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Von Nicolaus Schütte 04.03.2009 / Berlin / Brandenburg

Dem Zeitgeist eine kleben

Street-Art-Künstler »SP38« irritiert mit Mischung aus Graffiti und Kalligrafie

»Es lebe die Krise« plakatiert der Künstler »
»Es lebe die Krise« plakatiert der Künstler »SP38«

Banken gehen pleite, der Mittelstand verliert sein Vermögen, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit sind die Folgen. »Vive la Crise« (»Es lebe die Krise«) plakatiert ein Straßenkünstler gegen den Zeitgeist. Sein Name »SP38« ist eine Anspielung auf ein gleichnamiges Waffenmodell, das in zahlreichen Comics und Krimis vorkommt. Überall zwischen Alexanderplatz und Invalidenstraße sind seine Botschaften, eine Mischung aus Graffiti und Kalligrafie, zu finden.

Er habe »weder Erwerbseinkommen noch Geld«, was könne ihm da die Krise schaden, so SP38. »Wir müssen nicht depressiv werden.« Wer jetzt schon arm sei, für den würde sich durch die Krise nicht viel verändern. Mit Kleistereimer und Plakaten ausgerüstet, sieht er in seiner schwarzen, mit Farbe befleckten Jacke wie ein Vogelfreier aus – ein Outlaw. Doch aus der Nähe betrachtet, ist er ein etwas schüchterner und dennoch offenherziger Typ.

Anfang der neunziger Jahre hatte er damit begonnen, seine Bilder in das Stadtbild zu kleben. Dann ist er dazu übergegangen, seine Slogans auf Plakate zu schreiben und diese an Hauswände zu kleistern. Klassisches Graffiti allerdings sei nicht sein Stil. Papier und Kleber seien »nicht so aggressiv und eher vergänglich«. Hinsichtlich des Kleinkrieges zwischen Sprayern und Polizei meint er: »Ich habe keine Lust auf dieses langweilige Spiel«. Mit der Polizei gebe es, bis auf gelegentliche Passkontrollen, keine Probleme.

Mit seinem Fahrrad fährt er seit Jahren durch die Stadtviertel seiner Wahlheimat Berlin. Der Franzose ist in einer Kleinstadt der Normandie in der Nähe des Meeres aufgewachsen und hat an einer privaten Hochschule Kunst studiert. 1995 zog er dann von Paris nach Berlin. An den leuchtenden Farben seiner Bilder kann man den Einfluss von Andy Warhol erahnen. Eine lebendige, meist politische Ironie schwingt in seinen Slogans: »Everyone is a terrorist«, »No Propaganda« oder »Legalize Paranoia«. 2005 kreierte er den Slogan »Vive la Bourgeoisie«.

»Ich bin fertig mit Mitte, diesem Reichenghetto«, so der enttäuschte Künstler. Der Rosenthaler Platz habe sich verändert. Die »Fleischerei«, die ein Tonstudio, eine Druckerei und eine Galerie beheimatete, sei verschwunden. Der Sexshop sei ebenfalls weg, und nun habe auch der Buchladen an der Ecke geschlossen. Dafür prägten den Platz jetzt zwei neue Hotels. »Who kills Mitte?« fragt er auf seinen Plakaten. Früher sei Berlin »einzigartig« gewesen. Heute würde es durch die »Invasion des Kapitalismus« zunehmend seine Unterschiede zu anderen Metropolen verlieren. Und SP38 kennt viele Städte. Spuren seiner Street Art hat er in Paris, Dresden, Jena, Bristol, Sarajevo, Seoul, Montreal, Helsinki und anderen Städten hinterlassen. »GlobARTisation« nennt er das.

Das neueste Projekt von SP38 entsteht anlässlich des Berliner Poesie-Festivals »Printemps des Poètes« vom 2. bis 15. März. Jeden Tag plakatiert SP38 einen Slogan. Nach den zwei Wochen soll sich daraus ein Text ergeben.

Aber Künstler sind ebenfalls von Gentrifizierung betroffen. »Vielleicht bin ich ein Opfer meiner eigenen Plakate«, so SP38. Denn auch er muss aus seinem Atelier in der Invalidenstraße ausziehen. Den Prozess gegen den Eigentümer, der die Wohnung renovieren will, hat er verloren. Aber das Leben geht weiter, seit drei Monaten hat er ein Baby. Sein neuester Slogan ist denn auch ein Geschenk an seine Tochter: »It’s a girl«.

www.sp38.com

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