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Von Angelika Kettelhack 05.02.2009 /
Berlinale 2009

Der »Apparat« eines Filmfestes

Schlaflos in Berlin: Ab heute heißt es »Augen auf und durch!«

Heute beginnt die 59. Berlinale, ein Festival, das mit 386 Filmen in 10 Tagen inzwischen in aller Welt ebenso bekannt ist wie das von Cannes am schönen Mittelmeer – auch wenn meine Bekannten es versehentlich immer noch »die Bienale« nennen. Berlins Renommee als internationale Filmmetropole ist zweifellos auch das Verdienst eines Riesenteams von Filmsüchtigen rund um Festival-Leiter Dieter Kosslick, der sich nicht scheut, auch den Zirkus-Direktor zu geben und der bemüht ist, die Berlinale auch für ein normales Publikum offen zu halten.

Mit einem geradezu wahnwitzigen Programm sorgt der »Apparat« dafür, dass kein Filmfan mehr unter dem eiskalten Winter am windigen Potsdamer Platz leiden muss. Bedingung: Er schafft es von morgens neun bis Mitternacht auch nur eine geringe Auswahl der 6107 angemeldeten Lichtspiele im feuchtwarmen Kino zu sehen. Schließlich ist nicht jeder so kältetauglich wie die zarte Chinesin, die vor zwei Jahren – zur Begeisterung von hunderten von Fotografen und noch mehr Schaulustigen am Roten Teppich – vorm Berlinale-Palast minutenlangt halb nackt herumstolzierte.

Die winterliche Berlinale ist so beliebt, dass sie für Berliner und extra angereiste Filmfans schon immer drei Tage vor der Eröffnung startet: Eingehüllt in Schlafsäcke oder dicke Decken und mit Thermoskannen gerüstet, lagern Jung und Alt schon ab Mitternacht vor dem Vorverkaufskiosk in den Potsdamer-Platz-Arkarden. Klar, sie könnten die meisten Kinokarten auch per Internet bestellen. Aber die wenigen Tickets für den Berlinale Palast gibt es eben nur hier wie auch den Spaß des alljährlichen Wiedersehens mit den anderen Filmbesessenen.

Für die vielen tausend Besucher, die das Glück haben beim Festival akkreditiert zu sein, ist der Spaß auch nicht mehr gratis zu haben: Journalisten zahlen 60 und die von der Filmindustrie sogar 100 Euro Teilnahmegebühren. Doch nicht etwa wegen der Krise? Nein, die Sponsoren halten stand. So L'Oreal Paris mit seinen »Botschafterinnen der Schönheit« von Jane Fonda bis Penélope Cruz. Ebenso Hugo Boss und für dieses Jahr auch noch VW, in dessen Phaeton-Luxus-Limousinen man Stars wie Michelle Pfeiffer, Kate Winslet, Keanu Reeves, Monica Bellucci, Moritz Bleibtreu, Michael Gwisdek, Armin Mueller-Stahl, Demi Moore, Brenda Blethyn, Steve Buscemi, Ralph Fiennes, Irene Jacob, Renée Zellweger und etwa 500 weitere Gäste bewundern kann.

Aber wundern kann man sich auch, warum die Berlinale von Jahr zu Jahr mehr aufgeblasen werden muss. Zum Beispiel durch eine Sektion übers Kochen. Als ob uns das Fernsehen nicht schon seit Jahren mit Koch-Shows anödet. »Es geht ja nicht nur ums Kochen und gesunde Ernährung«, sagt Koch Kosslick, sondern »um die Folgen der Globalisierung auf das individuelle Leben«. Gemeint sind wohl die Skandale in der Lebensmittelindustrie oder auch die Ausbeutung der Nahrungs-Produzenten in der »Dritten Welt«. Immerhin findet das kulinarische Kino im Friedrichstadtpalast (1800 Plätze!) statt, was dann vielleicht doch wieder Spaß macht. Soweit die neueste Sektion.

Die älteste ist der Wettbewerb, auf dessen Filme fast alle scharf sind, obwohl man sie später im Kino sehen kann. So z.B. schon am 26. Februar »Der Vorleser«. Größtes Interesse erweckt auch immer die Jury, die den Goldenen und die Silbernen Bären vergibt. Doch neben dieser so hoch gehandelten Jury gibt es weitere 20, die meist mehr als nur drei Filme pro Tag sichten müssen.

Neben Kinder-, Kirchen-, Zuschauer-, Leser-, Friedensfilmpreis-Jury gibt es auch eine mit dem schwierigen Namen FIPRESCI (Fédération Internationale de la Presse Cinématographique, kurz Internationaler Journalisten Verband, gegründet 1925). Als Mitglied dieser Jury bat ich mal einen Türsteher um Einlass. Er musste an höherer Stelle erst um Erlaubnis fragen: »Hier ist jemand von der Vieh-Jury«. Natürlich war die Antwort: »Kommt gar nicht in Frage!« Diese seltsame Jury besteht aus neun Journalisten aus aller Welt und muss neben dem Wettbewerb (26 Filme) auch das Panorama (63 Filme) und das Internationale Forum (47 Filme) beurteilen. Allerdings Tierfilme sieht sich diese Jury auf keinen Fall an.

Aber hinzu kommt ja noch eine wunderbare Retrospektive von 70-mm-Filmen, darunter »Ben Hur«, »Lawrence von Arabien« oder Konrad Wolfs »Goya«. Oder die Sektion Perspektive Deutsches Kino, in der Nachwuchsregisseure scheinbar private Geschichten und Probleme behandeln, die sich aber als politische Analysen erweisen.

Ganz einzigartig (kein anderes Filmfestival leistet sich so etwas) ist auch der Talent Campus, zu dessen schon siebtem Jahrgang die Berlinale 350 Bewerber (von 3834) aus 127 Ländern eingeladen hat. Die Talente können dort ihre Kenntnisse mit Unterstützung von namhaften Branchenprofis vervollkommnen. Mehr geht einfach nicht.

Die Lesungen des Campus können auch normale Zuschauer besuchen. Der Sponsor ZDF/3sat sendet sämtliche Bühnenshows wie die Eröffnungsgala und die Preisverleihung live und dazu werktäglich ab 19.20 Uhr Filmberichte in »Kulturzeit« auf 3sat.

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