Die Massenkundgebung war von der größten italienischen Gewerkschaft CGIL einberufen worden, deren Sekretär Guglielmo Epifani einen runden Tisch aller sozialen Kräfte gegen die Krise forderte.
In den vergangenen Wochen hat Ministerpräsident Silvio Berlusconi immer wieder behauptet, die Finanz- und Wirtschaftskrise habe Italien praktisch verschont oder zumindest weniger hart getroffen als die anderen Staaten. Gegenteiliger Meinung waren die Hunderttausenden – 2,7 Millionen laut Organisatoren –, die am Sonnabend nach Rom gekommen waren. 40 Sonderzüge, 2 Schiffe und knapp 7000 Busse hatten die Demonstranten aus allen Landesteilen in die Hauptstadt gebracht: eine der eindrucksvollsten Demonstrationen, die Rom je erlebt hat. Mit der Einberufung hatte die Gewerkschaft CGIL auch eine Machtprobe gewonnen, da die anderen Gewerkschaften sich der Demonstration nicht angeschlossen und viele Beobachter deshalb eher mit einem Misserfolg gerechnet hatten.
Doch der historische Circus Maximus, gleich hinter dem Kolosseum, war rappelvoll, als Gewerkschaftschef Epifani das Wort ergriff. Er kritisierte die Regierung, die seiner Meinung nach die Not des Großteils der Italiener ignoriert und sich überhaupt nicht um die Menschen kümmert, die ihre Arbeit bereits verloren haben oder in den kommenden Monaten verlieren werden. Allein in den ersten acht Wochen dieses Jahres gingen 370 000 Stellen verloren und die Industrieproduktion verzeichnete einen Rückgang von bis zu 30 Prozent. Dagegen steht ein »Krisenpaket« von nur 4 Milliarden Euro.
Es fehlt vor allem an zukunftsweisenden Maßnahmen, etwa im Bereich der Bildung, der Forschung oder der erneuerbaren Energien und besonders die jungen Menschen sehen keine Perspektive. So gab es neben den fünf Demonstrationszügen der CGIL in Rom auch einen der Schüler und Studenten. Auf den Straßen der Metropole waren auch auffallend viele Migranten zu sehen: Für sie ist nicht nur die Wirtschaftslage, sondern auch der virulente und von der Regierung geschürte Rassismus bedrohlich. Auch zahlreiche Kulturschaffende, darunter Nobelpreisträger Dario Fo, erklärten sich mit den Demonstranten solidarisch.
Die Regierung ignorierte den Protest oder machte sich lustig. »Das ist doch nicht mehr als ein Betriebsausflug«, erklärte Minister Renato Brunetta. Und auf die Forderung Epifanis nach einem Dialog über die Antikrisenmaßnahmen antwortete Ministerpräsident Berlusconi abfällig: »Wenn einer taub ist, kann man auch nicht mit ihm reden. Den runden Tisch hauen wir ihnen um die Ohren.«
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