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Von Caroline M. Buck 05.03.2009 / Kino & Film
Film

Der Racheengel

Gran Torino von Clint Eastwood

Er grollt, er zürnt und verachtet: Für seine Mitmenschen hat Walt Kowalski nur ein schmallippiges Knurren aus der Tiefe seines Brustraums übrig. Für seine verwöhnte Enkeltochter, die mit barem Bauchnabel zur Beerdigung ihrer Großmutter erscheint und in der Kirche gelangweilt mit dem Handy spielt. Für den Grünschnabel von Priester, der von der Kanzel über Tod, Leben und sonstige Mysterien schwadroniert und, ganz Mann der Neuen Welt, jeden Gesprächspartner gleich mit dem Vornamen anspricht. Für seine eigenen Söhne, die – ausgerechnet! – japanische Autos fahren und nie den richtigen Ton treffen, wenn sie den Vater besuchen. Und für die Hmong-Familie sowieso, die in das Nachbarhaus in Detroits Arbeitervorort Highland Park einzog.

Walt Kowalski ist ein grummelnder, fluchender, zähnefletschender Veteran. Ein Veteran der Autoindustrie aus den Zeiten, als sie noch Zehntausenden Lohn und Brot gab in Detroit und ganze Stadtviertel für die Ford-Angestellten gebaut wurden. Und ein Veteran des Korea-Krieges, aus dem er sein Gewehr, einen Orden und hartnäckig nagende Schuldgefühle mitbrachte. Ein Patriot, der selbstverständlich im Vorgarten Flagge zeigt, ein Mann der Disziplin, der Selbstgenügsamkeit und Zielstrebigkeit hochhält, ein Verächter der wertevergessenen, spaßorientierten Konsumgesellschaft. Ein Arbeiter und Handwerker, der das titelgebende Ford-Modell, Baujahr 1972, nicht nur in seiner Garage hegt und pflegt, sondern einst auch selbst fertigte. Und ein unbelehrbarer Raucher, der sich mit den blutigen Vorboten seiner Sterblichkeit konfrontiert sieht.

Walt Kowalski ist der erste Leinwandauftritt von Clint Eastwood seit »Million Dollar Baby«, und lange hat man keinen Schauspieler so voll Inbrunst knurren hören. Die schnörkellose Erzählweise von »Gran Torino« ist früheren Eastwood-Filmen näher als der polierten Oberfläche seines jüngsten Regiewerks, »Der fremde Sohn«. Und wenn das Drehbuch von Debütautor Nick Schenk ursprünglich nicht für Eastwood geschrieben wurde, gewinnt der fertige Film doch erst durch das filmhistorische Echo an Tiefe, mit dem Eastwoods ikonische Interpretationen amerikanischer Männlichkeit es hinterlegen, vom namenlosen Schweiger, den er für Sergio Leone spielte, bis zum Racheengel »Dirty Harry« Callahan.

Eastwood hat sich davor verwahrt, seine Macho-Helden als typisch amerikanisch bezeichnen zu wollen. Trotzdem ist die Selbstverständlichkeit, mit der in »Gran Torino« nach der Waffe gegriffen wird, für einen zum Respekt vor dem Gewaltmonopol des Staates erzogenen Europäer erst mal verstörend. Walt Kowalski zückt die Waffe, als der Halbwüchsige von nebenan von seinem kriminellen Cousin gedrängt wird, den Gran Torino zu stehlen. Und er zückt sie erneut, als die Bande des Cousins den Jungen zwangsweise für die Illegalität rekrutieren will und sich dabei in seinen Vorgarten verirrt. Schlitzaugen auf seinem Grund und Boden? Niemals.

Für die Nachbarn wird er mit seiner Geste zum Helden. Der Junge muss mit handwerkelnder Nachbarschaftshilfe unter Walts unwilliger Anleitung seinen Diebstahlversuch wiedergutmachen, die ganze Hmong-Großfamilie versorgt den Witwer fortan mit Delikatessen Nur die grantelnde Hmong-Großmutter steht dem Nachbarn in punkto brummelnder (aber bald nicht weiter übersetzter) Beschimpfungen von Veranda zu Veranda in nichts nach.

Weil Kowalski ein Mann klassischer Rollenmuster ist (also nicht selbst kocht), ist er nach dem Tod seiner Frau anfällig für die Verlockungen abwechslungsreicher Kochkunst. Und weil er ein Mann mit Gerechtigkeitsgefühl ist, wird er nicht nur unmerklich zum Mentor für den Jungen, sondern bald auch zum Beschützer des Mädchens. Die Migranten nebenan mögen Schlitzaugen haben, aber wenn sie strebsam und anstellig sind, sind sie Amerikaner – ganz anders als die Gangs, ob afro-amerikanisch oder Hmong, die Mädchen an Straßenecken auflauern und halbwüchsige Jungs unter Gewaltandrohung zum Stehlen bewegen.

Ein Feldzug gegen die Political Correctness ist der Film trotzdem. Das interkulturelle Miteinander im Schmelztiegel Amerika – und in der Arbeiterstadt Detroit im Besonderen – bringt Kowalski seinem Schützling bei, indem er ihn zu seinem italienischstämmigen Barbier mitnimmt, mit der er stets zutiefst rassistische Beschimpfungen austauscht, wie das in rauen Männerfreundschaften eben so ist. Die unweigerliche Eskalation der Gewalt aber, die Walt mit seinem Widerstand gegen die Vorstadtbanden in Gang setzt, endet mal nicht mit einem Blutbad, sondern mit einem grandiosen Moment der Sühne. Ein Mann übernimmt Verantwortung für Leben und Tod: den seinen, und das der anderen.

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