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Von Wolfram Adolphi 11.03.2009 /
Literaturbeilage Leipziger Buchmesse

Nur ein Hinweis

DIE TRAGIK DES MIRKO BEER

Was soll ich unseren Eltern, Schwestern sagen, die in Belgrad von den faschistischen Ungeheuern gequält werden, wo ihr einziger Sohn, unsere Fackel geblieben sei? Was soll ich den Genossen sagen, die ihn so gut kannten als einen vorbildlichen Kommunisten und idealen Menschen?« Die das fragt, ist Margit Beer, Schwester des Mirko Beer. Und dem sie diese Frage stellt in ihrem verzweifelten Brief vom 7. Mai 1943, ist Stalin, und der wird ihr nicht antworten. Am 4. August 1942 schon haben seine Schergen des NKWD Mirko Beer erschossen, erst am 7. April 1943 hat Margit Beer vom Tode ihres Bruders erfahren – »gestorben« sei er in der Lagerhaft –, und noch lange wird im Dunkeln bleiben, dass Mirko Beer, an der Unfallklinik im Moskauer Sklifassovski-Institut beschäftigter Arzt, am 9. Juli 1941 verhaftet worden ist – auf den »Hinweis« einer Bibliotheksmitarbeiterin hin, die ihn, den eng mit der Komintern verbundenen Vielsprachler, bei dem »Verbrechen« beobachtet hat, in »unterschiedlichen, teils unverständlichen Sprachen« mit Ausländern zu sprechen.

Die (Ost)Berliner Historikerin Ulla Plener hat seit 1990 schon viele Lebensgeschichten von Kommunistinnen und Kommunisten, Antifaschistinnen und Antifaschisten dem Vergessen entrissen. Erinnert sei hier nur an ihre Biografie des Max Hoelz, ihre »Frauen aus Deutschland in der französischen Résistance« und an das gemeinsam mit Natalia Mussienko zusammengestellte Werk »Verurteilt zur Höchststrafe: Tod durch Erschießen« über Opfer des Großen Terrors in der Sowjetunion 1937/38. Mit ihrer Mirko-Beer-Biografie nun ist ihr ein weiteres eindrucksvolles Porträt gelungen. Gestützt auf überaus reiches Foto-, Faksimile- und Dokumentenmaterial zeichnet sie den Weg eines außergewöhnlichen Mannes, der, 1905 in einer ärmlichen ungarischen Familie jüdischen Glaubens in Jugoslawien nahe der ungarischen Grenze geboren, in Wien Medizin studiert, in Berlin praktiziert und 1932 mit 27 Jahren in der festen Überzeugung, dem Aufbau der Sowjet-union und des Kommunismus dienen zu können, nach Moskau geht. Dort trifft er die Hamburger Schauspielerin und Fotografin Gerda Schneuer wieder, gründet mit ihr eine Familie, macht sich als Mediziner mit Untersuchungen über den angeborenen Klumpfuß einen Namen, geht als Freiwilliger in den Spanienkrieg 1936-1939, gehört dort zu den führenden Köpfen des Sanitätswesens und muss nach überstandener Internierung in Frankreich in Moskau erleben, dass er zwar arbeiten und publizieren kann, die sowjetischen Behörden jedoch an seinen ganz besonderen Erfahrungen kein Interesse haben. Und schließlich dann, wenige Tage nach dem Überfall Deutschlands, der verhängnisvolle »Hinweis«.

Die Bücher von Ulla Plener sind etwas Besonderes auch wegen der Biografie der Autorin selbst. Sie ist Tochter einer Résistance-Kämpferin, hat ihre Kindheit im sowjetischen Kinderheim Ivanovo verbracht und bewahrt ihre Verbindung mit ihren sowjetischen bzw. russischen wie auch aus vielen anderen Ländern stammenden Mitschülerinnen und Mitschülern bis heute. Sie weiß, wovon sie schreibt. Weiß nicht nur vom tragischen Ende so vieler, sondern auch von deren Antrieben, Motivationen, Überzeugungen, von Lebenslust und Zweifeln, Glück und Zusammenbruch, und sie schreibt davon mit Herz und berührender Anteilnahme.

Ulla Plener: Mirko Beer. Biografie in Dokumenten. NORA. 265 S., geb., 22 EUR.

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