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Von Claus Dümde 12.03.2009 / Inland

Wahl-Rezepte statt Analyse

SPD-Politiker will krankes Gesundheitssystem mit der FDP kurieren

Prof. Dr. med. Karl Lauterbach, bis zum Einzug in den Bundestag 2005 Chef eines Gesundheitsinstituts der Uni Köln, hat ein halbes Jahr vor der Wahl ein neues Buch präsentiert: »Gesund im kranken System«.

Er habe, so der Autor vor Journalisten, dieses Buch, das »politische Analyse und fachliche Expertise« verbinde, geschrieben, weil er immerzu, bei Sprechstunden im Wahlkreis von Bürgern wie im Bundestag von Kollegen, um Rat gebeten werde, was bei Krankheiten getan werden kann, wie man einen guten Arzt, ein gutes Krankenhaus finden kann. In seinem Buch gibt sich der strahlende Mann mit der weinroten Fliege auf dem Cover wie gewohnt als unerschrockener Kämpfer, der sich mit allen anlegt, schonungslos die Wahrheit ausspricht. Erneut diagnostiziert er aufgrund unbestreitbarer Fakten eine »Zweiklassenmedizin« im deutschen Gesundheitssystem, behauptet zugleich, es sei »deutlich schlechter als sein internationaler Ruf«, bei der Krebsbehandlung »allenfalls Mittelmaß« und befindet: »… je schwerer die Krankheit, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie in Deutschland optimal versorgt würde«.

Als Gründe dafür führt der Autor viele »Krankheiten« an: fehlende Vorbeugung, Unterversorgung mit Hausärzten, mangelnde Spezialisierung, mangelhafte Fortbildung der Mediziner sowie fehlende Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen und Klinik-Ärzten. Es fehle »an Spezialisten für viele Bereiche«. Diese erhielten zwei- bis dreimal so viel Geld für die Behandlung privat Versicherter als von Kassenpatienten mit der gleichen Krankheit. Da nur Privatpatienten von Krankenhausärzten auch ambulant behandelt werden dürften, »stehen für die 10 Prozent der privat Versicherten doppelt so viele Spezialisten zur Verfügung wie für die 90 Prozent der gesetzlich Versicherten«, konstatiert der Autor. Eine solche Diskriminierung gebe es in keinem anderen europäischen Land und sie sei durch nichts zu rechtfertigen.

Stimmt. Aber warum hat die SPD – von 1966 bis 1982 und seit 1998 wieder Regierungspartei im Bund –, die 23 Jahre lang die Gesundheitsministerinnen und 21 Jahre lang die Bundeskanzler stellte, diesen Skandal nicht längst beseitigt? Die Frage stellt Lauterbach nicht. Politische Analyse? Kaum. Pointiert beschreibt Lauterbach Symptome eines kranken Systems, in dem auch Gesundheit eine Ware ist. Bevor er im Schlusskapitel »Therapievorschläge« formuliert, die zwar oft einleuchtend sind, aber angesichts der politischen Machtverhältnisse utopisch anmuten, verteilt der Mediziner gute, zumindest gut gemeinte Ratschläge. Etliche zeigen freilich, wie weit weg er vom Leben seiner potenziellen Wähler in Köln-Mülheim und Leverkusen ist. Etwa, wenn er vor zu hohem Blutdruck- und Cholesterinwerten und daher vorm Rauchen warnt, aber auch vor Fleisch und Wurst, Vollmilch und Produkten daraus sowie wegen gefährlicher »Transfette« generell vor Backwaren. Selbst mehr Kartoffeln, Nudeln, Reis oder Brot sollte man stattdessen nicht essen, rät der Herr Professor. Er empfiehlt Fisch, vor allem Lachs und Thunfisch, Früchte und Gemüse, auch täglich ein bis zwei Glas Rotwein oder zwei Bier, vor allem aber bestes Olivenöl, weil es zehnmal so viele Polyphenole enthält als billigere Öle.

Ähnlich volksnah der Tipp, als Kassenpatient keinesfalls auf eine Zusatzversicherung für die Chefarzt-Behandlung im Krankenhaus zu verzichten – denn »in der Großen Koalition konnten bisher nur kleine Maßnahmen eingeleitet werden, die auf eine Überwindung der Zweiklassenmedizin zielen.« Welche, verschweigt er diskret. Ebenso, dass die Zusatzpolice je nach Alter rund 30 bis knapp 100 Euro pro Monat kostet, aber allen verwehrt bleibt, die zu nahe am Rentenalter sind oder bei der obligatorischen Gesundheitsprüfung ein zu großes Risiko befürchten lassen.

Lauterbach wirbt für sich und die SPD mit einer »Bürgerversicherung, die für alle Bürger eine Versorgung auf hohem Niveau garantiert«. Das heutige kranke System »ließe sich relativ gut reparieren, in einer Legislaturperiode«. Es werde kippen, wenn »wir das in der Ampel mit FDP und Grünen umsetzen«. Hatte er der FDP nicht bisher »Populismus, Niveaulosigkeit und Herzlosigkeit« in der Gesundheitspolitik attestiert und ihr vorgeworfen, Privatisierung sei alles, was sie zu bieten habe?

Karl Lauterbach: Gesund im kranken System. Ein Wegweiser. rowohlt Berlin 2009. 224 S., br., 16,90 €.

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