Von Franz-Karl Hitze
19.02.2009
Politisches Buch

Tacheles reden

Falschspieler im Siegestaumel

Der Thüringer nennt die Dinge beim Namen. Und das ist Winfried Voigt. Reichtum im Norden verschuldet die Hungertoten in der Dritten Welt. Die Kriege gegen Jugoslawien, Afghanistan und Irak waren völkerrechtswidrig. Die Geschichte kennt unendlich viele Beispiele, wie Kriege zum Erlangen wirtschaftlicher Vorteile auf Kosten anderer Völker angezettelt wurden.

Falschspieler sind jene, die die Regeln nicht einhalten. Ein Falschspieler stellt das heutige kapitalistische System nicht in Frage. Er wird sein Umfeld davon zu überzeugen versuchen, dass es menschlicher gestaltet werden kann. Das ist das falsche Spiel. So auch geschehen in Chile 1973, wo der demokratisch gewählte Präsident und Kinderarzt Salvador Allende ermordet wurde. Es war nicht die Unfähigkeit seiner Regierung, die die Wirtschaft in Chile ins Torkeln brachte, sondern US-amerikanische Embargopolitik. Die sogenannten industrialisierten Länder (USA, Kanada, Japan, Frankreich, Deutschland) verbrauchen etwa 80 Prozent der Ressourcen, obwohl sie nur 20 Prozent der Erdbevölkerung ausmachen. Während wir im Überfluss leben, verhungern in der Dritten Welt (Somalia, Mali, Zaire, Kongo, Bangladesh u. a.) täglich 20 000 bis 30 000 Menschen. Voigt setzt sich mit der Gier nach Bodenschätzen wie Energieträger durch die Industriestaaten des Nordens auseinander, die wiederum in der Aufrüstung Verwendung finden, um neue Kriege um Märkte zu führen.

Der Autor polemisiert mit Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt und mit Ex-Bundesminister Andreas von Bülow. Sachlich und respektvoll, offen und überzeugend. Voigt zitiert Schmidt, der in seinem Buch »Die Mächte der Zukunft« u. a schrieb: »Ohne Hitler hätte es weder die Nazi-Diktatur, noch seinen Krieg … gegeben.« Hitler war nach Schmidt nicht das Machwerk des gierigen deutschen Finanzkapitals. Bülow wiederum beschwor in »Im Namen des Staates« die »Angst vor dem Aufbruch des Kommunismus zur Weltherrschaft«. Auch mit Ursachenverdrehung wird falsch gespielt.

Innenpolitik ist ebenso ein Thema des Autors. In den Wahlkämpfen werden hehre Absichten verkündet und große Versprechen gemacht, an die man sich später nicht mehr erinnert, konstatiert er. Und das ist eben so, »weil dieses System ohne Betrug nicht überleben kann«. Im Siegestaumel waren nach dem Ende des Kalten Krieges von der westlichen Wertegemeinschaft mehr Menschenrechtsverletzungen als je zuvor irgendwo begangen worden. Und darum müssen sich DDR-Bürger nicht schämen. Der real existierenden Sozialismus ist am Versuch gescheitert, auf der ehrlichen Grundlage selbstgeschaffener Werte zu leben. »Wir waren mit unserem System unfähig, die Bedürfnisse und Wünsche des Volkes zu befriedigen. Basta.« So Voigt. Eine lohnende Lektüre, ein Leseerlebnis.

Winfried Voigt: Die Falschspieler – DDR-Bürger müssen sich nicht schämen. NORA Verlag, Berlin 2008. 208 S., br., 18 EUR.

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