Foto: Robert Michel
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Das Schulgebäude ist ein Wohnhaus und auch sonst weist nichts darauf hin, dass hier in wenigen Monaten Erstklässler das Einmaleins lernen werden. Mit Beginn des Schuljahres 2009/2010 geht in einer Seitenstraße an der Grenze zwischen den Bezirken Friedrichshain und Lichtenberg die Freie Schule Berlin-Friedrichshain an den Start. Sie ist damit eine der vielen privaten Schulneugründungen in der Hauptstadt. Die Schule will absichtlich überschaubar bleiben. Sie ist konzipiert für insgesamt 48 Schüler, verteilt auf acht Kinder pro Jahrgang in zwei jahrgangsübergreifende Lerngruppen. Die Pädagogik rankt sich um die Maria Montessoris und anderer Reformpädagogen, greift aber auch aktuelle Forschungserkenntnisse aus der Lernentwicklung auf. Liest man das Konzept, verspricht das Anleitung und Förderung eines individuellen Lernprozesses: »Die Kinder setzen in offenen Lernformen selbstbestimmte Arbeitsweisen um. Elementare Bedürfnisse des Kindes nach Bewegung, Neugierbefriedigung und Zuwendung stehen an erster Stelle.«
Die Kleinteiligkeit und Überschaubarkeit ist Programm. Dies, so die Macher der Schule vom Jugendhilfeträger Jugendwohnen e.V., erhöhe die Chance auf eine aktive, partizipierende Elternschaft. »Unsere Grundlage ist ein Netzwerk aus Nachbarschaft, Eltern und anderer freien Schulen«, betont die Koordinatorin des Schulprojekts Marion Scheidler, »denn dieses ist erforderlich, weil innerhalb der ersten fünf Jahre vom Berliner Senat überhaupt keine Mittel zur Verfügung gestellt werden.« Auf diese Art erhalte die Schule Lern- und Spielmaterialien wie auch Möbel überwiegend kostengünstig.
Improvisation wird hier großgeschrieben. Zum Beispiel basteln Eltern Lesedosen, bestehend aus Streichholzschachteln, die mit Bildern und Buchstaben beklebt werden und es den Kindern selbst eine Lernkontrolle ermöglichen. Elternschaft und Verein kümmern sich auch zusammen um Sponsoren. Nicht nur Materialien, sondern auch alle im Alltag anfallenden Arbeiten wie Reparaturen, Renovierung oder Unterstützung der Website werden durch dieses Netzwerk aufgefangen. In dieser Kooperation sieht Marion Scheidler denn auch die Chance eines Kompetenzzuwachses für die gesamte Schule. Lebenswelten der Eltern, Lehrer und Schüler gingen auf diese Weise Schnittmengen ein und webten auf diese Weise ein übersichtliches soziales Netz. Die Wege der Konfliktbewältigung sind kurz, die Kinder haben eine überschaubare Zahl von Kontaktpersonen und Erwachsene sind schnell mit Hilfsangeboten zur Seite.
Das Konzept kommt an – die Zahl der Anmeldungen übersteigt die Zahl der freien Schulplätze. »Die Eltern haben bei den staatlichen Schulen Angst vor der Aggressivität auf dem Schulhof, den großen Gruppen und der Anonymisierung der Kinder. Unter solchen Bedingungen kann nicht mehr individuell auf Konflikte eingegangen werden«, begründet Marion Scheidler das schnell wachsende Interesse an ihrer Schule. Sie befürchtet, dass die von Bildungssenator Jürgen Zöllner geplante Sekundarschule in Berlin Gefahr läuft, zu einer besseren Hauptschule zu verkommen.
Wie viele private Ansätze, die vielfach optimale pädagogische Bedingungen aufweisen können, selektiert allerdings auch dieses Projekt. In dem Einzugsgebiet leben bildungsinteressierte Menschen mit Erfahrungen aus alternativen Wohnprojekten und mit höherer Schulbildung. Der Start einer Schule und die ersten Durstphasen erfordern Menschen mit einem »kräftigen Pionierwillen«, erklärt Conny Heyder, Geschäftsführerin von Lebensnah e.V. Anders ausgedrückt: Wem diese Ressourcen fehlen, bleibt ausgeschlossen! Das aber ist an reformpädagogisch geprägten staatlichen Schulen nicht viel anders – auch an diesen leidet durch die Zuwanderung von Schülern aus bildungsnahen Milieus die heterogene Zusammensetzung der Schülerschaft.
In diesem Dilemma gibt es derzeit nur zwei Auswege: Entweder die Politik ringt sich zu einem flächendeckenden Gemeinschaftsschulsystem durch oder die Freien Schulen werden so gefördert, dass sie nicht sozial diskriminierend wirken. Hierfür bedarf es des politischen Zuspruchs und einer angemessenen finanziellen staatlichen Förderung. Doch danach sieht es derzeit nicht aus. So hat der Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, Christian Hanke, gefordert, man soll »Privatschulen außerhalb schwieriger Kieze verbieten« Stattdessen sollten sich »Privatschulen vor allem in sozial schwierigen Gebieten ansiedeln.« Damit aber betritt die Politik ein juristisches Minenfeld. Privatschulen lassen sich rechtlich nicht verbieten, sind sie doch verfassungsrechtlich geschützt. Man sollte sich überhaupt fragen, wozu ein derartiger Eingriff in den Bildungsmarkt dienen soll, ginge es doch bei der Förderung privater Initiativen um die Herstellung einer Chancengerechtigkeit, die durch das Aufrechterhalten des Gymnasiums verhindert wird.
Zur Zeit ist in Deutschland ein öffentlich gefördertes, flächendeckendes privates Schulsystem, wie es beispielsweise die Niederlande und Schweden kennen, unvorstellbar. Insofern ist der dritte Weg, den in Berlin die Linkspartei eingeschlagen hat – sie möchte den Sekundarschulen möglichst viel Elemente der Gemeinschaftsschule zukommen lassen – zu begrüßen. Zu einem grundsätzlichen Paradigmenwechsel kommt es dadurch allerdings nicht. Solange es dieses Schulsystem gibt, solange braucht es reformpädagogische Einrichtungen und damit auch Freie Schulen, die – um mit Reinhard Kahl zu sprechen – als »Treibhäuser der Zukunft« dienen.
Die Autorin ist Erziehungswissenschaftlerin und lebt in Berlin. Im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung hat sie eine Studie zum Start des Pilotprojektes Gemeinschaftsschule in Berlin verfasst.
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