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Im Zentrum der belarussischen Gebietshauptstadt Gomel, an der Ewigen Flamme
Foto: Schofield
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Auf dem Weg durch die Straßen Gomels, der zweitgrößten Stadt von Belarus, fand ich mich neulich hinter einer leeren Chip-Tüte laufend. Ausgebreitet wie ein drei-eckiges Segel, ließ sie sich vom Wind in Schrittgeschwindigkeit über das Trottoir treiben, hin und her schaukelnd, als nähme sie die Sehenswürdigkeiten auf.
Der Wind kennt keine grünen oder roten Ampeln. Die Chip-Tüte eilte uns Menschen voraus, mitten auf die Kreuzung des Lenin-Prospekts mit der Internationalnaja, schnurstracks auf das Ewige Feuer zu. Fast schon auf der anderen Straßenseite nahm das Schauspiel unter den Rädern eines »Ikarus« ein jähes Ende.
Der sozialistische Block ist vergangen, nicht aber seine Autobusse. Ungarns Beitrag zum RGW war der »Ikarus«, gebaut für die absehbare Ewigkeit im größten Omnibuswerk der Welt in Budapest. In Gomel geht die Geschichte um, dass ein Ikarusfahrer sich zu einer 180-Grad-Wende veranlasst sah. Während er dieses Manöver ausführte klatschte ein Auto mit 140 km/h und 12 Promille – verteilt auf vier 19-Jährige – in die Seite des Busses. Der »Ikarus« war unversehrt, das Auto samt Insassen »Farsch«, sagt der Erzähler sarkastisch – Hackfleisch.
Diese Busse sind nichts für Rollstuhlfahrer. Vier Stufen über dem Asphalt sitze ich hoch über dem Verkehr. Unterm Boden brodelt der Motor. Es ist, als würden die Tiere der Urwelt, über Äonen als Öl unter der Erde gelegen, in den Zylindern nochmal lebendig, als würden sie noch ein letztes Mal brüllen, ehe sie sich in dunklen Wolken aus dem Auspuff ergießen und verflüchtigen.
Wir kommen am Uniwermag vorbei. In Belarus hält er sein Versprechen, ein Universalmagazin zu sein. An meinem Handgelenk tickt eine Uhr aus dem Uniwermag. Die Milch in meinem Tee kommt aus dem Uniwermag. Das Wasser dafür habe ich in einem Kocher aus dem Uniwermag bereitet. Weil in Belarus die Fabriken nicht geschlossen wurden, gibt es auch vernünftige Produkte zu kaufen. Die Minsker Uhrenfabrik produziert unbeirrt ihre Sekonda-Uhren, das Witebsker Pelzkombinat weiterhin seine Pelzhüte, die Kleidung in der oberen Etage ist fast gänzlich »Zroblena u Belarusi« oder »Sdjelano w Rossii«.
Vor dem Uniwermag treffe ich Frau Swetlana. Ich bin zu ihr nach Hause eingeladen, in einen Wohnblock, wie er überall in Gomel steht: neun Etagen mit jeweils drei Wohnungen. Das Baureferat reiht diese Blöcke gerne auch aneinander, sodass ein meilenlanger Bau entsteht. Es gibt Tee, Eclaires und Bubliki (Gebäckkringel). Frau Swetlana hat zwei erwachsene Söhne. Beide arbeiten auf Baustellen im russischen Kaliningrad. Der eine aus freien Stücken, der andere war Milizionär, bis er eines Nachts betrunken Auto fuhr und ein ziemlich entschlossener Baum der Fahrt, dem Auto und der Milizkarriere ein Ende setzte. Mir gegenüber sitzt Olga, Frau Swetlanas junge Mitbewohnerin. Olga ist Bauarbeiterin (ja: Bauarbeiterin) aus Retschiza, westlich von Gomel.
Ein »Ikarus« bringt uns auf die Sowjetskaja. Wir steigen am Hotel »Turist« aus und gehen mit Frau Irina in die Bar. Musik spielt, drei gelangweilte Kellnerinnen walten über die leeren Tische. Nur in einer Ecke hocken zwei Männer konspirativ über ihren Schnapsgläsern. Frau Irina vermisst die Sowjetunion. »Damals wusstest du, wenn du von der Schule gehst, hast du Arbeit. Heute ist alles ungewiss, besonders jetzt, durch die Krise.« Aber in Belarus ist es etwas anders. »Schau mal nach Russland. Da ist nichts mehr übrig von der Sowjetunion. Hier haben wir wenigstens noch 50 Prozent. Wir hatten zum Glück kaum Privatisierungen.« Frau Irina denkt noch in sowjetischen Dimensionen. Viele Menschen reden von moldauischem Wein. Frau Irina aber von »unserem moldauischen Wein«.
Als wir das »Turist« verlassen, riecht es nach Schokolade. Einige Schritte weiter die Sowjetskaja hinauf bringen uns zur Schokoladenfabrik Spartak. Tagein, tagaus strömt der Duft geschmolzener Schokolade auf die Straße. Die hohen Mauern des rosa Gebäudes lassen wenig erkennen – nur einige dicke, silberne Röhren, in denen der Passant Schokoladenflüsse vermutet, obwohl sie wahrscheinlich nur zur Klimaanlage gehören. Für uns Außenstehende bleiben sie Schokoladen-Pipelines.
Der Schokoladenduft treibt die breite Sowjetskaja hinauf und umweht die Studenten vor der Universität. Im ersten Korpus sind die Proben für ein Musical zu Ende gegangen. Katja kommt heraus. Sie lernt Fremdsprachen, Deutsch und Englisch. Während wir die Sowjetskaja hinunterlaufen rezitiert sie ein Gedicht von Reiner Kunze. Ihr Akzent ist so entzückend, man wünschte sich, alle sprächen so Deutsch. Nach dem Abschluss möchte Katja zum KGB – in Belarus heißt er noch so.
Rudolf Nurejew war ein begnadeter Tänzer aus Kasan. Erst mit 17 Jahren fing er an zu tanzen, aber sein Talent war so groß, dass man ihn ins Leningrader Kirow-Ballett aufnahm. 1965, auf Tour in London, defektierte er in den Westen und wechselte zum Royal Ballet. Nurejew war einer der besten Tänzer der Geschichte. 1993 starb er in Paris.
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Lenin vor dem Stadttheater
Foto: Schofield
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Groß also mein Erstaunen, als ich mich in eine Marschrutka setze und Rudolf Nurejew am Steuer erblicke. Die Gestalt ist ganz und gar Nurejew, nur dass der Tänzer heute Marschrutka-Lenker ist. Eine Schachtel Zigaretten und ein Kästchen voller Rubelscheine versperren seine Sicht auf das Tacho.
Marschrutkas sind Sammeltaxis und als solche eine Säule des postsowjetischen Stadtverkehrs. Meist sind es »Transit« oder »Sprinter« aus dem Westen – oder russische »Gasel«. Jedenfalls sind sie gefährlich. Ein »Transit« kann schnell fahren, und Nurejew macht so gründlich davon Gebrauch, dass die Knautschzone und der stabile Käfig den Unfalltod allenfalls bis ins Krankenhaus hinauszögern. Ein »Gasel« ist zwar langsamer, aber das Knarzen der Karosserie bei jeder Unebenheit der Straße verspricht wenig Schutz bei einer Kollision. Was uns rettet sind die Ikonen überm Rückspiegel. Unterm Schutz des Vaters, des Sohnes und der Muttergottes von Kasan brettern wir durch die Straßen.
Rudolf Nurejew ist aber nicht nur Fahrer. Er ist auch Kassierer. Fahrgäste steigen ein und reichen ihr Geld nach vorne. Den Einheitspreis hat fast niemand passend, also vertraut Nurejew auf den himmlischen Autopiloten und fummelt aus seinem Kasten ständig Wechselgeld heraus. Dass es kaum Unfälle mit Marschrutkas gibt ist eines der vielen Wunder dieser Länder.
Es ist Winter in Gomel. Insbesondere die alten Trolleybusse sind nicht beheizt. Der Atem der Passagiere setzt sich an den eisigen Fenstern ab, gefriert und verwandelt die Scheiben in Kaleidoskope. Die Farben des Winternachmittags dringen vom Eis zersplittert ins Innere. Die Passagiere im Halblicht, unter deren Hüten Dunstwolken hervorquellen, müssen sich auf die automatischen Durchsagen verlassen: Vorbei ziehen nur schillernde Lichtscherben, Gebäude und Straßen sind nur noch Ahnungen von Dunkelheit.
Am Leninplatz klettern wir die Treppe des Trolleybusses hinunter. Mitten auf dem riesigen Platz, zwischen Lenin und Stadttheater, erhebt sich die städtische Neujahrs-tanne. Sie ist perfekt konisch, ein stählerner Rahmen mit aufmontierten Tannenzweigen. Ein Baum, so perfekt, wie ihn die Natur nie hervorbringen würde. Lichter funkeln zwischen den Zweigen und an der Spitze glüht ein roter Stern (oder ist es der Rote Stern?)
Der Sosh, Gomels Fluss, liegt unter einer Eisdecke. Als er noch nicht gefroren war, glich er einem See, der nach Norden und Süden kein sichtbares Ende hatte: Das Wasser schien zu stehen. Später trieben Eisschollen nach Süden und alles war klar. Der Sosh mündet bei Lojew in den Dnjepr, und von dort geht die Reise weiter, vorbei an der 30-Kilometerzone des havarierten Atomkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine.
In den Tagen nach dem 26. April 1986 blies der Wind nach Gomel. Das Gebiet wurde sehr stark belastet. »Meine Großmutter war Ärztin. Sie hat meine Mutter und mich nach Sibirien geschickt. Erst sechs Jahre später kamen wir zurück«, erzählt ein Mädchen im Zug.
Zwei Tage später bin ich bei ihr zu Gast. Wir trinken Tee, und auf dem Tisch liegen Spartak-Süßigkeiten und Zefir. Zefir: Damit muss man aufwachsen, mit diesem süßen Schaum, der zwischen Mäusespeck und Mohrenköpfen angesiedelt ist. »Iss Zefir, er reinigt den Körper von der Radioaktivität!« Ich tu's. »Mmh, ich fühle mich schon besser, kann ich jetzt wieder Milch trinken?«
An Sonnabenden ist die Stadt laut von blumengeschmückten Autokorsos. Frisch vermählte Ehepaare stehen Schlange am Ewigen Feuer. Bald bringen sie gesunde Kinder zur Welt. Tschernobyl hat nichts geändert an der sagenhaften Schönheit der Frauen. Gomel ist sehr stolz auf sie. In dieser Gegend treffen Russland, Belarus und die Ukraine aufeinander und die Gene wurden zu Gunsten der Schönheit durchmischt, sagt man.
Aber es kommen eben nicht alle gesund zur Welt, genauso wenig wie in Deutschland. Nastja ist sieben Jahre alt, ein süßes Mädchen mit blonden Rattenschwänzen. Sie kann nicht laufen und nicht sprechen. Überhaupt bewegt sie sich kaum. Ihre Zunge steckt ein bisschen aus dem Mund hervor. Ab und an sagt sie »Aaaaaah.« Wenn sie einmal in der Woche von der Behinderteneinrichtung »Maiski Zwetok« (Maiblümchen) aus ihrer Wohnung abgeholt wird, ist sie ganz steif. Zwei Freiwillige vom Deutsch-Russischen Austausch setzen sie wie ein kostbares, lebendes Paket in den Minibus und schnallen sie an. »Aaaaaah. Aaaaaah!« Ihren Kopf kann sie nicht bewegen, aber ihre Augen. Die Fahrt geht los – Häuser, Baustellen, die Brücke über den Sosh, Trolleybusse, Liebespaare, Hunde, Katzen, Straßenfeger, Bäume – »Aaaaaah« –, Kinder, Laster, Litfaßsäulen, Marschrutkas, Fabriken, eine leere Chip-Tüte – alle ziehen sie an Nastjas Augen vorbei, und Nastjas Augen nehmen sie auf.
Aktuelle Ausgabe: 22.05.2012
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