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Kein Staub, kein Ruß – keine Arbeit?
Foto: Wagner
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Eine leere Fabrikhalle. Schrott. Quadratische Zellen, in den Boden gebracht, vielleicht drei mal drei Meter, etliche Meter tief. Das war die große Ofenhalle von Siemens-Plania – zu DDR-Zeiten VEB Elektrokohle Berlin. Hier wurden bei 1000 Grad die großen Kohlebürsten gebrannt, aus einem Grafitgemisch in Schamotteröhren. Eine ewige Hitze, ewiger Staub in der Luft, ewiger Grafitschmier auf der Haut. Nach tagelangem Abkühlen wurden die noch heißen Kohlestücke gezogen. Ich fuhr sie auf einem Plattenwagen in einen Abkühlraum, mit Drahtbürsten mussten überstehende Kanten und Grus abgebürstet werden. Die Elektroköhler waren harte Männer. Wir Oberschüler sollten wohl von der Arbeiterklasse lernen. Wie auch die Dissidenten: Während ich Kohlebürsten schrubbte, fuhr draußen Florian Havemann im Elektrokarren vorbei.
Die Elektrokohle war für Heiner Müllers »Lohndrücker« der Schauplatz: die Geschichte vom Ofenbauer Hans Grabbe, im Stück Balke geheißen. Die Alten unter den Köhlern erzählten manche Mär über die »Normer«: Grabbe, der sich den Zorn der Kollegen zuzog, weil er am noch heißen Ofen reparierte (»Deckelreparatur unter Feuer«). Das ersparte dem Werk Ausfallzeiten, kein Abkühlen und kein Wiederanfahren der Öfen. Die Arbeit, die ohnehin schon schweißtreibend war, sollte noch schneller vor sich gehen. Kein Wunder, dass es da »Unfälle« gab, ein »Normer« stand im Weg, fiel in den heißen Ofen … so erzählten die Alten.
Es bleiben die Erinnerungen, der Ort der Arbeit hat sich verändert. Heute werden auf dem Gelände nur noch Kohlen weiterverarbeitet, die als Rohlinge aus Fernost kommen. Eine Produktionsstätte wandelte sich in ein Dienstleistungszentrum: Auf dem Gelände zwischen Landsberger Allee, Herzberg- und Vulkanstraße in Berlin ist das Dong-Xuan-Centrum eingezogen. Vietnamesische Händler, Kleingewerbetreibende, Friseure und Restaurants verwöhnen ihre Kunden.
Peter Badel und Holger Herschel dokumentierten den Wandel von der Fabrik- zur Markthalle in Fotografie und bewegten Bildern, zu sehen von März bis Mai 2009 im Museum Lichtenberg. Die Ausstellung ist ein Part eines künstlerischen Projektes der Internationalen Heiner Müller Gesellschaft »Working for Paradise Berlin – Napoli 2009. Heiner Müller Laboratori«. Zum Projekt gehört eine Ausstellung im Ratskeller Lichtenberg. Dort zeigt gerade Rossella Biscoti den Film »L' Italia è una repubblica democratica fondata sul lavoro«. Das Video, das dem Artikel 1 der italienischen Verfassung gewidmet ist, zeigt Fischer, die aufs Meer ziehen, doch ohne Fang heimkehren. Und doch vergnügt sind. Arbeit?
Fritz Fabert zeigt Fotoarbeiten, »Archäologie der Arbeit«. Seine Kollagen bestehen aus Fundstücken, die er an verschiedenen, heute geschlossenen Betriebsstätten gesammelt hatte. Liang Ju-Hui stellt in dem Video »One Hour Game« den ungeheuren Wachstum der »Fabrik der Arbeit« vor – eines riesigen Neubaukomplexes, der sich von Guangzhou den Perlfluss hinab bis nach Hongkong ziehen wird.
»Wofür arbeitet ihr eigentlich?« lässt Heiner Müller in der »Korrektur« fragen. Was ist heute der Sinn von Arbeit? Nach dem letzten großen Krieg war es – unter verschiedensten Vorzeichen – in Ost und West der Wille zu Wiederaufbau, zum Überwinden der noch gegenwärtigen gesellschaftlich- diktatorischen Situation. Beide Wege führten ins Heute, in eine Zeit, in der die von Marx untersuchte Entfremdung des Menschen von der Arbeit auf den Gipfel des Irrsinns getrieben ist: Längst wird mehr produziert als überhaupt gebraucht, ein Großteil der Produktion des Menschen orientiert sich darauf, die Schäden, die er an Natur und Planeten angerichtet hat, zu reparieren. Gleichzeitig wird der produzierende Mensch oft gar nicht mehr gebraucht.
Detlef Schneider inszenierte im Rahmen der Werkstatt »Working for Paradise« Müllers »Lohndrücker« als Hör-Stück auf dem Dach des Theaters an der Parkaue: Aus dem Lüftungsschacht dringen die Wortfetzen an das Ohr des Zuhörers, während sein Blick über die »sedimentierte Arbeitswelt von Lichtenberg« (Schneider) schweift. Matthias Langhoff hingegen erarbeitet mit italienischen Schauspielern Müller-Texte zum Teatro Festival Napoli im Juni 2009 – in einer Zeit, da Krise, Massenentlassungen und Kurzarbeit auch in Italien die Frage der Arbeit neu stellen.
Die Öfen in der Herzbergstraße sind verschwunden. Keine Hitze, kein Staub, kein Ruß, keine Arbeit. Keine Arbeit? Die vietnamesischen Händler und Gastronomen bringen ein Stück asiatischer Lebensweise in einen traditionellen Arbeiterbezirk des Berliner Ostens. Einen Hauch von Freundlichkeit, doch keine Arbeit im Paradies.
Bis 20. Februar: Working for Paradise, Ratskeller Lichtenberg.
15. März: »Wofür arbeitet ihr eigentlich?«, Konferenz zur Arbeit. Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Karlshorst.
16. bis 21. März: »Der Lohndrücker«, Werkstatt mit deutschen und italienischen Künstlern. Theater an der Parkaue.
20. März bis 20. Mai: Von Siemens Plania zu Dong Xuan – Fotografie und Film, Museum Lichtenberg im Stadthaus.
Aktuelle Ausgabe: 22.05.2012
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