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Von Hendrik Lasch, Dresden 02.02.2009 / Inland

Rettungsschirm für Kinder

Die Tafel muss auch in Dresden retten, was die Politik versäumt

Sachsens Landtag hat sich gegen ein kostenloses Mittagessen für Schulkinder entschieden. Mit den Folgen muss auch die Dresdner Tafel ringen: Jeder dritte Besucher ist dort ein Kind.

Unlängst erhielt Edith Franke am Freitagabend einen Anruf. Am Telefon war ein ratloser Vater, dem das Arbeitslosengelt nicht pünktlich gezahlt worden war und der am Wochenende kein Essen für die Kinder hatte. »Wir haben ohne viel Federlesens geholfen«, sagt Franke, die Chefin der Dresdner Tafel: »Wir kümmern uns und fragen erst danach nach Hintergründen.«

Seit 14 Jahren verhilft die Tafel in Sachsens Landeshauptstadt Bedürftigen zu Nahrungsmitteln – mit ständig steigender Nachfrage. Bevor die Hartz-IV-Gesetze in Kraft traten, kamen 6000 Menschen, ein Vierteljahr danach 9000. Jetzt sind es gar 11 000. »Die Reserven sind aufgebraucht«, sagt Franke: »Die Armut greift immer tiefer.«

Vor allem Kinder leiden sehr unter der wirtschaftlichen Not ihrer Eltern, sagte Franke anlässlich einer von der sächsischen Linksfraktion veranstalteten Konferenz zu Kinderarmut am Samstag in Dresden. Sie würden in der Schule ausgegrenzt und litten unter der in der Gesellschaft verbreiteten »Diffamierung« sozial Schwacher, »obwohl sie keinerlei Schuld tragen«.

Die Zahl der Betroffenen steigt. Bei der Tafel in Dresden sind 30 Prozent der 11 000 Gäste Kinder. Offiziellen Angaben der Bundesregierung zufolge stieg der Anteil armer Kinder seit 1998 von 16 auf 26 Prozent. Kinderarmut sei eine »soziale Herausforderung«, sagt Katja Kipping, Bundesvize der LINKEN, und verlangt einen »Rettungsschirm« nicht nur für Banken, sondern auch für arme Kinder. Nicht nur sie beklagt aber, dass die Politik sich der Aufgabe bislang verweigere. Ein Antrag im sächsischen Landtag, ein kostenloses Mittagessen an Schulen zu ermöglichen, wurde unlängst abgelehnt. Man halte an der Forderung fest, sagt Familienpolitiker Falk Neubert. Einstweilen sollten aber wenigstens die Kommunen ihre Möglichkeiten nutzen und bedürftigen Kindern das Essen ermöglichen.

Benachteiligt sind Kinder armer Familien freilich nicht nur beim Essen. Neubert weist auf Kosten für Lehrmittel von 300 Euro pro Jahr oder unbezahlbare Vereinsbeiträge hin. Ein sieben Punkte umfassendes Programm der LINKEN fordert auch dort Abhilfen. Generell müsse für Kinder ein »soziokulturelles Existenzminimum« von 420 Euro garantiert werden, meint Kipping. Der Regelsatz beim Arbeitslosengeld II solle nach dem Urteil des Bundessozialgerichts schnell angepasst werden. Der Paritätische Wohlfahrtsverband geht von einem Bedarf zwischen 276 Euro für Kinder unter sechs bis 358 Euro für Teenager aus. Im Landtag beantragt die LINKE, zunächst den Erwachsenensatz von 351 Euro zu zahlen.

Auch Edith Franke hofft, dass die Hartz-IV-Regelungen »wenigstens auf eine gesetzliche Grundlage gestellt« werden. Generell lehnt sie diese ab: »Das ist eine Maßnahme zur Erniedrigung weiter Bevölkerungskreise.« Einziger Trost: Immer mehr Menschen engagieren sich für Bedürftige. Zu Weihnachten spendete ein Zirkus 4000 Karten, und die Dresdner Philharmonie spielte ein Konzert nur für Menschen, die sich sonst nie Karten leisten können.

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