Der Abend nennt sich: Untersuchung. Drei Akte: Ein deutsches Paradies; Der Krieg; Glaube, Liebe – Dresden. Das dritte Wort der Reihung ist nicht: Hoffnung. Oder ist Dresden Symbol für Hoffnung? Dass Frieden etwas wird, das nicht immer erst nach den Kriegen kommt, aber doch niemals wirklich – herrscht.
»Die Wunde Dresden« von Regisseur Volker Lösch und Dramaturg Stefan Schnabel, uraufgeführt am Staatsschauspiel Dresden, kreist in Dichterversen, Historikertexten, Zeitzeugnissen, Pressezitaten, Politikerreden und religiöser Poesie um Vorfeld und Folgen des anglo-amerikanischen Bombenangriffs im Februar 1945. Eine bildgewaltige, aus deutschem Mythos und deutschem Michel-Mützen-Sinn viel Lächerlichkeit herauskitzelnde Revue mit Löschs weitbekanntem, über dreißigköpfigem Dresdner Bürger-Chor und vier Schauspielern. Die nüchtern-leere Guckkastenbühne von Cary Gayler öffnet Raum für grelle Tänze, schwarzschweigende Messen, statuarische oder verknäulte Choreografien aus Trauer oder Trotz, ist Leinwand für Filmbilder der zerstörten Stadt und eines FDJ-forschen Neubeginns – der Chor dröhnt dazu hart entschlossen »Auferstanden aus Ruinen ...«
Vorher gehörte die Szene groben Spottlichtern aufs tiefbraune Dresden und seine Reichs-Theaterwoche 1934. Von grotesker, puppenhaft mechanischer Begeisterungsmanie als Nazi-Intendantin: Marléne Meyer-Dunker. Alle tragen Hitlers Bärtchen, vermessen sich gegenseitig, mit Bandmaß, nach arischen Körpergeboten. Aus der Masse der braunen Bademäntel mit Hakenkreuzbinde wird durch Wenden des Mantels nach dem Winde (jetzt weiß wie weiße Westen) und der Armbinden (jetzt Ährenkranz, Hammer und Zirkel) die Masse DDR; das Abkratzen des Signets macht dann aus Ostdeutschen Westdeutsche – die um bananenrockbewehrte Westpolitiker und Kohl-Redenfetzen herumbuhlen. Deutsche, Dresdner Geschichte: ein Schnellkurs der Systemwechsel, o Haupt voll Blut und ... wo Wunden brannten, fiebern nur noch Kunden.
Dresdens Bürgerchor, von Lösch und Chorleiter Bernd Freytag zur kollektiven Kunstfigur erhoben, ist eine einmalige, furiose Leistung der jüngeren deutschen Theatergeschichte («Die Orestie«, »Die Weber«, »Dresdner Weber«, »Woyzeck«). Mit der »Wunde Dresden« wird nun zum letzten Male just durch diesen Chor der Sinn des Stadttheaters erfüllt, wie ihn Adolf Dresen so feurig fantasierte: »Stadttheater kann nur in regionaler Verwurzelung Welttheater sein wollen.« Weil doch jede Provinz schon Welt ist (was Künstler ihrer Provinz als Traum zu entdecken haben!), weil alle Welt nur immer Provinz bleibt (was Künstler ihrer konkreten Umwelt als Trauma zu entdecken haben!). Du schaust in dieses Chores junge und alte, Erfahrung vor und Erfahrung hinter sich habende, selbstbewusste und schüchterne, verschlossene und offene, eifrige und gelassene, so alltägliche und just darin so besondere Gesichter, und wenn dieser Chor Kleist oder Herder, Gryphius oder Heiner Müller in den starken, flüsternden, schreienden, betenden, singenden, jauchzenden, schmerzstöhnenden, klagedonnernden, zornhämmernden Mund nimmt, verknüpfen sich auf innig berührende Weise Leben und Kunst, des Daseins redliche, geschundene, alltägliche Einfalt mit den Übersteigerungstänzen eines poetischen Bewusstseins.
Das ist nie platter Abbildungsrealismus, der einfach nur das Profane auf die Bühne holt, aber dieses Profane, im Ausdruck kräftig, präzis und quasi über sich selber staunend, macht jedes Dichterwort auf eine große einfache, neue Weise glaubhaft. Oder reißt den Widerspruch auf zwischen der hohen Leier des Liedes und der ewigen Leier des Leides tief unten. Gerade dann, wenn dieser Chor im Leiden stöhnt, in Leben schwelgt, nach Lüsten lechzt, erzählen die Gesichter (wie es wohl keine Schauspielergesichtersammlung könnte) von den Geheimnisschichten zwischen Groß und Klein, All und Alltag, zwischen karstiger Existenz und dessen geschliffener Exegese durch schöne, schauende Kunst.
Lösch und Schnabel beleuchten die Wunde Dresden, und die schimmert im dauernden Zwielicht. War die Zerstörung militärisch gerechtfertigt oder sinnlos? Bei aller kabarettistischen Brennschärfe, trotz hochgetriebener Deutlichkeit (das braune Dresden!) versieht dieser szenische Essay seinen Stoff mit unübersehbaren Trauerrändern. Ohne dass die Inszenierung vom Charakter ihrer Aus- und Bloßstellung abließe (der beträchtlichen Teils eher zur Karikatur als zur Kreatur neigt), schwingt doch etwas mit, das man vielleicht die gefühlte, nicht sofort sichtbare Wahrheit des Abends nennen darf. Eben weil die Dresden-Deutungen nach wie vor aufeinanderprallen, kommt einem nämlich die Utopie in den Sinn, es könne endlich ein Denken gegen die geläufige, unüberschreitbar gehaltene Standpunktgebundenheit von Geschichtsschreibung geben. Es müsste möglich sein, eine Sicht auf Geschichte zu beschwören, die allen nah ist, indem sie über die bloße Täter-Opfer-Ursache-Wirkung-Einteilung hinausgeht. Erst die Toten stiften Frieden? Ja. Das freilich ist zugleich der Gedanke, der weh tut. Mir blieb es, zum Beispiel, zunächst fremd, als sich US-Militärs und Vietnamesen oder sowjetische Kriegsveteranen und deutsche Stalingrad-Angreifer zu später Versöhnung trafen.
Immer glaubt man, derartige Annäherungen verwischten die klare Grenzziehung geschichtlicher Wahrheiten und arbeiteten einer Rechtfertigung der Untäter, also einer Würdeverletzung der Opfer zu. Mancher Händedruck soll einem nicht unter die Augen kommen. Seltsamerweise blendet die Inszenierung die in diese Richtung zielende DDR-Philosophie aus: Der Krieg sei in Dresden an seinen Ausgangspunkt zurückgekehrt – damit verbat sich lange Zeit jenes ehrliche Fühlen mit Deutschen als Opfer. Dass dies Fühlen möglich wurde – ist es nicht auch Resultat jener 1989 eingeleiteten Befreiung vom Dogma, bewerkstelligt durch jene (gerade in Dresden), die bei Lösch und Schnabel zuvörderst eilfertige Anpassungswillige sind?
Politik wäre wirklich Politik, wenn sie das spätere »Zusammenfinden« der Gegner in gemeinsamem Gedenken quasi schon in die Gegenwart herüberzuholen vermochte. Als Vorahnung einer Zeit, in der die Unterschiede zwischen Siegern und Verlierern unwichtig sein werden, weil der Tod ein gnadenloser (oder gnadenvoller?) Gleichmacher ist. Ein geradezu berserkerhaft naiver Gedanke. Aber Gedanken, die einem nach einem Theaterabend kommen, kurzzeitig wie immer, können gar nicht naiv, also ohnmächtig genug sein.
Vielleicht wünschte ich mir deshalb, dieses Gedankens und des grandiosen Chores willen, nicht das beleidigende Historiker- und Journaillen-Gezänk um Dresdner Opferzahlen als Schluss der Aufführung, ein unpathetisches, schrilles, von zickig-nichtigem, freilich gefährlich unsensiblem Gegenwartsgeist geprägtes Ende, sondern jene Szene unmittelbar zuvor: aus der Offenbarung des Johannes die heilig friedensstiftenden Zeilen von der »Hütte Gottes bei den Menschen«, Gedanken von kommender Zeit, »und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein«, Zeilen also von dieser kommenden Zeit, die nie kommen wird. Aber inniger, berührend illusionärer, vergeblich tröstlicher, auf erhebende Weise trügerischer kann menschliches Sinnen nicht sein (muss es aber bleiben!): nicht nur Dresdner Wundpflaster ist das, sondern Menschheits Wundpflaster seit je, durch das doch immer wieder Blut sickert. Das wäre als letztes Bild ein aufwallungsgesättigter Blick noch einmal, groß wie nie, ins Antlitz dieses unvergesslichen Chores gewesen.
Nächste Vorstellung: 26. Februar.
Preis: 15,90 €
Preis: 9,90 €
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