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Von Guido Sprügel 13.02.2009 / Bildung

Der schöne Schein der Veränderung

Wie in Berlin soll auch in Hamburg das Schulsystem grundlegend reformiert werden

In Berlin verkündete Anfang der Woche Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) eine große Schulreform. Einen ähnlich großen Wurf wagt zeitgleich Hamburgs Schulsenatorin Christa Goetsch (GAL). In der Eile werden allerdings wichtige Aspekte übersehen.

Es hört sich einfach gut an, was Christa Goetsch Anfang Februar der Öffentlichkeit vorstellte. Ein »Rahmenkonzept« für die Entwicklung der Hamburger Schullandschaft – gespickt mit wohlklingenden Begriffen wie »Teamarbeit«, »Bildungsoffensive«, keine Noten bis Klasse 6. Und in der Tat betritt die Hansestadt mit den geplanten Änderungen Neuland in der bundesdeutschen Bildungspolitik. Das Hamburger Modell basiert in Zukunft im Prinzip auf zwei bzw. drei Säulen. Alle Kinder sollen nach dem Willen der schwarz-grünen Koalition von Klasse 1 bis 6 die Primarschule besuchen – die Ausgrenzung und frühe Selektierung sollen der Vergangenheit angehören. In den ersten sechs Klassen gibt es keine Noten mehr, sondern Kompetenzberichte. Erst nach der sechsten Klasse werden die Schüler getrennt – entweder besuchen sie die Stadtteilschule, in der nach der Klasse 13 das Abitur abgelegt werden kann, oder sie besuchen wie eh und je ein Gymnasium. Dort kann nach der 12. Klasse das Abitur erlangt werden. Der Erhalt des Gymnasiums ist das größte Entgegenkommen der grünen Senatorin an ihren Koalitionspartner CDU.

Unruhe und Verunsicherung

Und genau die Beibehaltung des tradierten Gymnasiums als Eliteschule neben der »Rest«-Stadtteilschule werfen ihr Kritiker vor. »Es gibt immer noch die selektive Beschulung! Zwar erst ab Klasse 6, dann aber umso deutlicher«, bringt der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Klaus Bullan, das Problem gegenüber ND auf den Punkt. So kann von einer wirklichen »Schule für alle« nicht die Rede sein. Denn nach der 6. Klasse werden die Schüler doch getrennt und Bullan fürchtet, dass sich an der Beschulung nach sozialer Herkunft nichts ändern wird. »Bildungsnahe Eltern werden alles daran setzen, ihre Sprösslinge aufs Gymnasium zu bringen. Die Stadtteilschule wird nicht gleichwertig neben den Gymnasien existieren«, ist sich Bullan sicher. Und ein weiteres Problem zeichnet sich schon ab – die Anbindung der Primarschulen an die weiterführenden Schulen. Denn die bisherigen Grundschulen waren räumlich auf vier Klassen ausgelegt – im Zuge der Umwandlung in Primarschulen erhalten sie zwei Jahrgänge dazu. Um das Raumproblem zu lösen, dürfen die Primarschulen sich an einem Standort einrichten, an dem sich »auch eine weiterführende Schule« befindet.

Eltern in wohlhabenden Stadtteilen wie Blankenese und Winterhude dürfte das freuen, könnte sich die Primarschule doch an ein Gymnasium anbinden und so den reibungslosen Übergang ihrer Kinder auf das Gymnasium gewährleisten. Das will Christa Goetsch natürlich auf keinen Fall und so hat sie schon klargestellt, dass es »kein Anrecht auf bevorzugte Aufnahme« geben werde. Ob sich durch solch eine Willensbekundung an der Situation etwas ändert, bleibt abzuwarten. Goetsch scheint es nicht zu bekümmern. Im Eiltempo peitscht sie ihre Visionen durch und wählt damit den Weg der maximalen Unruhe. Diesen Reformeifer werfen ihr auch Bildungsexperten vor. So warnt der Bielefelder Wissenschaftler Klaus Hurrelmann in der »Welt« davor, zwei Großbaustellen wie die Primarschule und die Verschmelzung der weiterführenden Schulen auf zwei Typen gemeinsam anzugehen.

Dies könne nur zu Chaos und Fehlern führen. Auf den »regionalen Schulentwicklungskonferenzen« ist dies schon deutlich zu spüren. Die Konferenzen wurden von Seiten des Senats in allen Stadtteilen eingesetzt, um den Schulen die Möglichkeit der aktiven Mitgestaltung zu geben. Auf ihnen treffen sich die Schulleiter, Lehrer und Elternvertreter verschiedener Schulen, um zu überlegen, wie man den Übergang bewerkstelligen kann. Was sich in der Theorie nach größtmöglicher Mitbestimmung anhört ist in der Praxis nach Aussage von vielen Beteiligten ein »einziges Hauen und Stechen«. So drückt es zumindest die Lehrerin Susanne W. B. aus, die als Elternvertreterin an den Konferenzen teilnimmt. »Da versucht jeder seine Pfründe zu sichern! Pädagogische Überlegungen spielen so gut wie keine Rolle«, empört sich die Pädagogin.

Die Behörde gibt sich im Augenblick als interessierter Zuschauer an den Konferenzen. Sollten diese sich jedoch nicht aus eigener Kraft einigen, entscheidet letztendlich die Behörde, wer Primar- oder Stadtteilschule wird. »Eigentlich eine Farce!«, so Susanne W. B. »Die Behörde schiebt den schwarzen Peter von sich weg. So kann sie sagen, ihr konntet euch nicht einigen, also mussten wir entscheiden«, ergänzt Claudia S, die als Lehrerin einer Grundschule an den Konferenzen teilnimmt.

Ein weiterer Kritikpunkt an den Reformen ist, dass für den Umbau der Schullandschaft bislang keine nennenswerten Entlastungen der Lehrer vorgesehen sind. Und gerade auf die Lehrer kommt durch die radikalen Veränderungen eine Menge Mehrarbeit zu. Denn sie sind es schließlich, die die kompetenzorientierten Zeugnisse erstellen, den Unterricht individualisieren, im Team Fortbildungen belegen und mehr Elterngespräche führen sollen. »Das soll auf Kosten unserer Knochen umgesetzt werden«, empört sich der GEW-Vorsitzende Klaus Bullan. Der 34-jährige Sonderschullehrer Jörg P. pflichtet ihm bei: »Ich bin noch relativ neu im Job und komme jetzt schon kaum noch dazu, guten Unterricht vorzubereiten.« Zu hoch sei die Arbeitsbelastung mit Konferenzen, Formularkrieg und Elterngesprächen. Er bedauert, als »Nörgler« dazustehen, fühlt sich aber mit seiner Überlastung alleingelassen. Denn bereits vor knapp fünf Jahren wurde die Arbeitszeit durch die Einführung des Arbeitszeitmodells enorm ausgedehnt. Kritiker wie der Hamburger Bildungsforscher Reiner Lehberger befürchten öffentlich, dass der Umbau chronisch unterfinanziert ist und die Aufgaben von den Lehrern nicht zu bewältigen sind.

Rätselraten über Zukunft der Sonderschulen

Ein weiteres Goetsches Steckenpferd – die integrative Beschulung aller Schüler – scheint bei den Reformbemühungen gänzlich hinten über zu kippen. Zwar wird die Primarschule als »Schule für alle« propagiert, über den weiteren Verbleib der Sonderschulen und ihrer Schüler herrscht hingegen Rätselraten. Die Auflösung der Förderschulen hat die Koalition auf die nächste Legislaturperiode verschoben, mit dem Start der Primarschulen 2010/11 sollen die Schüler jedoch schon mit »integrativen Maßnahmen« gefördert werden. Dies allerdings nur, wenn die »organisatorischen und personellen Voraussetzungen« gegeben sind. Im Klartext heißt dies – gar nichts. Denn mit der personellen und organisatorischen Einschränkung begrüßt die Kultusministerkonferenz (KMK) schon seit Jahrzehnten die integrative Beschulung. »Wenn das Wörtchen wenn nicht wär! An diesem Satz stimmt vieles. Wo wir in vier Jahren sein werden, weiß der Himmel«, fasst der Sonderpädagoge Daniel H. die Situation zusammen. Er arbeitet seit knapp 10 Jahren an einer Hamburger Förderschule und ist derzeit über die weitere Zukunft, wie seine Kollegen auch, verunsichert. Wie, wo und wann die Förderschulen in der nächsten Legislaturperiode aufgelöst werden sollen, steht in den Sternen. Die Pressesprecherin der Behörde für Schule und Berufsbildung, Annegret Witt-Barthel, kann diese Frage auch nicht beantworten: »Dazu kann ich jetzt nichts sagen. Wir setzen jetzt zuerst die Reform der Primar- und Stadtteilschulen um und danach beraten wir den nächsten Schritt.«

Vom schönen Schein der Goetschen Dörfer bleibt so bei näherer Betrachtung nur eine Großbaustelle übrig, die auf die Ausgabe von Sicherheitshelmen verzichtet hat.


Berliner Reform

  • Ab Schuljahr 2010/11 werden in Berlin Haupt-, Real- und Gesamtschulen zu einer Sekundarschule zusammengefasst, die in 13 Schuljahren zum Abitur führen soll. Das Gymnasium als eigenständige Schulform nach der vierten bzw. sechsten Klasse bleibt erhalten, es ermöglicht die Hochschulreife nach 11 oder 12 Schuljahren.
  • Sitzenbleiben soll nur noch in Ausnahmefällen und auf Wunsch des Kindes bzw. der Eltern möglich sein.
  • Nach Zöllners Willen sollen Gymnasien grundsätzlich keine Kinder an die Sekundarschulen abschulen dürfen. Dafür soll im Gegenzug der Übertritt ans Gymnasium erschwert werden. ND

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