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Von Andreas Herbst 02.04.2009 / Literatur
Politisches Buch

Beulen, nicht nur vom Klassenfeind

Die Memoiren des Kommunisten und ersten niedersächsischen Sozialministers Karl Abel

Der junge Karl Abel und der gestandene KPD-Politiker und Parlame
Der junge Karl Abel und der gestandene KPD-Politiker und Parlamentarier.

Im Juli 1963 war es vollbracht. Karl Abel, Schumacher, Bergarbeiter, KPD-Funktionär und von 1946 bis 1948 erster niedersächsischer Sozialminister, hatte seine Erinnerungen zu Papier gebracht. Er hätte sie gerne publiziert, deshalb schickte er über Freunde das Manuskript an das Institut für Marxismus-Leninismus nach Ost-Berlin. Mehrmals erkundigte er sich in den folgenden Jahren danach. Über Walter Bartel ließ er schließlich anfragen, ob nach Weglassung einiger vielleicht kritischer Berichte und Stellungnahmen seine Arbeit nicht doch als Buch über ein Arbeiterleben editiert werden könnte.

Was Abel mit kritischen Berichten und Stellungnahmen meinte, kann man getrost mit dem Spruch umschreiben: »Der Helm eines echten Bolschewiken hat viele Beulen – und nicht alle stammen vom Klassenfeind!« Vielleicht deshalb antworteten die zuständigen Genossen des Parteiarchivs freundlich, aber bestimmt: »Deine Erinnerungen enthalten außerordentlich interessantes und konkretes Quellenmaterial, das für die weitere Erforschung der Parteigeschichte und des antifaschistischen Widerstandskampfes von großer Bedeutung ist ... Sie enthalten außerdem eine Fülle parteiinterner Fragen. Gerade aus diesen Gründen, die Deine Erinnerungen als historisches Forschungsmaterial auszeichnen, sind sie jedoch für eine Publikation nicht geeignet ... Sollte sich zu einem späteren Zeitpunkt einmal die Möglichkeit bieten, evtl. Teile Deiner Erinnerungen für eine Veröffentlichung in Erwägung zu ziehen, werden wir uns selbstverständlich an Dich wenden.« Darauf wartete Karl Abel bis zu seinem Tode vergeblich. Letztendlich verfügte er, dass seine Erinnerungen erst dreißig Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden dürfen.

Wenn diese spannenden Arbeitererinnerungen zu DDR-Zeiten veröffentlich worden wären, was wäre nicht alles der offiziellen Parteigeschichtsschreibung zum Opfer gefallen. Zum Beispiel seine Erinnerungen über die Tätigkeit als hauptamtlicher Parteiarbeiter in Hannover und Bielefeld, seine Einschätzungen über die verschiedenen Strömungen in der KPD und ihre Vertreter innerhalb der Bezirksleitung Hannover. Wer weiß schon, dass Helene Geyer (später unter dem Namen Jenny Matern bekannt) zeitweise der Gruppe der »Versöhnler« in Hannover angehört hatte. Viele Mitkämpfer Abels wären ungenannt geblieben. Auch seine ungeschminkten Berichte über den Lageralltag im KZ Sachsenhausen sowie sein kritisches Resümee zur Arbeit der VVN und einiger ihrer Repräsentanten in der Bundesrepublik Ende der fünfziger Jahre wären sicher weggelassen worden. Heute wäre wohl auch kein Verlag bereit gewesen, diese Erinnerungen, falls zu DDR-Zeiten in Auszügen veröffentlicht, noch einmal unzensiert herauszugeben. Dass Abels Memoiren nun als Band 67 Eingang in die eher lokalhistorischen Studien der Historischen Arbeitsgemeinschaft für Schaumburg gefunden haben, ist bemerkenswert.

1897 in Obernkirchen geboren, trat der gelernte Schuhmacher 1916 in die Sozialistische Arbeiterjugend ein und wurde im selben Jahr zum Kriegsdienst einberufen. Bis 1926 in den heimischen Kohlengruben im Schaumburger Land als Bergmann unter Tage, setzte sich das KPD-Mitglied dann ab 1921 als Kommunalpolitiker und schließlich von 1924 bis 1933 als Abgeordneter im Preußischen Landtag – geprägt von den Kindheitserlebnissen in einer armen Bergarbeiterfamilie – besonders für eine Verbesserung der Lebensbedingungen der am härtesten arbeitenden und ausgebeuteten Bevölkerungsschicht ein. 1933 begann Abels Leidenszeit, die erst zwölf Jahre später enden sollte. In seinen Erinnerungen beschreibt er, wie er von den Nazis verhaftet, misshandelt und bis zur Besinnungslosigkeit gefoltert worden ist. 1938 kam er zum ersten Mal ins KZ Sachsenhausen. Im August 1944 erneut verhaftet, landete er wieder dort, überlebte den »Todesmarsch« Richtung Ostsee und sah im Juni 1945 seine Heimatstadt Obernkirchen wieder.

Er stellte sich sofort für den Wiederaufbau seines Landes zur Verfügung, wurde zunächst Stadtrat von Obernkirchen und Kreistagsabgeordneter der KPD. 1946 wurde er von der britischen Besatzungsmacht in den neuen niedersächsischen Landtag und noch im gleichen Jahr in die erste Landesregierung als Minister für soziale Angelegenheiten berufen. Bis 1951 Landtagsabgeordneter und anschließend aktiv in der Kommunalpolitik in Schaumburg tätig, war er maßgeblich an der Gründung der VVN beteiligt. Mit dem KPD-Verbot 1956 wurden Abel in der Bundesrepublik, trotz aller Verdienste, die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt.

Im Rahmen eines Schülerwettbewerbes des Niedersächsischen Landtages hatten sich Mädchen und Jungen der Geschichtswerkstatt der Herderschule Bückeburg mit dem ersten aus Schaumburg stammenden Minister des Landes Niedersachsen beschäftigt. Seit nunmehr zwölf Jahren erinnert eine Gedenkplakette an Karl Abel in Obernkirchen. Solche Aktivitäten und Publikationen sind erfreulich in einer Zeit, in der Arbeiterwiderstand vergessen zu werden droht.

Als Sozialist und Kommunist unter vier Regimes. Die Memoiren des ersten niedersächsischen Sozialministers Karl Abel (1897-1971). Hrsg. v. Christian Heppner. Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2008. 408 S., geb., 29 EUR.

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