ND: Herr Botschafter, am 31. Januar wurde in Caracas die Synagoge »Tiferet Israel« überfallen, ihre Wände wurden mit antisemitischen Parolen besprüht. Nimmt der Antisemitismus in Venezuela zu?
Rincón: Nein, ein solches Problem gibt es in Venezuela nicht. Es existiert bei uns Religionsfreiheit, und alle Gruppen werden gleich behandelt. Mehr noch: Präsident Hugo Chávez, Außenminister Nicolás Maduro und andere ranghohe Vertreter der Regierung haben der jüdischen Gemeinde Unterstützung zugesagt. Was den Anschlag angeht, so läuft eine kriminalpolizeiliche Ermittlung. Die Schuldigen werden gesucht und zur Rechenschaft gezogen. Auch das hat Präsident Chávez persönlich versichert.
Die Beziehungen zu Israel sind weniger gut.
Sehen Sie, das Problem sind die Kriege im Nahen Osten, die Invasionen und Massaker. Das hatte jüngst konkrete Konsequenzen: Israels Botschafter ist aus Venezuela ausgewiesen worden, und der venezolanische Botschafter aus Israel. Aber so ist das eben: Im Angesicht von Tausenden Toten, Frauen und Kindern, dürfen wir uns nicht auf ein paar leere Worte beschränken. Wir sollen für das Leben kämpfen, nicht für den Tod, sagte Präsident Chávez in diesem Zusammenhang unlängst. Alles, was wir in diesem Kampf für das Leben und die Souveränität der Völker tun müssen, werden wir tun.
Erklärt sich so die Zuspitzung zwischen Israel und Venezuela?
Es hat in Venezuela einen tief greifenden politischen Wandel gegeben. Bis zur Wahl von Präsident Chávez vor zehn Jahren war unser Land eine Kolonie des Imperiums (der USA, d. Red.). Die Präsidenten haben damals das gesagt, was ihnen aus Washington diktiert wurde. Das ist aber vorbei, denn Präsident Chávez verteidigt die Souveränität, die Gleichheit und die Unabhängigkeit aller Staaten. Das Volk Israels steht uns so nahe wie jedes andere.
Trotzdem könnte der Anschlag auch eine Konsequenz der politischen Kontroverse zwischen beiden Staaten sein.
Ich bekräftige noch einmal, dass unsere Regierung diesen Übergriff auf eine Synagoge scharf verurteilt hat. Es hat in der Vergangenheit auch Schändungen von christlichen Kirchen gegeben – aus unterschiedlichen Motiven. Auch diese Taten hat Präsident Chávez stets verurteilt. Ich persönlich schließe nicht aus, dass die Gewalttat gegen die Synagoge in Caracas von Provokateuren verübt wurde, um die Staatsführung zu diskreditieren. Aber ich habe keinen Zweifel, dass der Fall aufgeklärt wird.
Sie sind Botschafter Venezuelas im Vatikan. Ist es nicht doppelzüngig, wenn der Vorsitzende der venezolanischen Bischofskonferenz, Ubaldo Santana, Ihre Regierung wegen des Übergriffs kritisiert? Das Hofieren des Holocaustleugners Richard Williamson durch den Papst hat ihn nicht gestört.
Es gibt kein Problem zwischen »den Bischöfen« oder gar »der katholischen Kirche« und der Regierung in Venezuela. Es sind einige wenige Vertreter am oberen Ende der Kirchenhierarchie, die den Konflikt suchen. Die katholische Kirche bekommt in Venezuela große Unterstützung. Unter Präsident Chávez haben Priester ab 60 Jahren das Recht auf eine Rente, 93 Prozent der Zuschüsse für private Bildung fließen in katholische Einrichtungen. Mit unserer Politik stehen wir in Übereinstimmung mit Papieren des letzten Papstes Johannes Paul II., der mehrfach auf die katholische Sozialdoktrin in Lateinamerika hingewiesen hat.
Fragen: Harald Neuber
Aktuelle Ausgabe: 22.05.2012
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