Alles, was Jhon über den Regenwald weiß, verdankt er seinem Großvater Atanaso. Der lehrte den Jungen, den Dschungel, der den indigenen Völkern Lebensraum, Speisekammer und Apotheke ist, wie ein offenes Buch zu lesen. Atanaso ist heute 80 oder 90 Jahre alt; keiner, nicht einmal er selbst, weiß es genau. Noch immer ist der Schamane das Oberhaupt von Pacuya, einem Dorf in der Provinz Oriente mitten im ecuadorianischen Regenwald am Fluss Aguarico. Die rund 200 Bewohner gehören zum Stamm der Cofan und leben, wie ihre Vorfahren, in Einklang mit der Natur.
2000 Cofan gibt es insgesamt noch, einst waren es rund 50 000. Wenn die Ölgiganten das Rennen gewinnen, werde es nicht mehr lange dauern, ehe die Cofan genau so verschwinden wie die Tetete und die Sansahuarie, die heute nur noch als Namen zweier Ölfelder existieren, erzählt Jhon. Deshalb engagiere er sich gemeinsam mit anderen gegen die Vereinnahmung des Regenwaldes durch internationale Ölkonzerne. Auch dabei ist ihm sein Großvater Vorbild und Lehrer. Und gewissermaßen ist Jhon ein gebranntes Kind.
Vor fast 30 Jahren kam ein Ölspähtrupp nach Pacuya. Einer der Männer verliebte sich in eine junge Cofan. 1980 wurde Jhon geboren. Sein Vater, ein weißer Siedler, interessierte sich nicht sonderlich für den Jungen, der aber erlebte schon als Kind in der eigenen Familie, welches Unglück das Erdöl – der schwarze Reichtum Ecuadors – den indigenen Völkern bringt. »Die Männer von der Erdölgesellschaft kamen mit viel Alkohol, immer wieder. Damit versuchten sie, die Dorfältesten gefügig zu machen, damit sie die Knebelverträge unterschreiben, die ihnen Probebohrungen auf unserem Land erlauben«, erzählt Jhon. »Dafür sollten wir ein paar Säcke Reis, Fußbälle, T-Shirts und ähnliches bekommen.« Ihr Ziel konnten sie in Pacuya zwar nicht erreichen, aber viele Männer wurden alkoholabhängig. Einige starben an den Folgen. Auch Atanasos Bruder.
Diese Kindheitserlebnisse haben den heute 28-Jährigen nachdrücklich geprägt. Er weiß, dass die Indígenas letztlich keine Macht haben, die Erdölförderung zu verhindern, denn: Was unter der Erde lagert, gehört per Gesetz dem Staat. Aber er will, dass sie ein Mitspracherecht für eine umweltgerechtere Förderung haben. Er erzählt, wie 1993 Mitglieder seines Stammes mit einer spektakulären Aktion auf sich aufmerksam machten. Mal wieder wollten Ölarbeiter im Regenwald Flächen für Probebohrungen roden. Verträge und Genehmigungen gab es keine. Die Cofan kidnappten die Männer und sorgten dafür, dass der Vorfall an die Öffentlichkeit gelangte. Mit Erfolg. Die Ölgesellschaft zog sich aus der Region zurück und ließ die Cofan seitdem in Ruhe. »Doch jetzt rücken sie langsam wieder näher«, so Jhon, der sich nichts mehr wünscht, als dass der Regenwald auch noch Lebensraum für seine Kinder und nachfolgende Generationen bleibt.
Seit der US-Konzern Texaco im April 1967 begann, im Amazonasbecken Öl zu fördern, änderte sich die Wirtschaftsstruktur des Agrarlandes schlagartig. Innerhalb kürzester Zeit war Ecuador nach Venezuela Südamerikas zweitgrößter Ölexporteur. Heute zieht sich eine 500 Kilometer lange Pipeline von Oriente über die Anden bis zur Hafenstadt Esmeraldas an der Pazifikküste. Tiefe Schneisen wurden in den Regenwald geschlagen, riesige Flächen gerodet, Straßen fraßen sich weit hinein in den Dschungel. Immer mehr landlose Bauern wurden zu Ölarbeitern, neue Städte entstanden dort, wo früher Regenwald war. Die Siedler brachten Krankheiten mit, an denen viele der bis dahin autark lebenden Indígenas starben, weil sie ihnen nichts entgegenzusetzen hatten.
Als Texaco 1992 nach fast 26 Jahren Ausbeutung der Ölquellen Ecuador verließ, blieben 700 Auffangbecken mit giftigem Schlamm, Öl und Formationswasser zurück, 19 Milliarden Gallonen (rund 72 Milliarden Liter) Abfälle wurden vergraben und 18,5 Millionen Gallonen verseuchtes Wasser in Flüsse und Bäche gepumpt. Seit 2003 klagen indigene Organisationen gegen Texaco, um den US-Konzern zu zwingen, die Schäden zu beseitigen. Rund sechs Milliarden Dollar würde das kosten, sagen Experten, nicht ganz so viel wie zwei Drittel des Staatshaushaltes Ecuadors.
Heute ist die staatliche Gesellschaft Petroecuador zuständig für die Erforschung und Nutzung der Lagerstätten. Als im Frühjahr 2007 in der Ölhauptstadt Lago Agrio das 40-jährige Jubiläum des Förderbeginns gefeiert wurde, fiel die Bilanz ernüchternd aus. Öl im Wert von rund 82 Milliarden Dollar wurde in vier Jahrzehnten aus dem Dschungel gepumpt. Doch dem Land und seinen Menschen brachte das nichts Gutes: Nach wie vor gehört Ecuador zu den ärmsten Ländern Südamerikas, es fehlt an eigenen Raffinerien, so dass Diesel und Benzin gegen teure Devisen importiert werden müssen. Etwa die Hälfte der grünen Lunge soll bereits abgeholzt sein. Das Öl, so sagte der damalige Energieminister Alberto Acosta, habe der ökonomischen Entwicklung nichts genützt. »Uns sind vor allem Umweltzerstörung, Abhängigkeit, Korruption und Vetternwirtschaft geblieben.«
Acosta war es auch, der maßgeblich mit dafür verantwortlich ist, dass das von einer Umweltgruppe entwickelte Projekt ITT-Yasuni im Juni 2007 zum Regierungskonzept erklärt wurde. Dabei schlägt das Land vor, auf die Erdölförderung in dem bereits konzessierten, rund 1900 Quadratkilometer großen Ishpingo-Tambochocha-Tiputini-Ge- biet (ITT) zu verzichten, das zum größten Teil im Yasuni-Nationalpark liegt. Der Nationalpark, der 1989 von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt wurde, ist auch Heimat von zwei indigenen Gruppen, die hier in freiwilliger Isolation leben. Die Umsetzung des Projekts würde nicht nur zum Überleben der Menschen beitragen, sondern auch zum Erhalt einer der artenreichsten Regionen der Welt, und riesige künftige CO2-Emissionen verhindern.
Als Ausgleich für den Verzicht auf die Förderung von geschätzten 920 Millionen Barrel Öl (rund 20 Prozent der nachgewiesenen Erdölreserven des Landes) soll die internationale Gemeinschaft, insbesondere die Industriestaaten, eine Entschädigung in Höhe von 50 Prozent der bei Förderung und Verkauf des Erdöls zu erwartenden Erlöse in einen Fonds einzahlen. Dabei geht es um geschätzte 350 Millionen US-Dollar pro Jahr für einen Zeitraum von zehn Jahren. Ein Vorschlag, der umso mehr ins Gewicht fällt, weil das arme Ecuador damit die Hälfte des Preises für den Erhalt der Umwelt selbst trägt. Noch ist keine Entscheidung gefallen, doch einige Industriestaaten haben zumindest die Absicht erklärt, sich zu beteiligen. Dazu gehören Deutschland, Spanien und Norwegen.
Auch Jhon und Atanaso im nur wenige Kilometer vom Yasumi-Nationalpark entfernten Pacuya wissen von dem Angebot ihrer Regierung an die Welt. Für sie bedeutet es neue Hoffnung für eine Zukunft des Regenwaldes und der dort lebenden Völker. Darüber sprechen sie auch mit den Touristen, die Jhon durch den Regenwald führt und denen er von den Jahrtausende alten Ritualen seines Volkes erzählt, die aufs Engste mit dem Dschungel verbunden sind. Und Atanaso zeigt sich den Gästen von weither gern in seiner traditionellen Schamanenkleidung samt prächtigem Federkopfschmuck.
Aktuelle Ausgabe: 22.05.2012
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