gegen die Umgehungsstraße. »Wird sie gebaut, wäre das eine wirtschaftliche und ökologische Katastrophe.«

In letzter Zeit hat Bernd Müller neue Ziele im Auge: Kombinierte Auto- und Wandertouren führen ihn auf die andere Seite der Oder, ins polnische Grenzland. Die frühere Neumark zieht vor allem viele ältere Brandenburger, die von dort stammen, in ihren Bann. Oft sind Leute dabei, die das erste Mal seit dem Krieg das Dorf wiedersehen, in dem sie ihre Kindheit verbrachten. Jede Tour ist deshalb voller Überraschungen: Manchmal wird der Wanderleiter zum Zuhörer, wenn die Alten erzählen. Die älteren Polen freuen sich über die Besucher und haben Verständnis, denn sie teilen ihr Schicksal. Sie sind oft auch Vertriebene.

Bernd Müllers ehrenamtliches Engagement ist auch Sozialarbeit. Manche Teilnehmer, erzählt er, seien etwa nach einer Scheidung oder dem Verlust des Arbeitsplatzes zu den Wanderungen gekommen. »Sie haben menschliche Nähe gesucht«, sagt er. Seine optimistische Ausstrahlung hat so manchem wieder Mut gegeben. Kaum einer weiß, dass Müller selbst einmal in großen Schwierigkeiten war. Seinen Job im Öffentlichen Dienst hatte er 2002 verloren. Nicht teamfähig und nicht angepasst, lautete die Begründung. Teamfähigkeit hat er längst bewiesen, angepasst ist er bis heute nicht: »Ich würde mich immer wieder dagegen auflehnen, dass Raser nicht bestraft werden, nur weil sie Freunde des Bürgermeisters sind.«

Zurzeit ist Bernd Müller im Hauptberuf Vater: Er nimmt die Elternzeit für Sohn Timo-Jannek. Ein neuer Wanderleiter ist aber schon ausgebildet und für Bernd Müller fleißig auf Tour. Netter Zufall: Der heißt auch Müller, allerdings Hans-Jürgen.

Die nächsten Wandertermine stehen im Internet unter www.wanderfalkenfrw.de

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