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Von Ulrike Gramann 24.03.2009 /

»Herreißend die Zukunft«

HAP Grieshaber im Spendhaus Reutlingen

Grieshaber: Hymne auf Kuba
Grieshaber: Hymne auf Kuba

Das Jahr 2009 verspricht ein HAP-Grieshaber-Jahr zu werden: Mindestens 30 Ausstellungen präsentieren anlässlich seines 100. Geburtstags das Werk. Das Spendhaus Reutlingen zeigt die Ausstellung »Grieshaber und die Moderne«. Der Holzschneider lebte und arbeitete viele Jahre auf der Achalm, dem Reutlinger Hausberg. Hier, im Südwesten Deutschlands, ist sein Werk auch im öffentlichen Raum von ungebrochener Präsenz.

Das Kunstmuseum Reutlingen im 1518 erbauten Spendhaus, erhob den Holzschnitt im 20. und 21. Jahrhundert zum Sammlungsschwerpunkt. Zum Kern der Sammlung gehört ein mehrere hundert Werke umfassender Bestand an Holzschnitten, Malbriefen, Aquarellen, Entwürfen von Grieshaber. Vom Erdgeschoss bis unters Dach werden Werke aus allen Arbeitsphasen präsentiert.

Die frühe Auseinandersetzung mit Chagall, Klee, Feininger, Beckmann zeigt sich in direkten, teilweise überraschend engen Bezügen. Das Motiv der gotischen Reutlinger Marienkirche erscheint neben Feiningers berühmter »Kathedrale« (1922) und Klees »grosser platz in t.« (1928), beiden Künstlern nahe, verwandt. Ein Engel, der auf der Turmspitze die Flügel breitet, Wetterfahnen, die sich als kreiselnde Sonnen vom Kirchendach abheben – Grieshaber konterkariert mit seiner »Marienkirche« (1933/34) die NS-Auffassung der Gotik als »germanischer« Kunst. Da war er bereits mit Berufsverbot belegt.

Grieshaber beschäftigte sich zeitlebens intensiv mit Werk und Figur Picassos. Nicht allein, dass Farbflächen, Brüche und Schwünge in seinen Holzschnitten vielfach an den Spanier erinnern, er widmete ihm mehrere Hommages und stilisierte sich auch selbst als Picasso. Ein Holzschnitt-Porträt von 1972 mischt die Gesichtszüge Picassos mit den eigenen. Auch Max Beckmann beeinflusste Grieshaber, nicht nur durch Grafik, auch durch Malerei. Das zeigt das Gegenüber von Beckmanns »Dame mit Hut und Schleier« (1941) und Grieshabers großformatigem Holzschnitt »Schmerzensbild« (1951). Ohnehin bietet die Ausstellung Gelegenheit, sich an großen Formaten, wie »Männerwald« (1967), und köstlichen Farben, wie in »Herbst der Wilhelmstraßenkrämer« (1970), satt zu sehen. Grieshabers große Themen, Natur und Mensch, Passion und Revolution, Geburt und Tod bringen das große Format zwingend hervor.

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Grieshaber: »Vogelfrei«, 1951

An der Karlsruher Akademie lehrte er 1955 bis 1960 unter anderem Künstler wie Horst Antes und Dietmar Krieg, in deren Arbeit sich Reflexe auf Formelemente und Themen Grieshabers finden. Sie gehören gemeinsam mit ihm einer Richtung an, die sich unter dem Begriff der »Neuen Figuration« versammeln lässt. Mit wichtigen Zeitgenossen, so Jörg Immendorff (Farblinolschnitt »Café Deutschland gut – folgen«, 1983) und Georg Baselitz (»Adler«, 1981/82), werden in der Ausstellung Leitmotive einer kritischen Kunst in der Bonner Republik erkennbar.

Vor allem in späten Jahren schuf Grieshaber auch repräsentative Werke, für Rathäuser, Kirchen. Gleichwohl blieb er engagiert, sich bewusst, in welcher Zeit er lebte. Kubas Revolution widmete er eine Mappe unter dem Titel »Herreißend die Zukunft« (1976). Nicht ohne die Ironie des Zusammentreffens zu empfinden, sieht der Besucher des Spendhauses daneben den Holzschnitt »Die Arbeit geht weiter« (1982) von A.R. Penck.

Dem Wort war Grieshaber als gelernter Drucker tief verbunden. Es erscheint bei ihm als poetische wie politische Chiffre. Die Zeitschrift »Engel der Geschichte«, deren Titel auf Walter Benjamin und Paul Klee Bezug nimmt, entstand seit 1964 in Zusammenarbeit mit Schriftstellern, darunter Heinar Kipphardt. Die letzte reguläre Ausgabe, »Engel der Behinderten«, vollendete Franz Fühmann, testamentarisch darauf verpflichtet, postum 1982. Hier klingt ein Kapitel im Werk Grieshabers an, dem das Spendhaus ab Juli eine eigene Ausstellung widmen wird: »Grenzgänger« – Grieshabers Beziehungen zur DDR und ihren Künstlern.

Spendhaus Reutlingen: Grieshaber und die Moderne. Bis 1. 6., Katalog bei Hatje und Cantz, 192 S., geb., 39,80 EUR.

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