»Komm, setz dich zu uns und iss«, ruft ein Mann auf dem Hauptplatz von Lampedusa. Auf der Piazza des größten Ortes der gleichnamigen Insel ist eine lange Tafel aufgebaut. Ein paar Dutzend Leute speisen inmitten von Schildern, die »SOS Isole Pelagie« (SOS Pelagische Inseln, zu denen Lampedusa gehört) verkünden, und Innenminister Roberto Maroni vorwerfen, heimlich ein neues Guantanamo einzurichten, während im fernen Amerika Präsident Barack Obama das Original zu schließen beabsichtigt. Sobald die Männer, die hier fröhlich schwatzend ihre Makkaroni zu sich nehmen, eines Fremden ansichtig werden, der nicht wie der verhasste italienische Innenminister aussieht, laden sie ihn umgehend zum gemeinsamen Mahl ein.
In dieser Woche handelt es sich bei den Gästen hauptsächlich um Journalisten. Salvatore Capello, der Mann an der Stirnseite des Tisches, bekräftigt, dass die Gruppe am Wochenende hier 40 illegale Einwanderer beköstigt hat. Die waren unter den etwa 650 Menschen, die urplötzlich die Tore des überfüllten Auffanglagers auf der Insel geöffnet hatten und in den Ort geströmt waren. Die Massenflucht hatte Lampedusa Schlagzeilen beschert. Premierminister Silvio Berlusconi hatte den Vorfall heruntergespielt und behauptet: »Das sind unsere Gäste. Sie sind nur einmal auf ein Bier in den Ort gegangen.« Er hatte den Eindruck erweckt, als dürften die per Schiff nach Lampedusa gelangten Migranten das Lager verlassen, wie und wann es ihnen beliebt.
Dieser Eindruck allerdings ist falsch. Keinem der Flüchtlinge war es seit Beginn der starken Einwanderung Mitte der 90er Jahre erlaubt, das Lager auf Lampedusa zu verlassen. Als sich am Samstag die Migranten unter die Einwohner gemischt hatten, waren letztere ziemlich erschrocken: »Einige haben sich im Supermarkt mit Wodka und Limoncello eingedeckt. Mit steigendem Alkoholpegel sind sie aggressiv geworden«, erzählt der Taxifahrer Carmelo Scozzari. »Die Straßen waren unsicher. Es wurden Autos aufgebrochen«, berichtet die Englisch-Lehrerin Irene Carlino. Weit kam mit den Fahrzeugen aber niemand – Lampedusa ist nur 20 Quadratkilometer groß. »Die Autos wurden dann wieder zurückgebracht«, räumt sie ein. Aber viele Eltern hätten aus Angst ihre Kinder nicht zur Schule geschickt. Ihre Sprösslinge waren zwar schon seit einigen Tagen nicht mehr zum Unterricht gekommen, weil das Schulgebäude in einem baulich erbärmlichen Zustand ist. Aber die neue Situation sei ein Grund mehr für ein Fernbleiben gewesen, argumentiert sie.
Taxifahrer Scozzari hat beobachtet, wie sich einer der Ausgebrochenen nackt auszog und vor einen Lkw warf, um sich Verletzungen zuzufügen, die er dann der Polizei in die Schuhe schieben könnte. »Zum Glück hat der Lkw rechtzeitig gebremst«, sagt er. Die Männer, die jetzt auf der Piazza speisen, waren zu jenem Zeitpunkt in Aktion getreten. Sie hatten die Flüchtlinge eingesammelt und zurück ins Lager gebracht. In den folgenden Tagen und Nächten fuhren sie mit ihren Geländewagen im Ort Streife. Besucher fühlten sich wie im US-amerikanischen Mittelwesten, dem Paradies stämmiger Männer mit PS-starken Autos, die sich als Bürgerwehr aufspielen.
Salvatore Capello weiß um den Eindruck, den seine Männer erwecken können. Deshalb sagt der Gastwirt und Hotelier: »Wir sind keine Rassisten. Wir haben nichts gegen Fremde.« Weil dies gegenwärtig jeder Lampedusaner gleich nach der Begrüßung und manchmal sogar vor derselben äußert, mutet dieser Satz wie ein Schutzschild an. Das Verhältnis der Einwohner zu den Einwanderern ist ambivalent. Die einen wollen die anderen sicher verwahrt wissen. Bemerken sie Not, sind sie aber auch freigiebig.
Die ersten Toten unter den Einwanderern sind auf dem Gemeindefriedhof begraben. Frische Blumen befinden sich an diesen schlichten Holzkreuzen. »Wenn wir zu unseren Toten gehen, denken wir auch an diese armen Menschen«, sagt Taxifahrer Scozzari, dessen Eltern nur wenige Schritte entfernt begraben liegen. Mit Zustimmung der Einwohner hat der Bildhauer Mimmo Paladino im letzten Jahr an der Südküste die Skulptur »Tor von Europa« geschaffen, die der auf dem Meer verunglückten Einwanderer gedenkt.
Auf der offenen See sind zumeist die Fischer die allerersten, die die Flüchtlingsboote erblicken. »Sie sind froh, wenn sie uns sehen«, sagt Filippo Solina. »Sie recken uns die Daumen entgegen, denn sie wissen, dass sie nun in Sicherheit sind.« Die Fischer signalisieren der Küstenwache den Standort. »Die bei weitem meisten Hinweise erhalten wir von den Fischern. Sie sind zahlreicher als die Hinweise der Flugzeuge, die rund um die Uhr am Himmel kreisen und auch häufiger als die der zwei Kriegsschiffe der Marine«, bestätigt Vincenzo Colella, Kommandant eines Patrouillenboots der Küstenwache. Er ist seit 1994 vor der Küste von Lampedusa im Einsatz. Seine Crew holt die nach oft mehreren Tagen Seefahrt übermüdeten, durchnässten und teilweise von ihren eigenen Exkrementen beschmutzten Auswanderer ab und geleitet sie nach Lampedusa. Meist sind die Boote bis zum Bersten besetzt. »Wenn es mehr Platz auf den Schiffen gibt, müssen wir annehmen, dass viele über Bord gegangen sind«, sagt Colella. »Letzte Woche war noch ein Toter auf einem Schiff. Die Leute haben uns gesagt, dass sie andere, die vorher gestorben waren, ins Meer geworfen haben«, berichtet er.
Diese Toten tauchen in keiner Statistik auf. Nicht selten bringen die Fischer die Flüchtlinge in den Hafen. »Ich habe in den letzten zehn Jahren bestimmt 4000 bis 5000 Leuten geholfen«, sagt Filippo Solina stolz. 31 000 der insgesamt 37 000 Personen, die 2008 illegal nach Italien eingereist sind, haben den Weg über Lampedusa gewählt. Die meisten von ihnen bleiben nur wenige Tage auf der Insel. Dann werden sie in andere Lager auf dem italienischen Festland gebracht. Dass das Lager jetzt vollkommen überfüllt war, liegt neben der für die Jahreszeit ungewöhnlich hohen Zahl von Anlandungen – allein 1500 Personen in den ersten drei Januarwochen – an einer Entscheidung des Innenministers Maroni. Er hatte nach Weihnachten alle Transporte aufs Festland gestoppt. Nach den dramatischen Zuständen hat er nun zumindest alle Asylbewerber ausfliegen lassen.
Den Zorn der Inselbevölkerung hat sich Maroni mit dem Plan zugezogen, auf der ehemaligen US-Militärbasis ein neues Lager zu errichten. 4000 bis 5000 Menschen sollen dort bis zu 18 Monate lang festgehalten werden. »Wir wollen dieses Gefängnis nicht. Und wir wollen auch nicht so viel Militär auf der Insel«, sagt Salvatore Capello. Seitdem dieser Plan bekannt ist, kampiert »SOS Isole Pelagie« auf dem Platz vor dem Rathaus. »Wir werden nicht gehen, bevor unsere Forderungen erfüllt sind«, verspricht er. Er droht: »Wenn das nicht hilft, dann verlassen wir die Insel und verbrennen unsere Registrierungen als Wähler.«
Die Lampedusaner können sich auf Filicudi berufen. In den 70er Jahren sollte der zu den Äolischen Inseln gehörende Vulkankegel Daueraufenthaltsort des arrestierten Mafiabosses Gaetano Badalamenti werden. Die Bewohner waren aus Protest »mit Sack und Pack, Kranken und Haustieren«, wie die Chronik verkündet, ausgezogen. Der Staat hatte nachgegeben und die unbewohnte Felseninsel Asinara bei Sardinien zum Hochsicherheitsgefängnis ausgebaut. Man kann, man soll sich gegen Zumutungen wehren. Das Rezept, das die Lampedusaner für die Einwanderungsproblematik bereit halten, ist allerdings äußerst fragwürdig: Man möge ein Kreuzfahrtschiff 50 Meilen vor der libyschen Küste stationieren und alle Flüchtlinge dort unterbringen. »Bloß aus den Augen«, lautete bereits der Hintergedanke des von der Lega Nord nominierten Innenministers Maroni, als der die Transporte von Lampedusa nach Italien unterband.
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