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Von Haidy Damm 06.02.2009 / Gewerkschaftliches

Alte Forderung neu aufgelegt

Ver.di-Linke wollen neue Debatte über Umverteilung und Arbeitszeitverkürzung

Jobabbau, längere Arbeitszeiten, gesundheitliche Belastung am Arbeitsplatz. Bisher scheint die Finanzkrise diese Entwicklungen der vergangenen Jahre zu verstärken. Ein Arbeitszeitappell von Gewerkschaftslinken in ver.di ruft jetzt zum radikalen Wandel.
Ver.di-Linke appellieren: Die Zeit ist wieder reif für eine
Ver.di-Linke appellieren: Die Zeit ist wieder reif für eine Debatte um die 35-Stunden-Woche. Foto:dpa/Büttner

Das Konjunkturpaket der Bundesregierung dürfte bis auf die Baubranche keine besonderen Effekte auf die Beschäftigungssituation in Deutschland haben. Stattdessen ist zu erwarten, dass sich die Massenarbeitslosigkeit verstärkt und Kurzarbeit zunimmt. Warum also nicht einen radikalen Wandel wagen und endlich das Thema Arbeitszeit wieder in den Vordergrund rücken?

Ein Appell von Gewerkschaftlinken fordert nun genau das. »Wir treten ein für eine Verkürzung in großen Schritten – zunächst für die 35-Stunden-Woche – sowie für vollen Lohn- und Personalausgleich« heißt es in dem Unterschriftenaufruf. Und: »Raus aus der Defensive. Es reicht nicht, Arbeitgeberforderungen nach unbezahlter Mehrarbeit zurückzuweisen oder einzugrenzen. (...) Eine kampflose Ausweitung der Arbeitszeiten oder als Verhandlungsmasse bei Tarifrunden dürfen wir nicht mehr akzeptieren.«

Bernd Riexinger, Geschäftsführer des Bezirks Stuttgart der Gewerkschaft ver.di, sieht zahlreiche Versäumnisse in den vergangenen Jahren. »Wir haben immer auf Forderungen zur Arbeitszeitverkürzung verzichtet, das hat die Gegenseite dazu animiert, die Grenzen bei der Arbeitszeit weiter zu verschieben. Viele Beschäftigte in unserem Bereich arbeiten wieder 40 Stunden. Das ist unerträglich.«

In den vergangenen sechs Jahren hat sich die tatsächliche durchschnittliche Arbeitszeit bei Vollzeitbeschäftigten von 37,6 Stunden auf 41,1 Stunden verlängert. Dabei handelt es sich zumeist um Überstunden, die über die tariflich vereinbarte Arbeitszeit hinaus von den Unternehmen abgefordert werden.

20 Jahre ist es her, dass in der BRD die Forderung nach der 35-Stunden-Woche erhoben wurde, die im Verlauf von zehn Jahren und massiven Kämpfen vor allem in der Metall-, Elektro- und Druckindustrie durchgesetzt werden konnte. Allerdings wurde sie weder zum allgemeinen Standard noch gesetzlich abgesichert.

»Bei der zu erwartenden Massenarbeitslosigkeit ist es doch wesentlich sinniger, die Arbeit umzuverteilen, statt Standorte zu verlagern oder womöglich zu schließen«, so Riexinger.

Die Überwindung der Massenarbeitslosigkeit durch drastische Arbeitszeitverkürzung und die Stärkung der Gewerkschaften könnten überdies zu einem wirkungsvollen gesellschaftlichen Hebel werden, mit dem sich dafür sorgen ließe, dass die Wertschöpfung in die Hände der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung gelangt und die Binnenkaufkraft steigt, anstatt das Geld weiter im Übermaß in die Hände einer reichen Minderheit fließen zu lassen«, konstatierte der Sozialwissenschaftler Mohssen Massarrat in der Wochenzeitung »Freitag«.

»Wir wollen zunächst mal eine Debatte innerhalb von ver.di«, sagt Riexinger. Die Resonanz zeige ihm, dass der Appell durchaus ein gesellschaftliches Bedürfnis getroffen habe. Über 700 Unterstützer haben ihre Unterschrift bereits unter den Appell gesetzt. Ziel ist es, das Thema Arbeitszeitverkürzung in bestehende Gewerkschaftskampagnen mit einzubringen wie die Kampagnen zu »Gute Arbeit« oder zur Demonstration »Wir zahlen nicht für eure Krise« am 28. März.

Gregor Falkenhain, Fachbereichsleiter Bund/Länder im ver.di-Landesbezirk Nordrhein-Westfalen, verweist darauf, dass ver.di das Ziel einer Verkürzung der Arbeitszeiten mehrfach formuliert hat. Dennoch habe die Gewerkschaft der Arbeitgeberforderung nach Arbeitszeitverlängerung immer wieder und zum Teil kampflos nachgegeben.

»Die Arbeitgeber haben uns tatsächlich in den vergangenen Jahren eher mit Forderungen nach Arbeitszeitverlängerung konfrontiert« so Cornelia Hass, Pressesprecherin des Bundesvorstandes. »Gerade in Zeiten von Massenarbeitslosigkeit lähmt – bei aller ökonomischen Einsicht – doch die individuelle Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes.« Der Vorstand begrüßt die Initiative, sagt aber auch: »Kampagnen gab es dazu seit der Gründung von ver.di einige. Bei reinen Appellen darf es nicht bleiben. Wir müssen das Thema auch tatsächlich in die Betriebe tragen.«

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