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Tief bewegend und ganz aktuell: »Rachel« von Simone Bitton
Foto: Berlinale
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Das Chaos ist vorüber. Es war die schönste Zeit«. Das konnte man als Graffiti kurz nach der »Wende« in der Kleinen Alexanderstraße, Berlin Mitte, lesen. Gerade recht zum Jubiläum des Mauerfalls kommen Erinnerungen, wie sie unter dem Titel »Material« zum ersten Mal im Forum auf der Leinwand zu sehen sind: Reste von Filmen, die Thomas Heise zwischen 1989 und 2008 gedreht, jedoch nie veröffentlicht hat. Unkommentiert montiert, wird in den langen Einstellungen etwas vom Geist der Zeit spürbar.
Auf der Demonstration vom 4. November 1989, die hier in Protesten gegen Schabowski Auftritt eingefangen ist, und vier Tage später bei einer Versammlung vor dem ZK-Gebäude äußert sich Lust an noch ungewohnter freier Rede. Trotz Skepsis gegenüber der neuen, vielfach alten, Führung, äußern SED-Mitglieder auch Hoffnung auf einen Neuanfang, es gibt sogar Jubel für Egon Krenz. Dann Aufnahmen vom Brandenburger Strafvollzug mit offenen Äußerungen von Häftlingen zur Amnestie, eine lebhafte Bürgerversammlung in Hessenwinkel und eine Volkskammersitzung, in der ein Abgeordneter zu Anschuldigungen Stellung nimmt, er habe Stasi-Kontakte gehabt ...
Zehn Jahre danach: jugendliche Skinheads stören die Vorführung eines Films von Thomas Heise. Zuletzt ein Blick ins Innere des Palasts der Republik bei Abrissarbeiten. Ein Skelett, das es heute auch schon nicht mehr gibt. Was bleibt, sind Bilder vergessener Geschichte. Das Forum liefert Material zum Nachdenken. Beispiel: »L'encer- clement«. Wer möchte sich 160 Minuten redende Köpfe in Schwarz-Weiß ansehen? Doch in seiner formalen Rigorosität ist das Ergebnis zwölfjähriger Arbeit des Frankokanadiers Richard Brouillette einer der spannendsten Filme. Er hat das Thema Neoliberalismus umfassend analysiert, auf die historischen Ursprünge als Wirtschaftstheorie in den zwanziger und dreißiger Jahren zurückgeführt und verdeutlicht, wie daraus, medial manipuliert, die heute dominierende Ideologie wurde. Deren gerade offenbare globale Konsequenzen konnte der Film nur vorausahnen. Zwischen lange Einstellungen seiner Gesprächspartner montiert der Regisseur sparsam Fotos und kurze zeitgenössischen Dokumentaraufnahmen.
Als tief bewegender, ganz aktueller Beitrag wirkt auch Simone Bittons Dokumentation »Rachel«. In gründlicher Recherche sammelt sie Indizien und Aussagen von Augenzeugen und Vertretern der Militärjustiz zum Fall einer 22-jährigen amerikanischen Friedensaktivistin, die 2003 beim Versuch, die Zerstörung von Häusern palästinensischer Familien im Gazastreifen zu verhindern, zu Tode kam.
Zur immer wieder diskutierten Frage, ob Kritik an Israel gleichzusetzen sei mit Antisemitismus, liefert Yoev Shamir Überlegungen mit seinem Film »Defamation«. Als eine sehr persönliche Suche nach der Rolle, die Antisemitismus heute spielt, begriff ihn der israelische Regisseur. Antworten suchte er bei Mitgliedern der US-amerikanischen Anti Defamation League und jungen Israelis, die er auf einer Polenreise begleitete und die glauben, dass man sie als Juden überall auf der Welt hasst. Von der Rolle des Antisemitismus und der Shoa als identitätsstiftendes Moment ist die Rede, kritisch hinterfragt von Israelis selbst, von denen einer meint: Dass wir zu sehr mit dem Tod leben, hindert uns daran, eine normale Gesellschaft zu sein.
Als Spiegel der israelischen Gesellschaft erwiesen sich stets die Filme des Landes. »A History of Israeli Cinema«, kompiliert von Raphael Nadjari, ist deshalb nicht nur von cineastischem Interesse, sondern auch als politisches Dokument. Die Entwicklung von 1932 bis 2007 wird in Filmausschnitten und Statements von Regisseuren und Kritikern vorgeführt, wobei man sich wünscht, die Filme nicht nur häppchenweise, sondern auch mal in Gänze zu sehen. Sichtbar werden Parallelen zu anderen Kinematografien, etwa frühen Aufbau-Propagandafilmen, die entsprechenden russischen Revolutionsfilmen gleichen. In einer Sequenz kann man direkt Eisensteins »Generallinie« als Vorbild erkennen. Dass in vielen Filmen das Militär eine Rolle spielt, ist in einem so militarisierten Staat nicht verwunderlich. Nach dem Wahlsieg der Rechten 1977 wird zunehmend Kritik an der offiziellen Politik laut. Auch das Bild der Araber, von einem Kritiker mit dem der Indianer in Hollywood-Filmen verglichen, hat sich, ohne Rücksicht auf ein sich dadurch auch manchmal provoziert fühlendes Publikum, zum Positiven gewandelt.
»Tod für Israel« fordern nicht alle Iraner, aber Präsident Ahmadinedschad hat viele Anhänger. Petr Lom hat »Jubelperser« getroffen und vertrauensvolle Bittsteller, die sich in »Letters to the President« (so der Filmtitel) an ihr Idol wenden, registriert aber auch kritische Stimmen und zeichnet so ein differenziertes Bild des oft nur einseitig gesehenen Landes.
48 Filme aus 31 Ländern stehen auf dem Programm des Forums. Traditionell ist das asiatische Kino besonders stark vertreten. Aus osteuropäischen Staaten kommen zwei Forumbeiträge. Boris Khlebnikov, vor fünf Jahren mit seinem mit Alexej Popogrebski realisierten Langfilmdebüt »Koktebel« im Forum, führt diesmal in »Sumashedshaya pomosh« eine Moskauer Plattenbausiedlung als Schauplatz absurder Szenen vor. Zum realsatirischen Spiegelbild kapitalistischer Reklamewelt in Rumänien wird Radu Judes »Cea mai fericita din lume«. Als »glücklichstes Mädchen in der Welt« muss sich ein Teenager aus der Provinz bei endlos wiederholten Dreharbeiten zum Werbespot einer Getränkefirma in Bukarest produzieren: Gegenleistung für den Gewinn beim Preisausschreiben des Unternehmens – das Auto wird gleichzeitig zum Zankapfel zwischen ihr und den Eltern. Der Regisseur kennt sich aus: Er selbst hat vor diesem Langspielfilmdebüt über 100 Werbefilme gedreht.
Aktuelle Ausgabe: 22.05.2012
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