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Von Günter Queißer 02.03.2009 / Wirtschaft

Wie frisch ist Frischmilch?

Lange Wege von der Kuh zum Kunden sind voller Tücke

Seit Wochen gibt es erregte Debatten um die Frischmilch. Das Angebot in Supermärkten geht zurück, bei Aldi, Lidl und Penny wird sie nicht mehr verkauft. Kunden, die auf gesunde Ernährung achten, greifen gern zur Frischmilch. Statt dessen finden sie neuerdings ESL-Milch – das steht für Extended Shelf Life (lange Haltbarkeit), und die beträgt bis zu vier Wochen.

Viele Kunden fühlen sich getäuscht. Rohmilch, wie sie aus dem Kuheuter kommt, wird erhitzt, um Keime abzutöten und die Milch haltbarer zu machen. Damit verschwinden aber auch wertvolle Vitamine aus der Milch. Frischmilch wird maximal auf 75 Grad erhitzt und hält dann fünf bis sieben Tage, ESL-Milch auf 127 Grad und H-Milch, allerdings nur kurz, auf 135 Grad. Die längere Haltbarkeit ist vor allem für den Handel von Vorteil. Die Packungen können länger im Regal stehen, das Risiko, verdorbene Ware entsorgen zu müssen, ist geringer.

Dringend erforderlich ist tatsächlich eine einheitliche und vor allem eindeutige Kennzeichnung. Milchindustrie und Einzelhandel sollen, so die Bundesagrarministerin Ilse Aigner, eine Selbstverpflichtung dazu eingehen. Ob allerdings der für ESL-Milch vorgesehene Zusatz »länger frisch« den Verbraucher klüger und vor allem sicherer macht, ist zu bezweifeln. Verbraucherorganisationen fordern dagegen eine verbindliche Verordnung.

Was einem Etikett auf der Milchtüte nicht zu entnehmen ist, sind die langen Umwege, die der Milch von der Kuh bis zum Verbraucher zugemutet werden. Sie sind nicht nur unwirtschaftlich und klimaschädigend, sondern können auch die Qualität der Milch beeinflussen. Je länger Milch transportiert, dabei gekühlt und je höher sie erhitzt werden muss, um so mehr verliert sie an Vitaminen. Das haben Laboruntersuchungen ergeben. Das Klügste wäre, auf Transporte über Hunderte von Kilometern zu verzichten, die Milch in der Region zu verarbeiten und bei dieser Gelegenheit der wachsenden Nachfrage nach Biomilch gerecht zu werden.

Der Bedarf in der Berlin-Brandenburger Region dafür liegt bei jährlich 26 Millionen Litern, kann aber nur zu einem Fünftel durch Produkte aus der Region gedeckt werden, wie eine Studie des Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung ergeben hat. Der große Rest kommt irgendwoher. Dabei würden die Brandenburger Biokühe ausreichen, um 20 Millionen Liter Milch zu liefern. Nur fehlt es an der entsprechenden Infrastruktur für die Verarbeitung. Hier liegt ein enormes Potenzial brach, das eine Menge Arbeitsplätze schaffen könnte. Es hätte längst genutzt werden müssen.

Im Ökodorf Brodowin ist man nun dabei, die Verarbeitungsmöglichkeiten zu verbessern. Eine neue Halle kann allerdings erst 2010 in Betrieb gehen. Die Hofmolkerei Münchehofe will noch in diesem Jahr beginnen, in einer »Gläsernen Molkerei« 15 Millionen Liter Milch der umliegenden Biobauern jährlich zu verarbeiten. Die strukturellen Defizite kann man nicht den Ökobetrieben anlasten. Hier ist die Politik gefordert, Fördermittel für mittelständische Verarbeitungsbetriebe locker zu machen. Außer Allgemeinplätzen war aber von Politikern bisher wenig Praktikables zu vernehmen – weder aus Brandenburg noch aus Berlin.

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