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Von Roberto Becker 06.04.2009 /

Bei den lustigen Brabantern

Staatsoper: »Lohengrin« mit Puppen

Dass Stefan Herheim dem Ende von Richard Wagners »Lohengrin« misstrauen würde, war zu erwarten. Wie sollte auch Elsas kleiner Bruder diesem seltsamen Brabant ein »Führer« sein? Ein Kind an der Spitze einer gerade zu einem Krieg rüstenden Gesellschaft, die einem Wunderritter auf dem Leim gegangen war? Mit seinem Bayreuther »Parsifal« ist Herheim bereits im letzten Jahr als kühner Wagner-Interpret gefeiert worden. Auch kennt man die Vorliebe des Norwegers fürs Marionettentheater.

An der Lindenoper entschwindet der silberfunkelnde Schwanenritter, der seinen Namen doch preisgeben muss, weil Elsa sich nicht an ihren Eid und das geforderte blinde Vertrauen hält, in Richtung Schnürboden. Wie eine Marionette, die der alte Strippenzieher Richard Wagner aus dem Spiel nimmt. Doch taucht statt seiner kein neuer Kandidat für den Herzog-Job in Brabant auf, sondern es kracht eine Riesen-Marionette, der man die Seile gekappt hat, auf die Bühne. Darüber schwebt dann die berühmte Aufforderung Wagners, »Kinder schafft Neues« als Schlusspointe …

Schon im Vorspiel hatte sich eine Wagner-Puppe, in der ein Mensch steckte, in der Aura dieser überirdisch schimmernden Musik nicht nur gebadet, sondern sich von den Gralsklängen geradezu aufsaugen lassen. Sie verschwand nämlich in dem überdimensionierten Gralskelch, zu dem der reichlich genutzte Rundvorhang auf der Bühne von Heike Scheele effektvoll gerafft war. Eine verballhornte Brecht-Gardine gewissermaßen. Gleich beim ersten Chorauftritt wird das Theater selbst, gar die Berliner Opernszene, zum Thema. Der Heerrufer kommt als Berliner Bär, und der in Alltagskleidung aufmarschierende Chor treibt mit seinen Transparenten alle möglichen Wortspielereien, wie sie sich aus Deutsch(e), Komisch(e), Staat(s) und Oper so bilden lassen. Das ist zwar ganz witzig, aber dann als Thema auch erledigt.

Nicht freilich das Verführungspotenzial von Bühne und Musik, mit dem Herheim spielt. Die überzeugendsten Momente hat die Inszenierung, wenn der (bilderbuchmäßig) silberne Strahlemann mit Schwanenhelm unter einer herabsegelnden Riesenfeder wie ein Wunder der Verführung auftaucht. Bei einer so schillernd personifizierten, universellen Problemlösung geben alle, vom König bis zum letzten Brabanter, alsbald ihren Menschenverstand auf, entblößen sich bis auf die hautengen, holzgemaserten Ganzkörpertrikots mit Eichenlaub als Feigenblatt.

Die vorführende Distanz, mit der der Chor in seinem Spiel mit den Marionetten (halb Wagner-Barett, halb teutonischer Helm) die Verführbarkeit demonstriert, geht verloren, wenn die Akteure im zweiten Aufzug gleichsam zu diesen Puppen werden und sich so bewegen. Damit ist die Verführung vollendet. Doch der szenische Ausflug zu den »lustigen Brabantern« auf eine Jahrmarktsbühne mit Pappkulissen, Holzschwertern und Menschen-Puppen, mit dem sich Herheim durch den zweiten Akt albert, nimmt der Inszenierung auch einen Teil ihrer möglichen Wirkung. Erst im dritten Akt nach dem Eklat im Brautgemach erkennt der Chor erschrocken die militante Demagogie der kriegerischen Fanfarenklänge, erspielt das überzeugend und geht in Deckung, wenn nach dem Puppenabsturz auch die Bühne einzustürzen scheint.

Daniel Barenboim kommt mit der Staatskappelle mitunter dicht an die betörende Verführungsaura der Lohengrin-Musik heran, lässt sich aber auch kaum eine Gelegenheit entgehen, um dramatisch aufgeladen und zur Szene passend aufzutrumpfen. Klaus Florian Vogt ist als strahlender Lohengrin derzeit kaum zu überbieten. Dorothea Röschmanns Elsa sucht von Anfang an eher den schlummernden Zweifel dramatisch zu wecken, als den zweifelsfreien Glockenklang zu pflegen. Michaela Schusters Ortrud behält im ersten Aufzug als Einzige den klaren, beobachtenden Blick von der Seitenloge aus, gibt dann die bewusst überziehende, manchmal etwas angeschärfte Verführerin, um (nicht ganz logisch) im fast hexenhaften Wahn zu enden. Kwangchul Youn ist ein grundsolider König. Heerrufer (Arttu Kataja) und Telramund (Gerd Grochowski) waren an der Staatsoper schon überzeugender besetzt.

Spannend blieb es diesmal bis nach dem Finale. Im Vorfeld hatte es nämlich einen hausgemachten Eklat gegeben, weil sich Herheim mit einigen kritischen Äußerungen über die Zustände im Haus in einem »Welt«-Artikel allzu angriffslustig wiedergegeben fand und mit einem Entschuldigungsbrief an Barenboim und das Ensemble gegenhielt. Als Daniel Barenboim beim Schlussapplaus dann doch noch den kritisch-eloquenten Regisseur an die Hand nahm und ihm väterlich über den (manchmal ziemlich feurigen) Kopf strich, war diesem die Erleichterung über die versöhnliche Geste denn auch deutlich anzusehen!

Nächste Aufführung am 8. April, 18 Uhr.

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