Nicht nur in den Vereinigten Staaten sind die modernen Jobnomaden – ungefähr elf Millionen in Südamerika geborene Latinos arbeiten derzeit prekär in den Vereinigten Staaten – die ersten Opfer der Krise. Auch in Spanien, wo schätzungsweise 1,8 Millionen Männer und Frauen aus den ehemaligen Kolonien des Überseekontinents ihr Glück versuchen, stehen heute hunderttausende Auswanderer vor dem wirtschaftlichen Aus.
Laut einem Bericht des US-Migrantenverbandes Pew Hispanic Center betrifft die bevorstehende Entlassungswelle in den USA vor allem die schwächste und am wenigsten organisierte Arbeitergruppe der Lateinamerikaner. »Der Abbau von Arbeitsplätzen, der zur Zeit von der Wirtschaft angekündigt wird«, bereite Anlass zur großen Sorge. Der Bausektor werde dabei »der am meisten betroffene Bereich von Jobverlusten für die Hispanos« sein, schlägt der Bericht Alarm. Seit Beginn der US-Rezession Ende 2007, die laut US-Präsident Barack Obama »die Schlimmste seit der Großen Depression« von 1929 sei, wurden landesweit bisher rund 3,6 Millionen Stellen abgebaut – Tendenz steigend. 2008 verloren über eine halbe Million Arbeiter der insgesamt 44 Millionen US-Amerikaner mit lateinamerikanischen Wurzeln ihren Arbeitsplatz. Die Arbeitslosigkeit ist bei dieser Gruppe auf fast zehn Prozent angestiegen, vier Prozent mehr als noch vor einem Jahr.
Ein ähnlich schwarzes Bild bietet sich den Immigranten in Spanien, das in den letzten Jahren noch vor den USA zum Einwandererland Nummer eins aus Lateinamerika geworden ist. Ecuador, Kolumbien, Argentinien, Bolivien und Peru stellen hier die größten Exilgemeinschaften. Und wieder sind sie als Erste an der Reihe, wenn es um Entlassungen geht. Allein im Februar 2009 hat die spanische Wirtschaft der Wirtschaftskrise wegen über 200 000 Stellen gestrichen, im Januar waren rund 3,3 Millionen Menschen ohne Arbeit. Verrichteten vor der Krise vor allem Immigranten die am schlechtesten bezahlen Tätigkeiten, so werden heute wieder Einheimische bevorzugt.
Doch sind von den Entlassungen und neuer Konkurrenz nicht nur die Billiglohnkräfte vor Ort betroffen: Rund 15 Prozent der verdienten Einkünfte werden per gebührenpflichtiger Geldsendung (zwischen vier und zwölf Prozent des versendeten Betrages) an die Familien der Gastarbeiter in deren Ursprungsländer geschickt. Jüngste Zahlen der Interamerikanischen Entwicklungsbank (BID) beziffern die jährlich aus den USA gen Lateinamerika verschickten Dollars auf 40 Milliarden, was der jährlichen Wirtschaftsleistung Ecuadors entspricht. Weitere 27 Milliarden US-Dollar kommen aus Europa und Asien. Damit sind die Arbeits-immigranten eine der stärksten Einkommensquellen Lateinamerikas überhaupt.
Und so leidet der an die Geldsendungen gewohnte Kontinent am derzeit starken Rückgang von Überweisungen aus der Ferne. Während die Einwanderer in Krisenzeiten laut BID »den Job wechseln, mehr arbeiten, mehrere Arbeiten gleichzeitig annehmen und weniger für sich selbst konsumieren, um das Geld nach Hause schicken zu können«, kämpfen die an Devisen gewöhnten Familien in der Heimat mit dem Überleben. Ecuador, das fünf Prozent seines Bruttoinlandsproduktes durch die Überweisungen bestreitet, verlor in den ersten zwei Monaten 2009 28 Millionen Dollar. Bolivien, wo die Überweisungen zehn Prozent des BIP ausmachen, verlor zwölf Prozent, Mexiko ebenfalls, Guatemala büßte acht Prozent der bisherigen Transfers ein.
Die Einwanderer sind für die reichen Länder des Nordens billige Arbeitskräfte, die wegen häufiger »Illegalität« und hoher Konkurrenz nur selten Kündigungsschutz, Krankengeld oder Sozialversicherungen einklagen. Das hohe Wohlstandsgefälle zwischen den Entwicklungsländern sowie Europa und den USA sorgt trotz teils unmenschlicher Arbeitsbedingungen und minimaler Stundenlöhne in Haushalten, Baustellen und landwirtschaftlichen Betrieben für einen ununterbrochenen Ansturm Arbeitssuchender aus dem Ausland. Auf lange Sicht wird auch die Krise daran wenig ändern.
Aktuelle Ausgabe: 22.05.2012
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