Im Ungarischen kennt man den stoßseufzerhaften Trostspruch »Kopf hoch, so schlimm wie bei Mohatsch wird's schon nicht kommen!« Mit Mohatsch, der südlich gelegenen Stadt an der Donau, verbindet sich ein schicksalhaftes Ereignis in der Geschichte Ungarns. Hier erlitt das Heer der Madjaren im Jahre 1526 in der Schlacht gegen die Türken eine vernichtende Niederlage. Der Dresdner Schriftsteller Norbert Weiß, Herausgeber der seit 2000 zweimal jährlich erscheinenden Literaturzeitschrift »Signum«, war jedoch weniger auf diese Historie aus, als ihn im vorigen Jahr eine Reise in diese Gegend führte. Es war vielmehr die Recherche für den Exkurs »Neuere ungarndeutsche Literatur«, die den Anlass dazu gab, publiziert und nachzulesen in einem »Signum«-Heft. Nicht nur, dass die von ihm zusammengetragenen Textbeispiele von zehn Autoren eine erstaunliche literarische Vielfalt dokumentieren. Sichtbar wird auch, wie es der jahrzehntelang drangsalierten ungarndeutschen Minderheit gelang, dem mit dem drohenden Sprachverlust einhergehenden Identitätsverlust Einhalt zu gebieten.
Aber auch für das eigene poetische Schaffen vermochte Norbert Weiß aus seinem Studienaufenthalt Gewinn zu ziehen. Den Beweis liefert der Gedichtzyklus »Nahe Mohatsch. Eine Spätsommerreise«, der in jenen Wochen entstand. In annähernd zwanzig Gedichten hält er die Begegnung mit Land und Leuten in bildkräftiger Unmittelbarkeit und Konkretheit fest. So auch die erste Begegnung mit Fünfkirchen (Pésc): »Und als mit einem Mal die Stadt auftauchte/ Ganz unerwartet hinterm Hügel/ Der Dom sich vierfach in den Himmel krallte/ Die alten Mauern in den Hang sich duckten ...«
Es sind oft abseitige Orte »mit dem Laub in den Bäumen, das zaghaft sich mit den Farben des Herbstes verbündet«, die solcherart ins Bild rücken, intensiv erfasste kleinstädtisch-ländliche Interieurs und stimmungsgenaue Momentaufnahmen, eine Landschaft mit einer bewegten Geschichte, die bis ins Heutige reicht. Hier blühen die Trachten, hier pulsiert ein südländisch anmutender Alltag mit Kiosk und Café, erfüllt mit dem heutigen Turbulenzen und Idyllen, als habe die Zeit ihr eigenes Maß. Schöne Zurückgezogenheit, einfach nur auf einem Stuhl im Hof zu sitzen und der Katze was zu flüstern. Oder unterwegs zu Attila József zu sein. Verse, bald langzeilig ausschwingend, bald voller knapper Prägnanz und strophischer Strenge. Gedruckt ist der Band mit der San Marco Handpresse, die jedem Gedicht seinen Atemraum gibt – eine bibliophile Kostbarkeit, mit einem feinsinnigen Holzschnitt von Peter Marggraf.
Norbert Weiß: Nahe Mohatsch. Eine Spätsommerreise. Gedichte. San Marco Handpresse. 30 S., 72 EUR.
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