Nur wenige Minuten, nachdem der Nationale Wahlrat die Referendumsergebnisse zugunsten des Präsidenten veröffentlicht hatte, trat Chávez gegen neun Uhr abends auf den Balkon seines Amtssitzes, um seiner Freude Luft zu machen. »Das war ein großartiger Sieg! Hier ist das Volk von Simón Bolivar, das die Fahnen der Würde hochhält!«, rief der Staatschef den feiernden Anhängern zu.
Für den venezolanischen Präsidenten ging es um Kopf und Kragen. Noch während des Wahlgangs, zu dem rund 17 Millionen Venezolaner aufgerufen waren, erklärte Chávez, dass an diesem Tag seine politische Zukunft entschieden werde. Und diese wollte er nicht dem Glück überlassen.
Hunderte bestens organisierte »Chavistas« mobilisierten bereits am frühen Sonntagmorgen die Wählerschaft in Caracas mit Lautsprechern, um dem Aufruf des Staatschefs, Stimmen gar unter jedem Stein zu suchen, nachzukommen. »Die Stimmen werden Mann für Mann, Haus für Haus gejagt«, gab Chávez die Parole aus. Der Eifer war von Erfolg geprägt.
Es war der zweite Versuch des Linkspolitikers, sich per Verfassungsreform zumindest eine weitere Amtszeit von sechs Jahren erlauben zu lassen, weil er noch »mindestens zehn Jahre« brauche um sein Projekt zu vollenden«. Bis er das »unvollendete Bild« seines sozialistischen Projekts der Bolivarianischen Revolution vollendet oder verloren habe, wolle er weitermachen, erklärte Chávez unlängst. Erst danach wolle er sich in die Hängematte legen und Kühe auf dem Land züchten.
Der erste Anlauf scheiterte Ende 2007 knapp. Die erklärten Gegner von Chávez und die Zweifler hatten sich eine hauchdünne Mehrheit verschafft. Nun hat es geklappt, wenn auch nicht mit überragender Mehrheit. Gut 54 Prozent der abgegebenen Stimmen bestätigten die Verfassungsreform, knapp 46 Prozent waren dagegen. Diesmal ging es um die Möglichkeit mehrerer Amtszeiten nicht nur für den Präsidenten, sondern für sämtliche Träger politischer Ämter, als auch für die Gegner Chávez' auf Gouverneurs- und anderen Posten.
Das Votum verlief überraschend friedlich und reibungslos. Die Präsidentin des Wahlrates beglückwünschte die Venezolaner zu ihrem »zivilisierten, demokratischen und fröhlichen Verhalten« und nannte die Wahl außergewöhnlich.
Als demokratisch bezeichnete sich in der Nacht zum Montag auch die Opposition, die ihre Niederlage trotz ungleicher Bedingungen einräumte. »Wir erkennen das Resultat an, das von den besseren Bedingungen der Regierung beeinflusst war, und rufen das Land auf, weiter zu kämpfen«, erklärte der oppositionelle Politiker Omar Barboza. Doch nicht alles schien für die Opposition verloren. »Wir haben es geschafft, mehr als fünf Millionen Stimmen zu versammeln«, hob der Politiker Ismael Garcia hervor, was – vom Verfassungsreferendum 2007 abgesehen – als bestes Ergebnis der Opposition bei den vielen Abstimmungen der letzten zehn Jahre unter Chávez gilt.
Dennoch dürfte das Ergebnis für die Opposition eine bittere Niederlage sein, nachdem sie bei den Regionalwahlen vor wenigen Monaten Erfolge verbuchen konnte und seitdem Aufwind verspürte. Ziemlich klar ist nun, dass es der Oppositionskandidat bei den Präsidentschaftswahlen 2012 – wer immer es sei – im Kampf um die Macht mit Hugo Chávez zu tun haben wird.
Aktuelle Ausgabe: 22.05.2012
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