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Großer Andrang herrschte, als Egon Krenz seine »Gefängnis-Notizen« vorstellte.
Foto: ND/Burkhard Lange
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Es gibt sie noch, die Fans von Egon Krenz. Der Münzenberg-Saal im Haus 1 am Franz-Mehring-Platz in Berlin konnte sie nicht alle fassen, viele standen dicht gedrängt vor den weit geöffneten Türen. Eigentlich nicht verwunderlich. Seit Jahren füllt er alle Räumlichkeiten, zumindest zwischen Fichtelberg und Kap Arkona. Gewiss nicht wegen Nos-talgie oder Ostalgie. Es ist wohl eher seine (sich Nach-Wende-Erfahrungen verdankende) Devise: »Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt.« Tatsächlich hat sich der einst eher blass wirkende Kronprinz Honeckers zu einer interessanten Persönlichkeit, ja, zu einer Kämpfernatur entwickelt. Wobei es ihm, das muss ehrlichkeitshalber gesagt werden, nicht um seine Person geht, sondern um die durch – jawohl – auch sein Verschulden in missliche Lage geratenen Bürger Ostdeutschlands. Er ist quasi zu ihrem Anwalt avanciert. Für manche sogar zu einem Messias, wie es an diesem Mittwoch-abend einmal mehr deutlich wurde. Sie hängen an seinen Lippen, wenn er Sätze sagt wie diesen: »Der Kapitalismus ist noch nicht das letzte Wort der Geschichte!«
Ein Messias ist Egon Krenz nicht. Aber im Gegensatz zu ehemaligen Kompagnons im Politbüro hat er sich nicht verkrochen oder total gewendet. Das macht ihn interessant und auch zur Reizfigur. Die bundesdeutsche Justiz hat ihr Scherflein beigetragen zur Schaffung dieser seltsamen Aura um den letzten Generalsekretär. Er ist Märtyrer – und wiederum nicht. Er hat die Zustimmung seiner Zuhörer, wenn er bekennt und erklärt: »Ich kenne meine Verantwortung für den Untergang der DDR, aber die ist nicht vor bundesdeutschen Gerichten verhandelbar. Und das wollen die auch nicht.«
Der letzte Generalsekretär der SED stellte sein neues Buch vor. Das er eigentlich nicht hat schreiben wollen: »Gefängnis-Notizen« (Edition Ost, 238 S., br., 14,90 EUR). Die Haft in bundesdeutschen Vollzugsanstalten habe er genutzt, um über vieles nachzudenken. Seine Aufzeichnungen sollten lediglich der Selbstvergewisserung dienen. Doch dann habe sich für diese ein konservativer Hamburger Verleger interessiert. Sie waren fertig lektoriert, als dieser gestand, doch Abstand von einer Veröffentlichung zu nehmen, da einer seiner Großkunden die Bundeswehr sei und diese abspringen würde, wenn er Krenz verlege. Das war die Chance für den umtriebigen Berliner Verleger Frank Schumann, der Krenz noch aus gemeinsamen FDJ-Zeiten kennt. Indes, nun wollte der Autor nicht mehr. Erst die Rede des Bundespräsidenten Horst Köhler vor Schülern im vergangenen Jahr ließ ihn seine Meinung ändern. Das Staatsoberhaupt hatte vor einer Verklärung der DDR gewarnt. Die möchte nach eigenem Bekunden auch Krenz nicht, allerdings auch keine Verteufelung. »Mit der Entwertung der DDR werden auch Menschenleben entwertet«, sagte er und bekam stürmischen Applaus. Beifall gab es auch für seine Polemik gegen die Etikettierung von DDR-Bürgern, die sich ihr Bild vom Staat, in dem sie lebten, nicht vorgeben lassen wollen, als »Spitzbuben« – so die Bundeskanzlerin – oder »Demenzkranke«, wie die thüringische Landtagspräsidentin verlauten ließ. »Was ist das für eine Gesprächskultur?«, fragte Krenz rhetorisch, »wenn ganze Menschengruppen ausgegrenzt werden, weil sie sich und die DDR anders erinnern. Jeder hat das Recht, sich so zu erinnern, wie er sich erinnern möchte.«
Nein, er reklamiere nicht Deutungshoheit über die DDR-Geschichte für sich, bestreitet aber auch den Anspruch auf eine solche durch Aufarbeitungs-Institute und Medien, die brav die 15 000 Seiten des Abschlussberichtes der Enquetekommission des Bundestages zur »SED-Diktatur« abarbeiten. Krenz zitierte Heiner Müller, der über den Umgang mit der verblichenen DDR meinte: »Ein Kadaver kann dem Obduktionsbefund nicht widersprechen.« Krenzens Appell: »Machen wir die DDR nicht schlechter, als sie war, und die Bundesrepublik nicht besser, als sie ist.« Die DDR habe nie einen Krieg geführt, sie als Missgeburt zu behandeln, sei unfair. Und wieder Applaus.
Ein Heimspiel für Egon Krenz. Nur drei Widerworte gab es. Ob es stimme, dass er im Herbst '89 mit einem Hinweis auf das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking gedroht habe? Der Gefragte wies dies strikt von sich und hat sich vor zehn Jahren schon solche Unterstellung gerichtlich verbieten lassen. Die etwas missverständlich artikulierte Frage eines offenbar ehemaligen Angehörigen der bewaffneten Organe der DDR, die wohl auf das Problem zielte, dass sich die Grenzer in der Nacht vom 9. zum 10. November '89 im Stich gelassen fühlten, konnte (oder wollte?) Krenz nicht exakt beantworten. Er lobte statrdessen deren besonnenes Handeln, als nach dem Fauxpas von Schabowski der Run auf die Mauer begann. Ihnen sei zu verdanken, dass kein Blut, sondern Sekt geflossen ist. »Die Grenzsoldaten haben Deutschland und der Welt den Frieden gerettet.« Denn: Sowjetische Militärs hätten bekräftigt, dass der Freundschafts- und Beistandspakt noch gelte. Und auf den Vorwurf eines Fotografen, »Herr Krenz, was glauben Sie, wie lange ich auf einen Anwalt warten musste, als ich 1980 in der DDR nach Paragraf 213 (unerlaubter illegaler Grenzübertritt) verhaftet wurde?!«, antwortete dieser: »Ich bedauere jedes Unrecht, das geschehen ist.« Als dann aber eben jenen, dem Unrecht widerfahren ist, ein böser, hämischer Zuruf aus dem Publikum ereilte, da mochte man doch am aufklärenden Sinn des Abends zweifeln. Auch dies ein Zeugnis mangelnder Gesprächskultur.
Unrecht ist nicht gegen Unrecht aufzurechnen. Einhellige Meinung unter (auch konservativen) Rechtsexperten ist, dass die Prozesse nach 1990 so recht nicht rechtens waren. Sie ließen 36 000 Briefe in Krenzens Zelle flattern. An deren Beantwortung sitzt der letzte Generalsekretär noch heute.
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