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Retrospektive: 70 mm – Donatas Banionis als »Goya«, Regie: Konrad Wolf, DDR/UdSSR, 1969
Foto: Berlinale
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In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geriet das Kino zweimal in Krisen, die seine Existenz bedrohten. Beide Male war das mit der Einführung neuer Medien verbunden: Zunächst, Ende der 1950er-Jahre, trug das Fernsehen erheblich dazu bei, den Filmtheatern zahlreiche potenzielle Zuschauer abspenstig zu machen. Dann, um 1990, erwies sich die Videokassette als gefährliche Konkurrentin. Als das Fernsehen massenhaft Verbreitung fand, reagierte das Kino unter anderem mit technischen Neuerungen: So erlebte der 70-mm-Film mit einer weitaus besseren Bild- und Tonqualität als das herkömmliche 35-mm-Format seine Blütezeit. »Mit der Gestaltung in die Tiefe – mit dem Format in die Breite«, titelte damals die DDR-Fachzeitschrift »Deutsche Filmkunst« und forderte damit nicht nur eine neue Technik, sondern auch neue Inhalte.
Wenn heute die 59. Berlinale mit ihrer Retrospektive zum 70-mm-Film startet, wird auch darüber zu reden sein, ob das breitwandige Format seinerzeit tatsächlich diese neuen Inhalte transportierte – oder ob, was den Themenkanon des 70-mm-Films und seine philosophische Grundierung anbelangte, im Grunde alles beim Alten blieb.
Während sich die Spielstätten der Retrospektive, darunter das schon 1963 mit 70-mm-Projektoren bestückte »International« in der Berliner Karl-Marx-Allee, der technischen Innovation von Gestern widmen, weist Berlinale-Direktor Dieter Kosslick darauf hin, dass insgesamt 29 Berlinale-Kinos mit der allerneuesten Kinotechnik ausgerüstet sind: Sie können digitales Filmmaterial projizieren. Das Festival schlägt damit einen Bogen von der einstigen zur heutigen Moderne: unabdingbar in einer Zeit, in der Filmindustrie, Verleiher und Kinobranche vor einer noch größeren Herausforderung stehen, als es Fernsehen und Video jemals waren. Die Digitalisierung, so schreibt Peter C. Slansky in seinem Buch »Digitaler Film – digitales Kino«, sei nichts Geringeres als ein »medientechnologischer Bruch«.
In einer gar nicht mehr so fernen Zukunft wird es die schweren und kostenaufwändigen Filmkopien, die von Kino zu Kino geschickt werden müssen, kaum noch geben. Filme kommen dann als Bits und Bytes per Satellit, durch Breitbandverkabelung oder auf Datenträgern wie DVDs in den Spielstätten an. Bis es allerdings soweit sein wird, stehen die Filmtheater vor erheblichen Problemen. Unabhängige Sachverständige, die von der Gilde deutscher Filmkunsttheater bestellt wurden, schätzen die Investitionshöhe pro Kino auf rund 65 000 Euro. »Legt man die rund 4800 Leinwände zu Grunde«, heißt es in einem Positionspapier, »so kommt man auf ein Investitionsvolumen für die Projektions- und Servereinheiten von 312 Millionen Euro. Hinzuzurechnen sind Umbau- und Installationskosten in den Vorführräumen von rund 10 000 Euro pro Leinwand.« Hochgerechnet auf die nächsten fünf Jahre, einschließlich vermuteter Preissteigerungen, betrüge der Aufwand für eine weitgehend komplette Digitalisierung der deutschen Leinwände rund 500 Millionen Euro.
Dass sich der Staatsminister für Kultur und Medien für eine Beteiligung seines Hauses an diesen Kosten engagiert, ist bekannt. Aber wer bezahlt den »Rest«? Und wer kann die Kosten absehen, die auf die Kinos zukommen, wenn sich technische Störungen einstellen? Die Lebenszeit der im Moment gebräuchlichen 35-mm-Projektoren beträgt bei entsprechender Wartung rund fünfzig Jahre; aber infolge der rasanten Entwicklung der digitalen Projektionstechnik ist schon jetzt absehbar, dass die Kinos in viel kürzeren Zeiträumen auf- oder umrüsten müssten, um auf dem Laufenden zu bleiben. Zahlreiche kommunale Kinos, Schul- und Saison-, Club- und Wanderkinos werden sich nicht an dieser technischen Innovation beteiligen können – was bedeutet, dass sie in Zukunft auf viele Filme verzichten müssten. Kinoketten und Multiplexe würden dagegen das Rennen machen: mit ihrem bekannten Angebot, das sich zu weiten Teilen aus US-amerikanischem Mainstream zusammensetzt. Die Gefahr besteht, dass der Raum für Dokumentarfilme oder für europäisches Arthaus-Kino kleiner statt größer würde. Auch für die klassischen 35-mm-Archivkopien würden nur noch wenige Plätze existieren – zum Beispiel in Filmmuseen. Die digitale Umrüstung der deutschen Filmtheaterlandschaft und ihre gravierenden Folgen, nicht zuletzt für die Beschäftigten der Kopierwerke und die Vorführer, sind noch längst nicht zu Ende gedacht.
Vielleicht wird das klassische Kino aber einen noch viel tieferen Strukturwandel erleben, der alle bisherigen Szenarien, die besseren wie die schlechteren, weit hinter sich lässt. Eine digitalisierte Medienwelt bedeutet ja schon längst, dass der Bilderstrom nicht mehr zwingend auf eine Projektion im dunklen Saal angewiesen ist. Berlinale-Chef Dieter Kosslick entwickelt durchaus kein fernes Horrorszenario, wenn er von zukünftigen, »via Satellit auf 22 Millionen Flachbildschirme ausgestrahlten Weltpremieren« spricht. Verbunden mit einem entsprechenden Werbeaufwand, würden von solchen »Events« freilich wieder vor allem Großproduzenten profitieren.
Zugleich aber stehen digitale Bilder, ihre Herstellung und Vertreibung, ja längst nicht mehr nur großen Produktionsfirmen, Vertreibern und Fernsehanstalten offen. Das Internet und seine Portale (darunter YouTube und iTunes) tragen, wie der Medienwissenschaftler Gundolf S. Freyermuth schreibt, schon seit geraumer Zeit zur »sozialen wie technischen Demokratisierung bei: Mit dem Digitalfilm entstehe eine »neue Variante audiovisueller Kunst und Kommunikation«; der Gegensatz zwischen Amateuren und Profis zerfalle, und die Online-Akkumulation des filmischen Erbes plus einiger Milliarden Amateurvideos werde eine »nie gekannte individuelle Verfügung über laufende Bilder aller Art« begründen.
Ob das klassische Kino und somit auch die klassischen Filmfestivals damit endgültig zu Grabe getragen werden? Oder vielmehr eine neue Funktion erhalten – nämlich als Inseln des gemeinschaftlichen Kunsterlebnisses, ähnlich dem Theater, der Oper oder dem Konzerthaus? Es ist zu erwarten, dass auch auf der Berlinale, deren 60. Geburtstag im kommenden Jahr mitten in diese Umbruchphase fällt, heftig über solche Fragen diskutiert wird.
Aktuelle Ausgabe: 22.05.2012
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