Sprungmarken: Inhalt, Navigation.
Suchen auf neues-deutschland.de:

Erweiterte Suche

Von Ines Wallrodt, Straßburg 06.04.2009 / Inland

Mit Schockgranaten gegen friedliche Blockierer

Frankreichs Polizei übt sich in der Fernkampfstrategie

Ein brennendes Zollhäuschen, ein brennender Supermarkt, ein brennendes Ibis-Hotel, entglaste Bushaltestellen, brennende Barrikaden. Straßburg brannte. Mal wieder fällt ein linker Protesttermin vor allem durch Straßenkämpfe auf. Für alle, die mit einem politischen Anliegen nach Straßburg gefahren sind, fühlt sich das wie eine riesige Niederlage an.
Straßburg zerlegt von angeblichen Kriegsgegnern – für die Regierungschefs der NATO-Staaten ist es das Beste, was passieren konnte. Die Forderungen der Friedensaktivisten gingen in Tränengaswolken und brennenden Häusern unter. Keine Friedensfahnen auf der Europabrücke, das Bild bleibt dem Händeschütteln der Herrschenden vorbehalten. An diesem Ergebnis hatte die französische Polizei entscheidenden Anteil. Es wirft schon Fragen auf: Die Stadt ist bis in die Kirchtürme voll mit Ordnungshütern und dennoch konnten sich einige Hundert Randalierer mal so richtig austoben.

Die Strategie der Polizei lässt sich beschreiben mit: Zerstörungen erstmal laufen lassen und dann umso härter draufhauen, unterschiedslos auf alle, mit krachenden Schockgranaten, Litern an Tränengas, schneeballgroßen Gummigeschossen.
Drei Häuser an der Europabrücke brannten lichterloh, bevor die Polizei eingriff und die gesamte Demonstration unter Beschuss nahm. Die Feuerwehr brauchte Augenzeugen zufolge fast eine Stunde, bis sie eintraf. Nach Auskunft des Legal Teams hat es bis zum Nachmittag nur wenige Festnahmen gegeben.

An anderer Stelle ist es erstaunlich, dass sich Demonstranten nicht provozieren ließen. So kesselte die Polizei auf einer Brücke plötzlich 200 Menschen so eng ein, dass sie sich in den Armen liegen mussten. Ohne Vorwarnung, ohne dass ein einziger Stein geflogen wäre. Einige schrien nach Luft, fingen an zu weinen. Das alles scheinbar nur, um damit eine Kolonne die Brücke überqueren konnte.
So ist zu befürchten: Die verkohlten Häuser bleiben in Erinnerung, nicht die Forderungen des Gegengipfels oder die friedlichen Sitzblockaden. Dabei sind gerade die Blockaden zu einer Aktionsform geworden, die radikale Linke wie Pazifisten zusammenbringt. An drei Punkten besetzten am Sonnabend über 1000 Menschen Zufahrtsstraßen zum offiziellen Gipfel. In den Tagen zuvor hatten sie sich im Camp darauf vorbereitet: Bezugsgruppen gebildet, Sprecher bestimmt, Verhaltensregeln geklärt. Das Konzept ist anspruchsvoll und demokratisch. Alle Blockierer sind in Bezugsgruppen integriert, aus denen immer eine Person den Kontakt zu den anderen hält. So werden die Absprachen darüber getroffen, wie es weitergehen soll.

Vor Sonnenaufgang machten sich die NATO-Gegner in kleinen Gruppen auf zu den vereinbarten Blockadepunkten. Judith, eine junge Frau aus Münster, war auch um sechs Uhr früh schon guter Dinge. Sie mag zivilen Ungehorsam: »Das wirkt konsequenter. So habe ich das Gefühl, wirklich etwas getan zu haben«, sagt die 25-Jährige. Sie gehörte zu den rund 250 Leuten, die eine Hauptstraße im Norden bis 12 Uhr besetzen würden. Je näher man der Avenue Pierre Mendes France kommt, umso häufiger trifft man auf andere Kleingruppen. Anders als erwartet kreuzt kein einziger Polizist ihren Weg. Fast enttäuscht stellen das manche fest. Sie haben an den Tagen zuvor geübt, Polizeiketten gewaltfrei zu überwinden. Durchschlängeln statt durchschlagen, heißt das Motto. Einer der stärksten Momente an diesem Morgen ist denn auch die Reaktion auf die Ankunft der Uniformierten. Gegen acht postiert sich ein Trupp in Sichtweite. Und obwohl hier alle damit rechnen, dass nun das Tränengas kommt, bleiben sie ruhig. Nicht einmal das übliche »Haut ab, haut ab« wird gerufen, statt dessen werden Andreas und Mechthild losgeschickt. Beide grauhaarig, er Mitte 40, sie Ende 60. Zum Verhandeln. Hinter ihnen läuft eine Frau, die beschwörend durchs Megaphon ruft: »Wir wollen mit Ihnen reden. Wir sind komplett friedlich.« Die blau Gepanzerten lehnen ab: »Keine Diskussion.« Die Blockierer sollten sofort die Straße räumen. Sie tun es nicht. Und die Polizei greift dennoch nicht ein.

Eine andere Blockadegruppe im Süden war gleich mit Tränengas empfangen worden. Trotz des Angriffs blieben die 400 Leute ruhig. Sie sammelten sich neu und taten das, wofür sie gekommen waren: den Gipfel blockieren. Nach und nach zog sich auch hier die Polizei zurück.
Das Ziel dieser Aktionen war klar: »Wir wollen den Ablauf stören. Die sollen direkt merken, dass wir etwas dagegen haben«, erklärt Judith. Zum Teil gelingt das: Einige Fahrzeuge mit offiziellen NATO-Gipfel-Kennzeichen müssen wenden. Die Nachricht, das Händeschütteln der Regierungschefs habe sich um eine Stunde verzögert, wird mit Jubel quittiert. Allen gefällt der Gedanke, dass auch sie einen Beitrag dazu geleistet haben.

Die 27-jährige Riia aus Finnland ist nicht ganz zufrieden: »Ich dachte, dass man die Auswirkungen mehr spürt.« Tatsächlich, mehr als drei Dutzend Fahrzeuge waren es wohl nicht, die in den fünf Stunden abdrehen mussten. »Wir müssten 10 000 sein, dann könnten wir auch alle Ausweichstraßen dicht machen, sagt einer, der auf der Straße sitzt.«
Gegen Mittag lösten sich alle Blockaden freiwillig auf. In der Innenstadt treffen sie später aufeinander. Die wenigsten kommen noch durch zur Demonstration. Die Polizei hat die Übergänge zum Kundgebungsort dicht gemacht. Alles andere als gewaltlos.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Kommentare zu diesem Artikel

Kommentar schreiben (Login erforderlich)
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Ihre Meinung zu diesem Artikel

Hauptstadtflughafen BER

Seit Monaten hieß es am neuen Berliner Flughafen intern: Es gibt Probleme, aber wir schaffen das. Nach der Verschiebung steht der Flughafen-Start jetzt in den Sternen. Rund um den neuen Flughafen Berlin Brandenburg häufen sich die Probleme - die wieder einmal geplatzte Eröffnung ist nicht das einzige.

Alle Dossiers

Facebook
Twitter
nd im Club

LINKE in der Sackgasse

Podiumsdiskussion mit Abgeordenten der Bundestagsfraktion DIE LINKE. zum Zustand der Partei
Kristina Schröder Bildungsabo

Um Mithilfe wird gebeten

Bundesministerin Kristina Schröder warnt vor dem linksextremen »nd«. Lesen Sie selbst!
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Werbung:

Werbung:

Sprungmarken: Seitenanfang.