Von Hans-Dieter Schütt
23.03.2009

Den Freund lieben, den Feind hassen lernen?

Krupp, Krupp und Krause und der deutsche Fernsehroman

Günther Simon und Angelica Domröse? Natürlich ist dies das falsche Bild, aber man ist ja schneller im falschen Film, als man denkt! Jetzt läuft im ZDF »Krupp – eine deutsche Familie«, und wer die DDR einigermaßen lang erlebte, mag unwillkürlich an »Krupp und Krause/ Krause und Krupp« (1969) denken, den Fünfteiler von Gerhard Bengsch (Buch) und Horst E. Brandt/ Heinz Thiel (Regie). »Es wird das raffiniert gewobene Netz der Konzerngewaltigen sichtbar, in dem die Menschen zappeln. Wieder einmal konnten wir durch Kunst unser Gewordenseins überschauen, wurde für unsere Jugend sichtbar, wie sich die Arbeiterklasse als Sieger der Geschichte entwickelte.« So »Neues Deutschland« damals. Fernsehen nach dem berüchtigten Kulturplenum der Partei 1965.

Und doch: Es begannen Jahre des großen Fernsehromans, damit nicht nur der Regisseure, sondern auch der Autoren. Im Osten Fallada- und Feuchtwanger-Verfilmungen, dann »Wege übers Land«, »Daniel Druskat«, »Meister Falk«, später »Broddi«, die Arnold-Zweig-Romane. Auch im Westen ein TV-Literaturschub: »Der Stechlin«, »Bauern, Bonzen und Bomben«, vieles, was mit NDR-Fernsehspielchef Dieter Meichsner verbunden bleibt. Eine Zeit der filmischen »Straßenfeger«, und dies in der DDR sogar trotz der politischen Aufgeladenheit, die vom Fernsehen ausging – Missmut über den parteierzieherischen Duktus löste sich vielfach auf in der Freude übers Spiel hervorragender Schauspieler. Es ging, noch im Agitprop, um Entwürfe vom Leben, in die man so oder so verwickelt war. Man ließ sich verwickeln.

Der Fernsehroman ist mit den Jahren befreit worden von seiner pädagogisch welterklärenden Spannweite. Er kehrte spätestens nach 1989 aus der Epoche heim in die Familie. Fernsehen ist locker, leichtherzig geworden. Der Fokus wurde, wo es um Geschichte ging, vehement auf die Leidenschaft im Privatimen gerichtet. Was in der Entwicklung des Genres zunächst aussehen mochte wie eine neue Rückbesinnung aufs tief verzweigt Romanhafte, es war Auftakt zu Beliebigkeit und Austauschbarkeit.

So hat man auch diesmal, da mit »Krupp« deutsche Geschichte verhandelt wird, den handfesten Eindruck einer Pilcher-Überstülpung. Denn wo der Film von Carlo Rola noch schöner, stimmungssatter, düsterer, dramatischer, tränenreicher, todestheatralischer sein will, alles sehr klavier- und geigen- und arienuntermalt, dort misslingt letztlich die kalkulierte Steigerung; eher fällt alles zurück in die Praxis eines längst routiniert komponierten Emotionalkinos vor bewährt malerischen Kulissen.

Der Fernsehroman jüngerer Zeit, der sich die Berliner Luftbrücke und den Treck der Vertriebenen griff, der in die Rauchtrümmer Dresdens stieg und in die Fluchttunnel unter der Mauer – er hat auch mit dem Familiendrama der Krupps keinen großen authentischen Atem zeigen können. Einerseits ist er eine merkenswerte Antwort auf so manche dröge Geschichts-Schreibung, der man vorwerfen darf, ihr fehle – vor lauter Strukturverliebtheit – das Staunen über den Erfindungsreichtum im Geschehenden, ihr mangele es an Sinn für die oftmals bizarre Mischung der Charaktere, sie sei also nicht wach für die Vielfalt dramatischer Zusammenhänge; kurzum: Geläufige Historienschreibung vermag nicht so zu wirken, dass Anschauung in Anteilnahme umschlägt und Erklärtes stets auch als Erlittenes begriffen wird. Andererseits aber kam vielen groß angelegten Film-Erzählungen, die diese erwähnten Dinge beherzigen (wie nun auch »Krupp«), ausgerechnet der Geist für jenes Geschichtliche, bedrängend Politische abhanden, das doch allem zugrunde liegt.

Das ist er, der Widerspruch: zwischen dem Drang, bewegende Geschichten erzählen zu wollen, und der Not, bei der realen Geschichte bleiben zu müssen, und er hatte mit der »Frau vom Check Point Charlie« bekanntlich seinen bislang peinlichsten Ausdruck gefunden. Davon ist »Krupp« wahrlich viele Gehirne weit entfernt, und doch blieb das Ganze ein Unterhaltungsfilm. Jene fiktionale Suggestion, die aus dem übermächtigen Familiendrama erwächst, schiebt sich über die Chance, in bedrängende Geschichte mehrerer politischer Ordnungen hineingezogen zu werden (obwohl nichts an historischen Stationen der Firmengeschichte ausgelassen wird).

Freilich sorgt jede Zeit dafür, dass noch der bemühtest unideologische Film zum Träger einer Botschaft wird, die der Geist der Zeit in die Erzählung einspeist. »Krupp« gerät gerade jetzt, im akuten Entsetzen über kapitalistische Gier, zum fatal nostalgischen Besinnungsstück: Das Ethos der »Kruppianer« – so die trügerische Magie – bleibt im Film trotz Kaiser und Hitler, trotz Kriegsprofit und also Kriegsverbrechen eine Gesinnung des ehernen Arbeitens zum Wohle vieler. »Die Zeit« nennt das »die Entschuldigungslogik des populären Geschichtsfernsehens«. Es ist, als erwüchse alle Kälte dieser Familie, alle Verfehlung, alles Unglück, alle Feigheit vor der politischen Macht aus einer philosophisch zu nennenden Tragik. Dass nämlich der Mensch, der sich zur höchsten Aufgabe, zum gigantischsten Werk (das hier Krupp-Werke heißt), bekennt, grundsätzlich und unweigerlich ins Schuldige rutschen muss. Aber, erzählt der Film: Einzig dies Prometheische, so leidenschaftlich wie diszipliniert in Gang gesetzt, rechtfertigt den berufenen Menschen. Und weil das so ist, darf noch der brachialst betriebene Kapitalismus der Krupps eine anständige, mythisch aufgedonnerte, in die höhere Warte eingebettete Arbeit sein. Zu bewältigen nur mit Selbstzüchtigung, rigidem Familiendrill, unerbittlicher Staatstreue. Eigenschaften, die nun wieder beschworen werden, da die ökonomisch herrschende Klasse den Luftgeistern der Spekulation und der Selbstbevorteilung verfiel.

»Krupp und Krause« im DDR-Fernsehen war Bild gewordener Ausdruck dessen, was ND-Leser über den Film schrieben: Den Feind hassen – den Freund lieben lernen!« Im jetzigen »Krupp«-Film gibt es zwei kurze, dem entsprechende Szenen in der Villa Hügel und in einer Essener Arbeiterwohnung: Der junge Krupp hatte mit Proletarierkindern Fußball gespielt, im jeweiligen Zuhause erfolgen Ohrfeige bzw. Mahnung, gefälligst unter seinesgleichen zu bleiben. Klassenkampf. Der Dreiteiler dreht inmitten einer grobgestrickten Sozialstruktur von Arm und Reich den Schmerz- und Leidensmotor forciert hoch. Ein politisch fordernder Jahrhundert-Roman, der im 60. Jahr der Bundesrepublik in glühende, dunkle Tiefen des Staats-Wesens blickt – dies unterblieb leider. Dafür ist der TV-Roman nicht mehr zuständig.

Plötzlich, »Krupp« sehend, wächst Neugier auf »Krupp und Krause«. Zwei Filme, zwei Lügen, so käme man wohl einer Wahrheit näher.

»Krupp«: Mo, Mi, ZDF, 20.15 Uhr

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