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Von Caroline M. Buck 06.02.2009 /
Berlinale

Gescheiterte Existenzen

Perspektive deutsches Kino: Die Mittel sind knapp, die Filme kurz

Der verlassene Freizeitpark »Plänterwald«
Der verlassene Freizeitpark »Plänterwald«

Heute eröffnet die »Perspektive deutsches Kino«, und ihre Themen sind düster: Verrat an Vertrauen, Freundschaft und Liebe, Pleite, Willkürherrschaft, Drogenmissbrauch und Steinklotzmörder. Von den 12 Filmen im regulären Programm erreichen nur drei Filme eine abendfüllende Länge. Drei liegen bei rund einer Stunde Dauer, die Hälfte des Programms besteht aus Kurzfilmen. Frauen auf dem Regiestuhl kommen nur zweimal vor.

Claudia Lehmann zeichnet in ihrer Low Budget-Doku »Hans im Glück« das sechzigminütige Porträt eines kindlich-subversiven Berliner Underground-Musikers, Trinkers, Knastbruders und Lebenskünstlers und beschreibt dabei auch eine Zeitenwende und einen Kiez.

Auch »Achterbahn« von Peter Dörfler, mit 88 Minuten der einzige abendfüllende Dokumentarfilm der Perspektive, behandelt eine (gescheiterte) Berliner Karriere aus den Jahren nach dem Mauerfall: der westdeutsche Groß-Schausteller Norbert Witte, Nachwende-Pächter des Freizeitparks »Plänterwald«, ging mit seinem ehrgeizigen »Spreepark«-Projekt pleite, setzte sich samt Familie nach Peru ab und ließ sich dort auf Drogenschmuggelgeschäfte ein, die seinen Sohn ins Gefängnis brachten. Eine tragische Familiengeschichte, deren eigentlicher Angelpunkt die eindrucksvolle Schausteller-Gattin ist. Wäre Pia Witte noch in Lima gewesen, als der Drogendeal implodierte – ihr Sohn säße heute vielleicht nicht im Gefängnis.

Der Einstünder »Wir sind schon mittendrin« von Elmar Szücs widmet sich einer anderen Art von Scheitern: dem einer (westdeutschen) Generation von Unentschlossenen, denen einst die ganze Welt offenstand. Weil uneingeschränkte Wahlfreiheit zum Verzicht auf jedwede Zielsetzung führte, finden sich die früheren Schulfreunde des Regisseurs mit dreißig ohne Job, geregeltes Einkommen oder Familie wieder. »Wir sind schon mittendrin« ist eine Produktion der Filmakademie Baden-Württemberg. Anders als die in der Perspektive gewohnt reichlich vertretenen Ludwigsburger Kurzspielfilme bleibt die Doku mit wackliger Kamera ganz nah dran an der desolaten Wirklichkeit ihrer leicht angestaubten Hoffnungsträger.

Als einer von gleich zwei Halbstündern verhandelt der schnurrige »Höllenritt« (Regie: Martin Busker) die Akzeptanzprobleme Jugendlicher gegenüber der neuen Familie ihres geschiedenen Vaters. »Polar« des Schweizer Schauspielers und Regisseurs Michael Koch (Kunsthochschule für Medien, Köln) verlegt die unerwartete Bekanntschaft mit einer jungen Stiefmutter samt neugeborenem Halbbruder in die Schweizer Alpen und setzt die schroffe Bergisolation gekonnt als Mittel ein, um den hochkochenden Verlustgefühlen des jugendlichen Helden eine bedrohliche Spitze zu geben. Dem Film, in Winterthur als bester Schweizer Kurzfilm 2008 ausgezeichnet, kommt mit Bernhard Keller ein renommierter Kameramann zu Gute (im Wettbewerb der Berlinale mit Maren Ades »Alle anderen« vertreten). Dass mit André M. Hennicke auch ein namhafter Darsteller den Vater spielt, ist typisch für den Einsatz bekannter Schauspieler im Nachwuchsfilm: auf den Besetzungslisten der Perspektive stehen Sandra Hüller und Jacob Matschenz (»Fliegen«), Ken Duken (»Distanz«) und Franziska Petri (»Für Miriam«).

Duken, jüngst im Fernsehen als traumatisierter Afghanistan-Heimkehrer zu sehen, war von seiner diesmal innerdeutschen Heckenschützen-Rolle in »Distanz« (Regie: Thomas Sieben) offenbar so überzeugt, dass den mit Investorengeldern finanzierten Eröffnungsfilm der Perspektive auch gleich koproduzierte. Und Franziska Petri spielt nicht nur in Lars-Gunnar Lotz' sepiafarbenem Kammerspiel »Für Miriam« eine kühle Mathematiklehrerin, deren Leben seine innere Logik verliert, als eine Schülerin auf dem Moped in ihr Auto rast und stirbt; sie hat auch die Hauptrolle in Matthias Luthardts »Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf«, zu sehen in einer einmaligen Vorführung.

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