Von Julian Bartosz, Wroclaw
23.03.2009

Polens Kirche in der Krise

Den Herausforderungen nicht gewachsen

Seit gut vier Wochen wird in den polnischen nichtkirchlichen Medien immer öfter über die »galoppierende Schwäche der Katholischen Kirche in Polen« diskutiert.

Im Grunde genommen ist es eine Debatte zum Thema »polnische Staatsideologie« für – wie behauptet wird – 95 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger. Trotz der verfassungsmäßig verbrieften Trennung von Staat und Kirche ist vielen polnischen Bürgern klar, dass die Kirchenoberen – ungeachtet anders lautender Beteuerungen – das gesamte sozialpolitische und sittliche Leben der Polen beeinflussen wollen.

Das Interesse für das Thema hatte zunächst die bevorstehende 347. Konferenz des Polnischen Episkopats zum Anlass. Die Bischofskonferenz sollte nämlich einen neuen Vorsitzenden wählen. In der Öffentlichkeit wurden lange Zeit zwei Kandidaten favorisiert: der Gdansker Erzbischof Slawoj Glodz, früher oberster Seelsorger der Polnischen Armee, und Kardinal Stanislaw Dziwisz aus Kraków, der Papst Johannes Paul II. 18 Jahre lang als Sekretär gedient hatte.

Die beiden Kandidaten – so hieß es – seien Repräsentanten unterschiedlicher Führungskonzeptionen: Der erste vertritt die »Toruner Kirche«, steht – wie übrigens der Mehrheit seiner Amtsbrüder – dem katholisch-offensiven Pater Rydzyk mit seinem »Radio Maryja« nahe und gilt als starker Mann, der den Amtsbrüdern seinen Willen aufzuzwingen wohl imstande wäre. Der zweite, verbunden mit der »Kirche von Lagiewniki« und erst seit vier Jahren in der heimischen Krakower Diözese tätig, befürwortete tief greifende moralische Änderungen in der kirchlichen Gemeinschaft. Der polnische Katholizismus, schrieb er in »Rzeczpospolita«, befinde sich in »einer Kurve« und dem müsse entgegengesteuert werden.

Gewählt wurde jedoch schließlich für eine neue fünfjährige Amtsperiode mit Vierfünftelmehrheit der bisherige Vorsitzende der Bischofskonferenz, der 68-jährige Erzbischof Józef Michalik. Nach seiner Wiederwahl zeigte sich der konservative Kirchenmann selbst überrascht und »enttäuscht«, denn eigentlich wollte Michalik sich in seine ruhige und fromme ostpolnische Diözese Przemysl zurückziehen.

In einer Analyse der »Gazeta Wyborcza« hieß es daraufhin, die Bischöfe hätten den Stillstand vorgezogen. Kirchenexperten aller großen Wochenschriften bewerteten dieses Konzept in einem Fernsehgespräch als Zeichen der Krise in der Kirche. Sie zeige sich den Herausforderungen der Zeit nicht gewachsen. Während mehr als zwei Drittel aller Polen die künstliche Befruchtung der Eizelle befürworten, mauert die Kirche und spricht von »Kindermord«. Angesichts mehrerer dramatischer Fälle, in denen Mütter nach bis zu 24-jähriger Pflege ihrer zu Hause hoffnungslos dahinsiechenden Kinder für diese ein »Ende des Leidens« erflehen, wird ihnen geraten, das »Tragen ihres Kreuzes« nicht aufzugeben. Als selbst Regierungschef Donald Tusk vorsichtig andeutete, man habe sich dem Thema Sterbehilfe irgendwie zu stellen, sah man darin das »Wirken des Teufels«. Und Abtreibungen dürfen nach dem Willen der Kirche selbst in extremen Fällen nicht vorgenommen werden.

Mit Bedauern nahmen die Bischöfe indessen zur Kenntnis, dass die Zahl der Berufungen in Priesterseminare im Jahre 2008 (insgesamt 953) im Vergleich zum Vorjahr um etwa zehn Prozent abnahm. Diese Tendenz hält seit mehr als zehn Jahren an. Beklagt wurde auch, dass immer weniger Katholiken zur Beichte kommen und das Sonntagshochamt von weniger als der Hälfte der Gläubigen besucht wird.

Was die Öffentlichkeit politisch erregte, war die Forderung der Kirchenfürsten, dass die »Durchleuchtung« (Lustration) von Würdenträgern der Katholischen Kirche endlich aufhören müsste. Der vatikanische Staatssekretär Kardinal Tarcisio Bertone habe die polnischen Bischöfe im Namen Benedikts XVI. wissen lassen, dass eine weitere Untersuchung von Kontakten oder gar Zusammenarbeit mit den »kommunistischen« Sicherheitsdiensten nicht mehr stattfinden dürfe. Ein den Polen nicht bekanntes Dokument der Bischöflichen Historikerkommission biete dafür eine unumstößliche Grundlage. Der durch Nachforschungen und Veröffentlichungen zu diesem Thema bekannte Priester Tadeusz Isakowicz Zielinski nannte dies im Fernsehen »ein großes Risiko« für die Kirche.