Dass Film etwas zum Anfassen ist, lernte der leidenschaftliche Kinogänger, der 14-, 15-jährige Volker Schlöndorff in der dank eines Bekannten heimlich geenterten Vorführerkabine eines Kinos in der Heimatstadt Wiesbaden. Es gehörte der Freiwilligen Selbstkontrolle der Deutschen Filmwirtschaft (FSK, heute u.a. für die Altersfreigaben für Filme zuständig). Nicht die aufs Prüde getrimmten Filme sind ihm im Gedächtnis geblieben, sondern »die Filmrollen, ... das 35-mm-Zelluloid, die Bildschnipsel und der Acetonkleber mit seinem betörenden Geruch«, schreibt er in seiner Autobiografie, die vor einem halben Jahr bei Hanser erschien. Diese Nachmittage neben den ratternden Projektoren faszinierten den Jungen: »Zum ersten Mal war Film nicht nur Licht, Schatten und Bewegung auf einer Leinwand.«
Hier wie auf dem weiteren Lebensweg von Schlöndorff mischten sich mit Leidenschaft Betriebenes und Zufälliges, ein Hineingezogenwerden. 1939 als Sohn eines Hals-Nasen-Ohren-Arztes geboren, eines anspruchslosen Landarztes, der »Abstand zu den Nazis« gehalten hatte (»alles Proleten«) und das »ebenso wie zu den besseren Kreisen«, floh er aus deutscher Enge der Nachkriegsjahre, wurde Schüler in einem liberalen jesuitischen Internat in Südfrankreich. Dieser Zeit verdankte er die endgültige Weichenstellung zum Film als Beruf. Und die Freundschaft zu einem Pater – ihm sandte er mit der »Der neunte Tag«, einem Drama über das KZ Dachau nach der autobiografischen Erzählung des Priesters Jean Bernard, einen späten Gruß.
Aus der Zeit auf der Jesuitenschule rührt auch die Konfrontation mit einer Frage, die zu stellen im Adenauer-Deutschland nicht opportun, danach noch immer riskant war und ihn lebenslang auf Antwortsuche schickte, ausgelöst von einem Film, Alain Resnais' »Nacht und Nebel« über die KZ-Verbrechen der Nazis: »Wie war das möglich?«, wie konnte es geschehen, dass deutscher Faschismus staatliche Macht wurde, getragen vom größten Teil der deutschen Bevölkerung, und dass das menschenverachtende Gedankengut Anziehungskraft hat bis heute? Diese Frage umkreiste Schlöndorff in fast allen seinen Filmen, vom Debüt »Der junge Törless« über »Die Blechtrommel« bis zum »Neunten Tag«.
Schlöndorffs erste Lehrmeister waren Louis Malle, dem er sich quasi aufgedrängt hatte, und Jean-Pierre Melville. Und als der Deutsche nach Deutschland geschickt worden war, deutsche Geschichten zu erzählen, gehörte er bald zu den »jungen Vatermördern«, die 1962 beim legendären Filmfest in Oberhausen »Papas Kino« den Kampf ansagten. Ihr Manifest richtete sich gegen die verlogenen Streifen des kommerziellen Kinos, des »Schnulzenkartells«, dem die Zuschauer wegliefen. Sie wollten versuchen, frischen Wind in den Nachkriegsmuff zu bringen.
»Um bessere Filme zu haben, brauchen wir eine andere Gesellschaft«, lautete die radikale Forderung. Der »Törless« nach Robert Musils Roman war so ein provozierend neuer Film mit dem Geruch von Freiheit, von Aufbruch und der erste international anerkannte Streifen des jungen deutschen Films um Alexander Kluge, Wim Wenders, Werner Herzog, Rainer Werner Fassbinder und andere.
Literaturverfilmungen wurden das Markenzeichen des leidenschaftlichen Lesers Schlöndorff, der dem Anonymitätsvorwurf begegnete mit: »Man kann sich mit dem Text eines anderen sehr gut selbst erzählen.« Es war mit lebenden Autoren glückliches Zusammenarbeiten: Heinrich Böll (»Die verlorene Ehre der Katharina Blum«, gemeinsam mit Margarethe von Trotta), Günter Grass, Max Frisch (»Homo Faber«), Arthur Miller (»Tod eines Handlungsreisenden«). In den hierzulande angehimmelten Filmolymp kam der Regisseur mit der kraftvollen »Blechtrommel«-Verfilmung, die fast synonym für seinen Namen steht: der erste Oscar für einen deutschen Spielfilm nach dem Zweiten Weltkrieg.
Aus heutiger Sicht und im Vergleich zu anderen Regisseuren selbst seiner Generation muss man allerdings feststellen, Schlöndorff ist von einer (Avant-)Garde, deren Filmästhetik nur als konventionell bezeichnet werden kann. Das Understatement Schlöndorffs, »die Schauspieler sind das Beste an meinen Filmen«, bekommt einen wahren Kern. Herüber weht der Geruch des Fossilen.
Das Beste an Schlöndorff, sagen viele, die ihn kennen, seien seine Uneitelkeit, die Fähigkeit zu Selbstironie. Sanftheit auch. Wenn man ihn reden hört, summt der freundlich-milde Singsang des Rheinischen, der »angeborene Frohsinn«. In den (beruflich nicht recht ergiebigen) New Yorker Jahren Mitte der 80er jedoch bedurfte es, wie er bekennt, des US-amerikanischen »Just do it«, ihn aus Depression, Skrupeln zu reißen. Denn er ist, sagt er, wie »Törless« lieber Beobachter als Macher. Ein charmant selbstzweiflerisches Naturell, das auch vielfach Misslungenes in der so glanzreichen Karriere wegsteckt, mit mehr oder weniger Gelassenheit im Einzelnen.
Als Schlöndorff 1992 als Geschäftsführer (bis 1997) übernahm, was die Treuhand von den DEFA-Studios übriggelassen hatte – ein nicht geplantes Manager-Zwischenspiel, in das er sich verwickeln lassen hatte –, beging er den größten Fehler seines Lebens, wie er die Pause als Filmer später nannte. Heute rühmt er sich, die Studios erhalten zu haben, deren Namen DEFA er anfangs gleich abgeschafft hatte (»er roch nicht gut«), und bekräftigte noch im Dezember vergangenen Jahres in erstaunlicher Unbedarftheit und moralischer Arglosigkeit gegenüber dem in der DEFA Geschaffenen und gegenüber den DEFA-Schaffenden seine Ignoranz. Dem Belesenen, Hochgebildeten ist bis heute der Geruch der Unkenntnis dieses filmhistorischen Erbes eigen.
Volker Schlöndorff hat, nicht zuletzt von seiner Zusammenarbeit mit dem Komponisten Hans Werner Henze her, auch als Opernregisseur gearbeitet, Dokumentarfilme gedreht und setzt jetzt seine Theaterarbeit mit einem deutsch-russischen Projekt fort: Leo Tolstois Drama »Und ein Licht leuchtet in der Finsternis« wird er in Neuhardenberg und in Jasnaja Poljana inszenieren. Ein Stück zur Finanzkrise.
Volker Schlöndorff: Licht, Schatten und Bewegung. Mein Leben und meine Filme. Hanser Verlag. 472 S., geb., 24,90 EUR.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
Preis: 10,80 €
Preis: 75,00 €
Werbung:
Werbung: